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Das Reptil-Star-Kollektiv- gelebte Kunst.

Mean Machine

Von Christina Mertens

 

Kapitel 1

 

Einleitung:

 

 Wie hat eigentlich alles angefangen. Schräg einfallend und bleich wie Pisse Wintersonne, so in Rückblende. Plus jede Menge Feuer. Die ganz große Oper.

 Schöne blaue Augen und gierige Hände, wessen Hände? Dann die Blumen, die erst geblüht haben und dann geblutet. Obwohl es eigentlich ziemlich kalt war die ganze Zeit, sogar mitten im Sommer. Musik hämmert in den Ohren, ein Beat in Endlosschleife. Und das ist noch das Beste dran. Der fetteste Soundtrack aller Zeiten.

 Kotze am Straßenrand, Lachen um Mitternacht und Sterben morgens dann. Fliegen, die sich über ein altes Kotelett hermachen, das in der Mittagssonne vor sich hingammelt, Todessehnsucht und Gespensterfinger.

 Rosenranken, die sich durch den Asphalt bohren, nur um alsbald wieder platt getreten zu werden. Oder war das bloß geträumt? Und alles jede Nacht immer wieder von vorne.

 Braune Augen. Wichse auf dem Sofa oder war` s ein Autositz. Ich weiß es nicht mehr. 

Ein Schneefeld im Sturm.

 Es gibt keine Liebe hier, höchstens einen besoffenen Kuss unter irgendeinem Torbogen.

Dauernd auf Wiedersehen sagen und wissen, dass das nichts als Gerede ist. Sonnenaufgang, dann wieder runter, und zwischendrin ein Blitz. Freundschaft. Ist das was wert?

 Da ist Rauch, der alles vernebelt, oder ist das wieder dem Alkohol zuzuschreiben.

Ich bin bekennende Säuferin und eine Schlampe bin ich auch, sagen die Leute. Es hätte so oder so keinen Zweck mit mir. Und ist es nicht auch scheißegal.

 Ich will hier nicht moralisch kommen, den Mist sollen die verzapfen, die Lust und Muße dazu haben. Und das besser können als ich.

 Aber ich kehr vor meiner Hütte, und ich schwöre: da ist es sauber genug.

 

1. Bebop a Lula

 

 Schon als ich ihn das erste Mal durch den Saal stolpern sehe, hab ich so `ne Ahnung. Mein integrierter Alarm, was Kerle betrifft, verrät mir, da geht was. Und weil er so dicht ist, wie ich mit Sicherheit aussehe, taufe ich ihn Prinz Valium, wie in dem Mel Brooks- Film. Sein Name ist Denny, wenn ich mich richtig erinnere.

 Wir kennen uns von früher, das heißt, bevor ich ausgestiegen bin aus dem ganzen Partyzirkus, damit ich den vorzeitigen Hirntod umgehe, und damit aus mir doch noch mal was wird im Leben.

 Irgendwas, ich muss kurz, aber heftig lachen. Das von damals weiß er natürlich nicht mehr. Kein Wunder, wenn man sich den Mann so ansieht, mehr oder weniger die Hälfte von damals. Eher weniger.

 Ich heiße Chris, aber ich nenne mich neuerdings Lula, wie in dem Gene- Vincent- Song. Ich bin gerade mal dreißig Jahre alt, und mir ist, als hätte ich mindestens die letzten zehn davon im Kühlhaus gehangen. Mit dem Kopf nach unten wie `ne Fledermaus. Ich hab mich ganz gut gehalten. Aber manchmal gehen Strategien eben einfach nicht auf.

 

 Wir schreiben das Jahr 2003.

 Junge, wie die Zeit vergeht, denke ich bei mir und ziehe die Lippen im Taschenspiegel nach, maßlos übermalt natürlich. Ich fühle mich sexy.

 Was ist das heutzutage alles kompliziert geworden, ich checke kurz, was so alles an Männern anwesend ist, und überprüfe meine knallengen Hosen auf perfekten Sitz. Alles in Ordnung.

 Das eine oder andere Wort wird gewechselt, na so was, du hier, was ist das lange her, oh Mann, da ist` n Freund, wir sehn uns noch. Und ab dafür, mehr ist nicht drin. Außerdem sind einwandfrei zuviel Weiber hier, was für `ne Verschwendung guten Materials, denke ich und ziehe ein langes Gesicht, ich kuck im Barspiegel nach, ob das auch gut aussieht. Tut es.

 Wie Mr. Rhett Butler in meinem erklärten Lieblingsschinken Vom Winde verweht schon immer gesagt hat, jede Verschwendung macht mich ärgerlich. Und das ist die reinste Verschwendung. Ich muss ihm dringend beipflichten. Trotzdem ist nichts zu machen.

 Meinen Begleiter muss ich außen vorlassen, schon seit wir losgefahren sind, macht der den Stress des Jahrhunderts. Ich bin hier mit meinem besten Freund, dem Psycho. Und der Name ist Programm.

 So ein richtiger Horrortrip war das hierher, mit der verfickten Bahn, weil uns keiner fahren wollte. Wer denn auch, ich kenn ja kaum mehr jemanden, der sich für Rockmusik interessiert. Außer dem Psycho natürlich.

 Immer mit der Ruhe, sinniere ich und bohre in der Nase, während ich genüsslich zuschaue, wie mein Freund einen von den Mülleimern, die sie in dem Bahnwaggon installiert haben, mit zwei Fußtritten atomisiert.

 Einer der Besten ist er immer noch, keine Frage. Sind ja auch nicht mehr so viele übrig. Bedauerlicherweise weiß er das, und lässt es mächtig raushängen. Seit Jahr und Tag.

Und das ist in unserem Fall seit sechzehn Jahren. Das ist dann fast so lange her, wie ich alt war, als ich mit dem ganzen Mist hier angefangen hab. Minus Drei. 

 Was den Psycho angeht, der braucht allenfalls drei Minuten und die Klamotten sind unten, damit auch garantiert jeder mitkriegt, wer am besten gebaut ist, früher hat er immer noch zwei Kumpels mit dabei gehabt, die waren genauso. Die drei Stooges haben wir die immer genannt, nach der alten Fernsehserie, und vielleicht auch nach der Garagenband um Iggy Pop, und alle hatten sie höchsten Unterhaltungswert, besonders, wenn` s dann Ärger gab.

 Es gab meistens welchen, und seit der alten Zeit ist unser Code für `ne Schlägerei den Iggy zu machen. Das ist immer lustig.

 Die beiden anderen Stooges verschlang irgendwann der Mahlstrom der Zeit. Ich hab keine Ahnung, was mit denen eigentlich passiert ist. Blieb nur der Psycho übrig. Und ich.

 

 Für die letzten 10 Jahre war ich also so was wie `ne Mixtur aus Cashmaschine, Liebchen und bestem Kumpel für den Psycho und ich sage: er hat das auch verdient. Meine Avancen wurden allerdings nie so recht erwidert. Der Psycho ist trotzdem mein Freund. Und wer will schon komplett allein sein?

 Ich denke, es gibt auch kaum jemanden, der so ohne weiteres erträgt, wie wir uns aufführen, das ist dann Punkrock, in Ermangelung anderer Ausflüchte. Und natürlich, weil niemand sonst mehr übrig ist. Was durchziehen, was schießen. Das ist wichtig. Und uns immer wieder darüber in den Armen liegen. Was soll das auch, wir wissen, wer oder vielmehr was wir sind.

 

 Als ich den Psycho kennen gelernt hab, kam er immer zum Tanzen in die Turbine, das war unsere damalige Stammdisko.

 Wir haben die Musik da gemacht, und den Barbetrieb geschmissen, mein lieber Vlado und ich. Damals war ich richtig verheiratet, ich kann es heute kaum mehr fassen.

 Das war, kurz bevor ich komplett auf den Drogenrollercoaster aufgesprungen bin, und ihn Hals über Kopf verlassen habe. Der Psycho war dafür mein Ticket to Right. Wie bei den Beatles. Als ob ich für so was jemals eins gebraucht hätte.

 Nach dieser rasanten Kehrtwendung bin ich mit dem Psycho und einem weiteren Nichtsnutz namens Hank, der aber nie weiter was zu sagen hatte, in so eine Art Kommune gezogen.

 Ich hab brav gearbeitet, der Psycho hat stattdessen Geschäfte gemacht. Alles klar. Aber Drogen waren immer genug im Haus, also hab ich das nicht weiter reklamiert.

 Auf Vlado komme ich dann später noch zurück. Ein wahres Kapitel für Schmerzensmütter. Mindestens eins.

 Auf jeden Fall waren wir dann irgendwann zusammen, der Psycho und ich, und zwischendurch sogar mal clean. Das ist aber ziemlich lange her. Dann kam die Sache mit dem Kühlhaus.

 An die zehn Jahre lang hatte ich beinahe vergessen, dass ich eine Möse zwischen meinen Schenkeln sitzen hab, und dass es morgens Sonnenaufgänge gibt auch, alles solches Zeug. Die wahre Liebe eben.

 Bis vor exakt drei Monaten und fünf Tagen, da hab ich mich vom Psycho getrennt und den freien Markt wieder betreten. Gründe gab es dazu viele. Sehnsucht, Einsamkeit, Pleitesein, man kann sich einen aussuchen. Ich schnupperte den Anbeginn einer komplett neuen Ära.

 Der Psycho kam hinterher, was sollte er auch machen. Zusammen wohnen sind wir in der alten Bude geblieben. Ich wollte ihn nicht ans Messer liefern. Ihm war alles recht, außerdem war ja sonst keiner mehr da, den er aussaugen konnte. Ich für meinen Teil bin in dem Punkt, wie schon immer bei ihm, weich geworden. Es hat mir eben leid getan. Plus meine vorbenannte Einsamkeit.

 Dann hab ich von der Show gehört und sozusagen den Ruf der Wildnis vernommen. Und weil wir abends eh nichts anderes mehr machen, als zu saufen und uns gegenseitig dumm anzumachen, habe ich Tickets gekauft.

 

 Wir sitzen also im Zug und ich freu mich schon richtig, zum ersten Mal seit undenklicher Zeit mal wieder auf die Piste zu gehen. Abenteuer!

 Das einzig Bekloppte ist, dass mein Lieblingspsycho schon die ganze Zeit versucht, mich anzubaggern. Sicher ist es nicht leicht für ihn, hier mitzulatschen, aber ich hab das schließlich bezahlt, oder etwa nicht. Und ihn auch nicht eben dazu geprügelt. Aber was vorbei ist, ist halt nun mal vorbei.

 Rock and Roll, schrei ich, um irgendwie Stimmung zu machen. Ich kann mir die lange Visage von diesem Menschen allmählich nicht mehr ankucken. Er schmeißt als Antwort mit einer Flasche, die geht mir haarscharf am Kopf vorbei und durchschlägt ein Fenster.

 Fick dich, röhre ich als Antwort und die ganzen Fahrgäste in dem Zug kucken rüber und rücken ab, als hätten wir was Ansteckendes.

 Kein Problem, will ich sagen, Irresein ist nicht übertragbar, aber meine Gedanken lassen sich nicht auf so was Schnödes konzentrieren. Und was hab ich damit eigentlich zu tun.

 Ich halte den Mund. Da fällt mir auch noch ein, dass mich der Psycho nie freiwillig angefasst hat, mit tausendundeinem Grund und doch keinem, der für mich was zählen würde. So was schürt den Appetit. Ich zeig ihm den Finger. Er lacht. Ich schüttele mit dem Kopf. 

Ich für meinen Teil bin halbverhungert.

 Wie viele Wutanfälle hat er jetzt mittlerweile auf dem Weg gehabt, ich hab schon aufgehört, zu zählen. So oft hat mir noch keiner geschenkte Karten vor die Füße geschmissen. Weil ich sonst nie einem was schenke.

 Der Arsch hat wirklich Talent, mir alles zu vermasseln, das kenn ich schon. Wie ein Racheengel mit Flammenblick und einem goldenen Scheiß-Stoppschild in der Hand. Rache für was, verdammt?

 Na ja, so was ist seine Paraderolle, aber ich hab keine Absicht, ihm heute Nacht die Bühne zu lassen. Trotzdem hab ich ihn gern, immer noch und immer mal wieder. Besonders, wenn ich einen sitzen habe und das ist nach der Literflasche Brandy, die wir als Wegzehrung dabei haben, gar heftig der Fall. Von dem Gramm Meth, das wir uns schon vorher brüderlich geteilt haben, mal gar nicht zu reden. Eigentlich ist alles wie immer. Unsere alte kranke Geschichte.

 

 Drauf geschissen, denke ich, denn wir sind endlich da. Ich fahre aus meiner Träumerei hoch, wir geben uns Fünf und machen, dass wir aus dem Zug rauskommen.

 Es ist noch eine gute halbe Stunde Fußmarsch bis zu der Halle, unterwegs leeren wir unsere Flasche, verkrachen uns ungefähr sieben Mal und vertragen uns wieder. Irgendwann hör ich ihm nicht mehr zu. Wir eiern gerade noch rechtzeitig rein. Die Band spielt schon.

 Ich lasse den Psycho kurzerhand stehen, wo doch gerade die Show anfängt und drängele mich zur Bühne durch. Wozu sich mit Herzschmerz und dem Scheißdreck anderer Leute abgeben, wenn die Phantomgitarre einen um den Verstand bringt, der Brandy wie ein Flüsschen die Kehle runter fließt und der Drummer Arme zu haben scheint wie ein verdammter Oktopus? Ich jedenfalls nicht. Es ist zu laut und zu cool hier dazu.

 Ich schmeiße mich also mitten ins Geschehen, und schwenke meine Hüften nicht für irgendeinen Kerl sondern im Rockabilly- Himmel.

 Das ist was Gutes, nur Tanzen und Schwitzen, ich schnipse gekonnt die Haare zurück, und wackle mit dem Arsch, was das Zeug hält. Mir ist, als ob alle Umstehenden mich anstarren. Die alte Chris hätte sich geniert. Lula ist so was scheißegal. Die genießt das.

 Irgendwann bemerke ich einen Aufruhr vor der Bühne, zwänge mich da durch, und entdecke den Psycho, wie er sein Hemd runterreißt, und sich anschickt, die Bretter zu stürmen.

 Na Klasse, ich greife mir den Mann am Hosenboden, und zerr ihn wieder runter. Es kommt zu einem ziemlich lustigen Gerangel deswegen.

 Den Rest vom Konzert verbringen wir in trauter Eintracht damit, den anderen Typen immer wieder vor` s Bein zu treten und dann blitzartig wegzutauchen.

 Ist doch noch ein schöner Abend geworden, denke ich, als ich über der Kloschüssel hänge und den ganzen Alkohol wieder rauskotze. Da kann man mal sehen.

 

 Als alles vorbei ist und ich im Zug zurück wieder halbwegs zu mir komme, blicke ich direkt in Prinz Valium` s reichlich umnebelte Blauaugen.

 Da sitzt er doch tatsächlich neben dem Psycho und starrt mich die ganze Zeit mit so einem wirklich unheimlichen Tunnelblick an. Ich hab gar nicht gemerkt, dass ich die ganze Zeit hinter ihm hergelatscht bin auf dem Weg zum Bahnhof, ich erkenne das nun an den grünen Glitzerhosen, die er trägt und die die ganze Zeit vor mir rumgeeiert sind. Wie ein Sinnbild aus besseren Zeiten, oder wenigstens geschmackvollerer Mode.

 Das Glück ist also mit mir, und das ausgerechnet deshalb, weil der Psycho irgend so eine Schnalle aus seiner Clique angelabert hat.

 Wofür so was doch gut sein kann, ich lache die Beiden breit und dankbar an.

 Natürlich frage ich ihn nach seinem Namen, obwohl ich den ja vermeintlich kenne. Reine Formsache. Die ganze Kabine hat Seegang und mir ist, als blinkerte mich das Schicksal mit hunderttausend Birnchen an, so vage von der Seite. Wer weiß das schon alles so genau. Mensch, ich bin stockbesoffen. Natürlich ist er das. Denny. Ich glaube, ich war schon damals in ihn verknallt, zur Turbinenzeit. Wir hatten bloß niemals Gelegenheit, die Sache zu verfolgen.

 Er bemerkt meinen Blick und lächelt, als ob er meinen Gedanken aufgeschnappt hätte. Kann ja noch kommen, denke ich, setz mich gerade hin und grinse aufmunternd zurück.

 Gerede hin und her, und selbstverständlich macht der Psycho, der nicht abkann, dass er hier nicht die Hauptperson ist, eine Szene, gleich jetzt und hier. Sein Hemd steht schon wieder sperrangelweit offen und entblößt voll austrainierte Bauchmuskeln. Und ich kann mir das dann wieder anhören, wenn er einen Schnupfen kriegt.

 Hört eh keiner zu, sag ich zu ihm, und mir ist das auch wirklich scheißegal.

 Mein Sitznachbar legt sich gerade zum x-ten Mal eine Line Speed auf seinem Taschenspiegel aus, ich registriere es im Augenwinkel und greife mir das Ding.

 Was zum Teufel, denke ich, am Liebsten wollt ich gleich ab hier mit dem Denny in den Rock` n` Roll Himmel starten, im 57-er Chevy oder wenn` s sein muss in einer Kartoffelkiste.

 Oh Denny Boy, the pipes, the Pipes are ca- hal- ling, deklamiere ich den schönen alten Gassenhauer und lache mir ins Fäustchen. Ich glaub, er hat angebissen.

 

 Dann ist Endstation und wir kippen alle zusammen aus dem Zug. Scheiße, ich will jetzt nicht weg! Ich bin nämlich zurück, Baby!

 Verstohlen kuck ich an mir runter, na gut, meine engen, schwarzen Samthosen haben ziemlich gelitten, weil ich beim Konzert ständig hingeflogen bin, und komplett durchgeschwitzt bin ich auch, aber der Rest geht in Ordnung. Aufrisstauglich.

 Diese Nacht ist ganz das alte Gift, ich weiß, besser geh ich gleich, weil der Denny diese Augen hat. Immer bin ich mit denen gegangen, die solche hellen Augen haben, etwas irre und kaputt und unwiderstehlich sexy auf so eine bestimmte Weise, das ist wie verhext.

 Ich sag also Wiedersehen, er pflanzt mir einen Kuss auf die Wange, und dann sitze ich auf einmal allein am Bahnsteig auf dem Boden. Alles dreht sich.

 Irgendwie sind sie alle verschwunden, während ich noch über die Birnchen und das Schicksal sinniert habe, und Denny` s Rotze an meiner Wange trocknet.

 Der Psycho mit dem Taxigeld ist weg, also renne ich einfach los, die Treppen hoch und runter, wie im Rausch, bis ich völlig außer Atem bin. Das viele Pulver fordert seinen Tribut.

 Alle Anschlusszüge sind weg, kein Wunder, es ist ja auch zwei Uhr in der Nacht mittlerweile, ich drehe mich drei Mal um mich selbst, und gerade, als ich mich seufzend in Richtung Lunabar aufmachen will, um wenigstens bis zum Morgen weiter zu trinken, kommt Dennyboy die Treppe runter, und er ist augenscheinlich genauso breit wie ich. Wenn nicht noch mehr.

 Ich muss laut lachen und setze seine Sonnenbrille auf, so ein schwarzes Plastikding in Schmetterlingsform. Wenn die nicht aus dem Kaugummiautomaten ist, weiß ich auch nicht weiter.

 

 Irgendwann hocken wir dann nebeneinander auf so einem Mäuerchen und ziehen einen Joint durch, als es kommt wie es kommen muss. Ich fange an, ihn zu küssen als er meine Lippen berührt, und im Handumdrehen gehen wir zu Boden.

Heißer als heiß ist das, lass mal nur jetzt das Denken sein, ich kreuze die Finger meiner freien Hand hinter dem Rücken. Er greift mir an den Hintern und zieht mich hoch.

 Er murmelt wir gehen, ich frage wohin, er sagt nichts und zerrt mich Richtung Parkanlage.

 Moment mal, ich schalte das Hirn wieder ein, so will ich das nicht, und wenn ich auch verrückt bin und nach ihm noch viel mehr, werde ich mich gleich jetzt und hier auf der nächsten Bank für umsonst bespringen lassen? Kommt ja überhaupt nicht in Frage.

 Du hast kein Glück, eröffne ich ihm lässig, und kuck woanders hin, genauso wie ich. Und dreh mich um.

 Verfickt, diese Augen. Ich weiß sogar in meinem verstrahlten Schädel, am nächsten Tag bin ich verknallt. Oder jetzt schon. Genau wie vor zehn Jahren schon.

 Also renne ich lieber weg und er hinterher, geh nicht. Vergiss es, sag ich, er meint okay, heut Nacht nicht. Schulterzucken beiderseits. Keiner will was sagen.

Aber küssen will ich ihn, als ginge es ans Leben, schon immer hab ich gerne geknutscht, da gibt es auch weniger Nullnummern dabei, als wenn man gleich auf` s Ganze geht. Ich meine, man merkt es vielleicht vorher.

 

 Wir steigen in ein Taxi und die Fummelei geht von Neuem los. Ich muss den Psycho wirklich in den Arsch treten, denn ich übernehme allmählich keine Garantie mehr, dass ich hier hart bleibe. Ich merke dabei, jemand anders hier hat genau das entgegen gesetzte Problem. Ich muss lachen und das Taxi hält. Der hier ist ein Meister, was das Küssen angeht.

 Oben am Himmel hängt ein Vollmond, blank und rund wie eine neue Münze. Und er scheint mich auszulachen. Die warme Nachtluft streichelt an meinen nackten Armen lang. Und die Sehnsucht frisst sich durch meine Eingeweide. Wie eine Ratte.

 Wo find ich dich, frag ich, und er gibt mir eine Telefonnummer. Wirklich allein nach Hause gehen, fragt er noch mal und ich sag ja. Ich werde dich sehen.

 Die Berührung in meiner Handfläche juckt noch stundenlang. Schmeiß diese Nummer weg, denke ich, es ist noch nicht zu spät. Aber ich weiß, wo ich ihn auftun kann und ich weiß genau, ich werde.

 

 Drei Tage halte ich durch, dann ruf ich ihn an. Es ist echte Scheiße, die ich hier im Begriff bin zu bauen, und ich weiß es. Aber ich hab sozusagen ein dringendes Problem. Ich brauch einen Fick. Und zwar einen guten. Und der hier ist die Sache wert. Den Gedanken an Liebe versuche ich runterzudrücken. Es klappt ganz gut, aber nicht komplett. Ich ertappe mich beim Fantasieren.

 Wer weiß, überlege ich und stell mir extra für das Gespräch die passende Musik an.Vielleicht kommen jetzt endlich bessere Zeiten.

 Ich muss an Vlado denken, meinen längst geschiedenen Exmann. Der übrigens ein Uraltkumpel ist vom Denny, daher kenn ich ihn ja auch. Glaube ich jedenfalls.

 Am Telefon ist es nicht gerade aufregend, wir sprechen exakt fünf Minuten, ich kuck auf die Uhr Aber ich hab immerhin mein Date. Vielmehr ich weiß, wo er auflegt. Ist das nun ein Date? Na, egal dafür.

 Samstagnacht, am liebsten wäre ich gleich zu ihm hingefahren, aber bin ich etwa eingeladen? Vielleicht denkt er ja an mich wie ich an ihn denken muss, einen Moment mal, es sollte schon gut genug sein, dass er noch weiß, wer ich bin, oder. Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich noch länger darüber nachdenke. Ich habe Fieber. Klarer Fall.

 

 Samstagabend ist es heiß wie im Sommer und ich fühle mich scharf wie ein Messer.

 Geh nicht raus heut Nacht, sagt der Verstand, und der Psycho natürlich, aber die Füße bewegen sich wie von alleine. Was kann ich also machen.

 Ich streck dem Psycho die Zunge raus, bekucke mich im Spiegel an und lach mich anerkennend an. Obwohl ich ein seltsames Gefühl hab innen drin.

 Ich hab die engsten Jeans und Lederzeug an, und meine schönen langen Haare knallrot und bis zum Hintern runter, offen versteht sich.

 Kopf hoch, Mensch, du bringst das immer noch, meine ich zum Spiegelbild, hab doch nicht so ` nen Schiss. Gehst doch bloß mal wieder rocken, oder. Und gerockt werden!

 Someday, someway, irgendwie geht mir das alte Lied in Endlosschleife durch den Kopf, maybe you’ ll understand me. Bob Gordon wusste wahrscheinlich selber nicht, warum. Und ich erst recht nicht.

 

 Kaum angekommen mache ich den Mann sofort hinter dem Plattenteller aus. Er hüpft wie ein Derwisch in dem Hasenstall, den sie hier für den Dj gezimmert haben, immer auf und ab, wie ein Gummiball. Schon wieder auf Speed, da geh ich jede Wette ein.

 Ich verzieh mich an die Bar, ich möchte erst mal die Lage peilen. Gute Musik spielt er immerhin.

 Ich überdenke das mit dem Typen lieber noch mal, weiß der Teufel, am Ende gibt das eh bloß wieder Ärger. Ich winke ihm zu, er kommt rüber.

 Heut Nacht will sie tanzen, wispere ich verführerisch, zumindest bilde ich mir` s ein, der Denny nickt mit unbewegtem Gesicht dazu, latscht zurück und kramt eine neue Platte raus.

 

 Alle bösen Gedanken sind wie weggeblasen, als ich ein paar Whiskeys später die Tanzfläche stürme. Und er tanzt mit mir. Alle tanzen hier sowieso zusammen, es ist ein einziger Tumult, und wie cool ist das denn.

 Klar bin ich schon wieder ziemlich blau, aber ist gut so, ganz egal, wie` s nun kommt. Hauptsache es kommt. Ich fühle mich großartig.

 Natürlich sind der Denny und ich dann irgendwann im Hinterzimmer und rollen auf den Bänken rum, immer abwechselnd mit Tanzen und Trinken. Langsam kommt er auch in Stimmung, wie` s den Anschein hat, heut Nacht passiert was, denke ich und ich werd` s nicht ausschlagen.

 Gegen Morgen schnappt er mich dann bei der Hand und zerrt mich raus aus der Tür und in eine Taxe rein, jetzt gehen wir ja doch miteinander weg, nuschelt er, ich muss lachen. Wer hat da jetzt gewonnen. Das haben wir uns versprochen, meint er cool und ich kann da momentan nichts entgegensetzen.

 Dann hängen wir in seinem Zimmer rum, ich muss zugeben, so schnell hat mich selten einer aus den Klamotten gehabt, wir wälzen uns auf dem blanken Boden und es ist perfekt. Wie ein Film. Ich kuck mich zwischendrin um und staune, alles stimmt, es ist, als wäre ich immer hier gewesen, und ich gestehe mir ein, ich wollte gern bleiben.

 Nachher schlafe in seinen Armen ein, mitten auf diesem wohlriechenden, wenn auch ziemlich harten Parkettboden, ich fühle mich immer noch wunderbar, trotz der Bierlache, die allmählich die Decken durchweicht. Mit einem ganz sanft flüsternden Geräusch.

 

 Grelle Sonne im Gesicht weckt mich wieder auf, das rote Licht in der Ecke brennt auch noch, und mein Schädel brummt wie ein Kreisel wegen all der Whiskeys.

Ich mach Bestandsaufnahme, es ist noch alles da, mitsamt Kohle und Klamotten.

 Der Typ sieht immer noch gut aus, er schläft da neben mir wie ein Engel, rote Lippen und dunkle Haare, weich wie so ein Seidenteppich, das kann man von meinen im Moment nicht behaupten. Jedes Bild an der Wand lacht mich an, jede Platte auf dem Boden auch.

Sogar der ganze Müll, den wir hinterlassen haben, kuckt freundlich. Nicht zu fassen.

 Ich muss grinsen, versuche, meine verfilzten Locken glatt zu kriegen, und reibe mir den vom harten Parkett schmerzenden Hintern.

 Auf dem Klo hängen Twistschritte, das heißt, so `ne Tanzanleitung, wie man das früher hatte. Denny ist da anscheinend hoffnungslos altmodisch, genau so wie ich. Ich hab, sobald ich wach war, natürlich gleich heimlich die Bude inspiziert. Was sagt man dazu, ich pfeife durch die Zähne, aber leise, damit er nicht aufwacht. Volltreffer!

 

 Ich krame die Taschen meiner durchgeweichten Hose durch und fisch mir meinen Lippenstift raus. Ich muss grausam aussehen, aber versuche trotzdem rauszuholen, was geht. Dann weck ich ihn auf, mit vollem Körpereinsatz.

 Ich hab überall blaue Flecken, manche groß wie `ne Faust. Ich werd sie mir später ansehen und mich erinnern. Und die Dinger kneifen natürlich. Es folgt noch eine Runde Sex. Ich hätte es stundenlang machen können, das ist seit Jahr und Tag so nach durchzechten Nächten. Wenn man mich mal lässt. Gott, ist das gut.

 Ich fühle ich mich am Leben, wie schon lange nicht mehr, wenn mir auch grottenübel ist von der Sauferei.

 Anschließend liege ich da und rauche eine Zigarette nach der anderen. Mein Kopf wird langsam klarer jetzt, der Märchenprinz neben mir schläft schon wieder wie tot.

 Eine fette Katze kommt angeschlichen und legt den Kopf schief. Ich streiche ihr über den Kopf. Vielleicht kann ich bis zum Abend bleiben? Und vor allem: wann werde ich wiederkommen? Es ist kein Schlaf mehr möglich angesichts all dieser Möglichkeiten.

 

 Ich denke also an alles Mögliche und sogar an den Psycho sowie an die kommende Szene, weil ich mal wieder nicht heimgekommen bin. Das wäre dann der Nachteil am Zusammenleben. Ich könnte ihn manchmal an die Wand hauen, aber auch ich hab Schiss vor dem Alleinsein. Ich gebe so was nicht gern zu. Na, vielleicht hat sich das ja jetzt erledigt. Was wird als Nächstes geboten?

 Ich steh auf und fahre in die Klamotten. Zumindest in einen Teil davon. Weck ihn wieder auf, wo ist das Badezimmer. Komischerweise bin ich verlegen, und das bei allem, was hier vorhin noch abgegangen ist. Die Sonne brennt nur so runter, es muss schon Nachmittag sein.

 Hast du hier Kaffee, frag ich, ich würde dafür jetzt `nen Mord begehen. Klar, er steht schnell auf und wirft eine Art japanischen Kimono über.

 Der Typ ist so was von sexy. Scheiße, ich könnte schon wieder, beherrsche mich aber. Ich hänge mich stattdessen aus dem Fenster, da hängt ein Plakat direkt gegenüber, darauf steht Die wilden Frankfurter Nächte. Ich reib mir die Birne. Soso, also noch in der Stadt. Welcher Teil davon, frag ich mich. Filmriss total, na, das werde ich schon rausbekommen.

 

 Wohnt hier noch wer, rede ich munter weiter und lache ihn fröhlich an. Es gibt hier ja zwei Zimmer, eines sogar mit einem wirklich dekadenten Riesenbett in Rund, warum sind wir eigentlich nicht da rein? Ich versuche, ein paar widerspenstige Haarsträhnen glatt zu bekommen.

 Meine Freundin, meint der Drecksack lässig und lümmelt im Türrahmen, das Lächeln rutscht mir nicht runter, es gefriert bloß, und das bei der Hitze hier. Ich knote unzeremoniös mein Lederoberteil zu, der Nackenverschluss ist letzte Nacht draufgegangen bei all dem Gerangel. Bereust du` s jetzt oder was, bohre ich weiter.

 Nee, sagt mein Held schlicht, weil jetzt ist es ja passiert. Er kuckt mich völlig distanziert an. Ich mach den Kaffee. Ein Mann, ein Wort.

 Dann sitzen wir zusammen in dieser Küche voller dramatisch schräger Septembersonnenstrahlen, ein extrem gemütliches Bild, wenn man das so von außen betrachten würde, aber so gar nicht mehr meines auf einmal. Und vorhin hat mir gerade dieser Raum am besten von allen gefallen.

 Das kommt dabei raus, wenn man splitternackt fremder Leute Wohnungen ausspioniert. Mann, bin ich ein Arschloch.

 

 Ich sag nichts mehr dazu. Er auch nicht. Die Katze kommt rein, süß, sag ich, ich hab auch welche. Ja, wir wollen noch eine dazu, meint er. Ach, fick dich doch, denke ich. Mir steckt hier ein Messer im Bauch, und der sülzt mich auch noch voll.

 Wirst du jetzt gefressen, wenn du heimkommst, will er wissen. Nee, mein ich, der macht, was er will, und ich auch, weil ich an den Psycho denke und mich freu, dass ihm das wenigstens einfällt. Nee, ich mein die Katzen. Er lächelt mich freundlich an.

 Nicht, wenn sie einer füttert, presse ich mühsam hervor. Ich kratz mich am Kopf. Ich glaub das jetzt nicht.

 Wir reden noch ein bisschen rum, die Band, die Freunde von damals, irgendwie will ich noch was sagen, dass ich stinkend einsam bin und mich fühl, als ob ich gleich verfaule vielleicht, und dass ich ihn am Ende vielleicht noch lieben könnte, aber sein Blick lässt mich dann doch lieber schweigen. Hab ich mich nicht schon genug zum Affen gemacht hier.

 Diese Scheißaugen, das ist das ganze Problem. Damit hat er mich rumgekriegt. Ich fühl mich mehr als bescheuert.

 Ich hab kein Glück mit Freundschaften, sag ich und kuck an ihm vorbei. Alles weg von dieser Nacht. In einer halben Stunde. Er sagt nichts. Muss er auch nicht.

 Ich geh dann mal, erkläre ich schließlich und spring so unvermittelt auf, dass der Stuhl umfällt. Er küsst mich, sehr vorsichtig, er macht den Mund zu dabei. Nichts wie raus hier, sonst muss ich kotzen. Ich fühl, wie` s in einem ekelhaften Schwall aufsteigt.

 Auf bald mal wieder in der Nacht, würge ich hervor und renn die Treppen runter.

 Hau rein, sagt er dann auch noch, die wahrhaftige Mutter aller schlechten Sprüche. Ich hebe die Hand zum Zeichen, dass ich ihn gehört hab, wetze so schnell ich kann um `ne Biegung von der Treppe, und kotze in einen Blumenkübel. Hübsche blaue Blümchen wachsen drin, ich hoffe sehr, sie hat die gepflanzt.

 Song des Tages ist einwandfrei Born to Lose. Die Gene- Pitney- Version, wenn ich bitten darf. Ich pfeife das vor mich hin beim Laufen und dreh mich nicht um. Es ist so heiß wie am Vortag.

 

 Die nächsten Tage sind so beschissen wie schon lange keine mehr. Umsonst gewünscht, für zehn Cent gefickt. Nichts macht mir mehr Spaß mit diesem Gesicht im Kopf, diesen verdammten hellen Augen und der Erinnerung an das weichste Haar, das man sich nur vorstellen kann. Nee, nicht am Kopf, da hat Dennyboy dann doch eher `ne Vorliebe für Schmiere wie die meisten Kerle. Und er kann so was tragen wie kein Zweiter.

 Was ich meine, wächst ihm auf der Brust. In Pechschwarz. Und ich krieg immer noch Krämpfe, als ich mich dran erinnere, wie ich meine Hände da rein vergraben hab.

 Ach, Scheiße. Ich hab` s vermasselt. Der Psycho verarscht mich in einer Tour deswegen. Da muss was passieren, und zwar schnell. Werde ich ihn wieder treffen? Ich hab seine Nummer verbrannt, wer bin ich denn, Miss Hula Hopp? Ja, genau. Hätte ich doch noch die exotischen Tänze bringen sollen? Wäre das dann etwa anders ausgegangen.

 Ich hab mich abschleppen lassen, auf die ganz billige Tour, sehen wir den Tatsachen doch mal ins Auge. Und bin noch angestanden dafür. Scheiß Rocker, immer das Gleiche Und ich geh da ran wie ein Teeniebopper.

 Ich könnte ja meine eigene Mutter sein, deklamiere ich und balle die Faust vor der Brust.

 Der Psycho klopft mir ermutigend auf die Schulter, reicht einen Joint rüber und bricht lachend zusammen. Und weil ich den gleichen kranken Humor habe wie er, lach ich einfach mit. Schon besser.

 

Auf alle Fälle mach ich mich dann doch wieder zurecht Samstagnacht, vielleicht werde ich ihn ja sehen, und wenn ich ihn am Ende noch mal abfüllen muss, Oh Dennyboy, die Pfeifen orgeln schon wieder. Gott, er ist es wert.

 Also geh ich wieder los, immer die Straße lang. Tanzen, was sonst.

 Kein Denny um 12, kein Denny um 1, hat später noch einer auf die Uhr gekuckt?

Ich nicht. Die Gitarre hat wieder angefangen, die Drums treiben die Sache sauber voran und umgehend bin ich wieder am Hüpfen.

 Keine Whiskeys heute Nacht, das hier ist ein richtiger Tanz, das hab ich gleich gemerkt, da ist mit einem bisschen Arschwackeln nichts auszurichten. Und es gibt Zuschauer!

 Teddyboys, das sei an der Stelle mal angemerkt, sind für` s Tanzen gut. Aber auch nur dafür, dazu jedoch später mehr.

 Schnell bin ich in der Mitte, drei hopsen um mich herum, ich denk noch mal an die Twistschritte auf Denny` s Klo, aber nur kurz. Keine Zeit, mir ist furchtbar heiß. Jemand macht Fotos. Nett von ihm. Ich setze mein Favoritenlächeln auf. Der dicke Fotograf kriegt sich nicht wieder und knipst, bis es raucht. Wir werden uns später noch anfreunden, er und ich. Aber erst mal ist das jetzt egal.

 Ach, scheiß doch drauf, denk ich und lasse die Hüften kreisen. Gnädigerweise hat irgendwer Bier über die Tanzfläche geschüttet, so dass man tierisch aufpassen muss, dass man nicht hinfliegt. Es rutscht aber besser beim Drehen.

 Das ist noch besser als Sex. Ich hab die Arme über dem Kopf und reibe mich am Nächststehenden, los doch, du Flasche, der entgegnet irgendetwas und ich muss lachen.

Das gefällt mir. Woher kommen bloß diese ganzen Schritte, früher hab ich nie getanzt.

 

 Vor der Empore, auf der sich die Tanzfläche befindet, bemerke ich erstaunte Gesichter und die Leute feuern mich an, wer war noch mal der Denny? Bloß nicht dran denken, wie das war, als er mit mir getanzt hat, nicht, dass er das besonders gut könnte. Ich schnippe die nassen Haare zurück, Schritt nach hinten und immer schön schütteln, also ich bin in Topform.

 Scheiß auf dich, Denny, ich balle die Fäuste. Es sind schließlich genug andere Typen hier. Sind das jetzt Tränen oder Schweiß auf meinem Gesicht, was auch immer, ich wisch sie weg mit einer Bewegung meines wild kreiselnden Armes.

 Der twistende Kerl vor mir flippt fast aus, ich wechsle mal die Seiten, denn hinter mir ist ja auch noch einer. Endlich kommt auch der Hübsche mit den langen Koteletten in Fahrt, der mir schon gleich beim Reinkommen aufgefallen ist.

 Die Füße fallen mir bald ab in den hohen Stiefeln, ich hab Probleme mit der Sicht aber irgendwie einen Radar wie `ne Fledermaus.

 Die Kotelette sagt was als ich nach der Bierflasche greife, was mich, auch wenn ich kein Wort verstehe, zu neuen Lachanfällen treibt, der Typ lacht auch und dann folgt das übliche herzliche Händeschütteln, der könnte mir schon gefallen.

 Ich bin blau wie `ne Forelle. Das Mädel, mit dem ich mich vorhin unterhalten hab, und die ich vergebens zum Mittanzen kriegen will, macht große Augen, wie ich da rumhampele, sie ist ein süßes Ding, aber irgendwie komisch, denke ich, die ganze Zeit sagt sie was von aufpassen, als ob mich einer halten könnte, wenn Musik gespielt wird, es gibt doch eh keine Regeln für so was. Jedenfalls nicht für mich. Außer, dass das nicht aufhört.

 

 Irgendwann ist die Kleine weg, schade eigentlich, aber ich kann nur mit den Schultern zucken und weitertwisten.

 Johnny heißt der Kotelettenmann, okay, sein Name ist Mike, aber Johnny passt besser, nichts zu machen. Den Jungs ist es doch schließlich auch egal, wie ich heiße. Bebop a Lula, plärre ich, wie bei Gene. Ach, leckt mich doch. 

 Nur einer, der ist, wenn ich mich richtig erinnere, ganz anders, aber ich hab mal wieder keine Zeit, an derlei zu denken, denn der schöne Johnny lässt mir keine Pause, während mein anderer Tänzer Satisfy me Baby röhrt und mit dem Hintern wackelt, der King höchstpersönlich hätte seine Freude daran. Endlich kann man mal einen verstehen hier.

 Dann reißen sie alle die Arme hoch, jetzt gibt` s endgültig kein Halten mehr, ich feg den Boden mit meinem dreckigsten Lulalächeln quer über` m Gesicht, ich bin die Schönste hier und das weiß ich auch ganz gut.

 Der Johnny teilt mir mit, dass ich soeben den Rock` n` Roll- Preis gewonnen hab, und ich hätte beides sofort mitgenommen, den Preis und den Kerl, als die Musik umschlägt und auf einmal irgend so eine blöde Hymne losdudelt, bei der sie auch noch alle mitgrölen.

 Letzte Runde, Herrschaften, der Bartender bimmelt mit seiner Glocke.

 

 Mir ist so heiß, ich wollte mir am liebsten gleich hier die Kleider runterreißen. Ich hab eh viel zu viel an heute Nacht, aber ich bin immer noch mit haufenweise blauen Flecken vom Denny geschmückt, die blau, grün und auch noch schwärzlich leuchten. Knapp Geschürztes ist daher leider im Moment tabu.

 Mögen sie nie vergehen, denke ich sentimental und schwitze eben weiter.

 Der Johnny informiert mich, dass er den Kontrabass spielt in irgendeiner Band, und ich nicke gnädig, Scheißkonversation hier, ich kann einfach nicht denken, wenn die Musik an ist, und die verdammte Hymne bringt mich bloß noch mehr aus der Fassung.

 Ich greife mir lieber noch ein paar Biere, die da herrenlos auf dem Tresen stehen und kippe zurück auf die Bank und neben den Johnny. Ich wollte gern noch weitertanzen, aber die Zeit ist um und die Musik aus.

 Die Lichter gehen an und die Leute fahren in ihre Klamotten. Schweren Herzens reiße ich mich los, der Johnny hier ist nett, überhaupt ist hier `ne echt herzliche Welle am rollen, sehr schön und friedlich eigentlich, denke ich. Säuferfrieden, aber egal.

 Er gesteht mir dann noch mit ziemlich schwerer Zunge, ich wäre echt `ne coole Rockerin, und ich nicke huldvoll. Weiß ich doch, Mensch. Dennyboy macht `ne ganze Ecke Platz.

 Ich umarme den Typ zum Abschied und erkläre ihm, dass er ein guter Tänzer ist, ich meine es sogar mal so. Es gibt dafür einen Kuss, einen artigen. Ich achte darauf.

Nicht wieder so beknackte Fehler machen wie beim letzten Mal. Dann hau ich ab.

 Ich grinse vor mich hin, als ich durch den frischen grauen Morgen schwanke. Allein.

Wie lang wohl?

 

 Eine Woche später:

 Scheiße, Lula. Mal wieder dämmert ein Morgen mit einem Plakat vor meiner Nase. Diesmal habe ich freie Sicht aus einem Autofenster, Rücksitz: Alkoholismus ist eine Krankheit, heißt es da. Sex auch, denk ich, und reibe mir den Schädel.

 Da, ich hab es schon wieder getan. Jetzt steigt man aber langsam ab, denke ich. Mich gruselt schon ein bisschen, es war nicht mal `ne Wohnung, Autos tun es also auch schon.

 Früher hätte ich solcherlei nicht mitgemacht, soviel steht mal fest. Aber die Zeiten haben sich nachhaltig geändert. Und ich muss, so scheint es, da durch, am Ende komm ich auf die Weise doch noch in den Himmel. Geh ich gerade deswegen etwa nicht jede Nacht wieder los.

 Es war eine fette Party letzte Nacht, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, schon wieder als Loser dazustehen. Schon vorher, während und nachher auch. Wie beim Martini.

Solltest beim Saufen bleiben, Lula.

 Wie auch immer, ich muss jetzt auch noch Nachsorge schieben, weil der Typ es sich auch noch in mir hat kommen lassen. Einfach kein Respekt. Aber ich hab ja selbst keinen.

 Ich ziehe ein Gesicht und kuck mir die beiden Kerle an, die mit mir im Auto sind. Ich hab es nicht mit beiden gemacht, oder etwa doch? Rockabilly Kids, oh Mann, auch nicht jünger als ich, aber noch richtig grün hinter den Ohren. Nicht viel im Kopf, aber je mehr Baby, desto Fuck. Ich muss grinsen.

 Stopp jetzt, der Mike da ist doch ganz okay. Johnny, Mike, ach scheißegal. Mir ist schlecht.

 Das war so eine Art Traurigkeit an ihm, die mich die letzte Nacht so drauf gebracht hat, irgendwie hat er so verlassen gewirkt, trotz dem ganzen Getue, das die Kerle immer machen.

Da ist Lula klarer drauf, immer allein. Außer, sie beschließt, sich was zu schießen. Den Johnny-Mike hab ich obendrein letzthin geträumt.

 Das wird wahr, hab ich ihm in` s Ohr geflüstert und noch mehr Whiskey hingestellt. Mit Bier. Und dann ging es auch schon los.

Da war schon etwas, was ich eigentlich noch hätte sagen wollen, der hier war ja gar nicht abgeneigt, sich ein wenig zu unterhalten. Aber kaum in Fahrt, hab ich das auch schon vergessen. Einfach überrollt. Auch okay. Ich kuck mir die Beute mal genauer an.

 Wenn sie schlafen, sehen die so friedlich aus, denk ich, das war beim Denny auch so, hübsch wie ein Engel, bis er dann wieder aufgewacht ist und seinen Scheiß verzapft hat.

 

 Ich muss laut lachen, als mir wieder einfällt, dass Denny höchstpersönlich dann noch mitten in der Nacht an` s Autofenster geklopft hat, gerade als der Johnny-Mike und ich so richtig bei der Sache waren, ob hier noch gerockt würde.

 Kann man so sagen, hab ich ihn angeblitzt. Natürlich musste ich auch noch Kippen schnorren, die waren schließlich gerade ausgegangen. Ich schüttle den Kopf. Aber es ist mir nicht wirklich peinlich.

 Pass auf, hab ich zum Johnny-Mike gesagt, das war mein Schuss von vor zwei Wochen oder wie lang das her ist. Denn manchmal kommen sie wieder. Was für ein Scheißgelaber. Aber es war einfach zu komisch. Immerhin ich hab mich schlapp gelacht.

 Ich kann nichts dafür, Johnny-Mike kuckte empört. O Gott. Weitermachen, Soldat.

 Eigentlich wollte ich ja doch noch abhauen, weil ich den Kerl irgendwie mochte. Es war mir aber einfach unmöglich, denn der hat dauernd so sexy Sachen gesagt. Was eigentlich, ist mir mittlerweile komplett entfallen.

 Trotzdem wollte ich mich genau genommen nicht auf dem Rücksitz flachlegen lassen, dreimal bin ich raus aus der Karre, dreimal bin ich wieder rein gesprungen, was konnte der küssen. Und was konnte ich schon dabei tun? Beim letzten Sprung bin ich dann auch noch der Länge nach in den Dreck geflogen.

 Ich kuck mir meine Handflächen an, die sind komplett aufgerissen, farblich ist das hübsch passend zu meinem linken Bein, das ist auch blau von oben bis unten, weil ich kurz zuvor quer über die Tanzfläche gefallen bin. Ich fühle mich ziemlich malträtiert und auch mein Ego hat einen ganz schönen Knick, werde ich denn nie schlauer?

 Mal sehen, wie lang sich die blauen Flecken diesmal halten, die von Denny` s Parkett haben es auf sechs gnädige Wochen gebracht, immerhin. Richtig, sechs Wochen ist das jetzt her, nicht zwei.

 

 Auweia, was für ein Auftritt war das letzte Nacht, aber nun ist es auch egal, er will mich eh nicht mehr wieder sehen, schon letztes Mal im Konzert ist er förmlich vor mir weggerannt.   Und sein Mädchen hatte er dabei, so `ne Kleine mit sage und schreibe rosafarbenen Haaren, nee, da wollte ich nicht tauschen, selbst wenn das möglich wäre. Wie Zuckerwatte, igitt.

 Candygirl passiert so etwas sowieso öfter, das konnte man deutlich sehen, die hatte diesen gebrannten Ausdruck im Gesicht. Hübsch ist sie ja, das muss ich zugeben. Sieht trotzdem ziemlich alt aus, denke ich gehässig. Na, so was spar ich mir dann lieber.

 Obwohl, für einen Moment hatte ich schon Lust, der zu stecken, was wir gemacht haben, nur um zu kucken, was dann passiert und aus reiner Gemeinheit. Aber wenn man das genau nimmt, hab ich rein gar nichts mit denen zu tun, also hab ich es dann bleibenlassen. Zumal in diesem Moment die Band gerade anfing, und da ging wie immer überhaupt nichts mehr.

 Die nächsten zwei Stunden oder so war ich nur noch Beine aus Gummi und ein Teil von diesem Knäuel aus Körpern, die sich so bewegen konnten wie Schlangen in der Grube. Irgendwer hielt mich von hinten, ich hatte die Hände an der Taille von dem Mädchen da vor mir und mein Bein zwischen ihre geklemmt, so sind wir dann absolut synchron zu Boden. Sogar die Typen auf der Bühne haben Stielaugen gekriegt. Es war fantastisch. Ich hab gelacht, als einer mich von hinten geschnappt hat und ich Hände an mir gespürt hab, komplett von oben bis unten. Ich hab mich nicht umgedreht und stattdessen lieber weiter gegroovt, als wäre es das letzte Mal, man weiß ja nie, was nachkommt. War schön.

 

 Ich schnappe zurück in die Gegenwart. Und zur letzten Nacht. Ich muss wieder lachen und drehe mir den Rückspiegel zurecht. Auweia, und das ohne Sonnenbrille. Früher hatte ich immer eine mit, hier wären wir dann bei Fehler Nummer Zwei. Bin ich doch aus der Übung?

 Der Johnny-Mike und ich haben dann letzte Nacht doch noch die Kurve gekriegt, irgendwann ist mir ehrlich gesagt auch alles egal gewesen.

 Alleinsein ist was für Dichter, Gitarrenspieler und die ganzen anderen hirngewaschenen Typen und das mach ich jetzt immerhin schon wieder wochenlang.

 Heaven in the Backseat of a Cadillac, zitiere ich schaudernd. Von wegen Caddy, nicht mal die Türen von dem Wrack hier gehen auf.

 Aber was der Typ dann mit mir angestellt hat, hat es allemal wettgemacht. Er schien die härtere Tour zu mögen. Was hätte ich da für etwas mehr Platz gegeben.

Ich hab ihn mir bei den Haaren gegriffen, igitt, schon wieder Schmiere, bis er stöhnte und ihn in die Sitze gedrückt, ich auf ihm drauf, während ich mich mit dem ganzen Körper an ihm gerieben habe. Mensch, war das geil. Er ging voll mit.

 Der andere Kerl auf dem Vordersitz hat weitergepennt wie ein Toter, vielleicht hat er auch nur so getan und stattdessen heimlich zugekuckt. War auch egal. Wir hatten den komplett vergessen. Johnny-Mike hat mich dann kurz darauf auf den Rücken geschmissen und mir die Hosen runtergezerrt, zumindest der Kerl hatte Sonderausstattung. Die er dann in mich reingerammt hat wie ein Werwolf. In Gedanken vergebe ich ein „A“.

 Ich notiere schon mal meine Nummer, vielleicht will er Revanche. Immerhin hat er verkündet, ich hätte noch 15 Nächte gut. Na ja, vorher.

Wenn du` s überlebst, ich bin mir für mich selbst im Moment nicht so sicher.

 Der Vordersitz erwachte zum Leben, gerade als wir die Hosen wieder oben hatten und Zigaretten in der Hand, die ich unter der Sitzbank gefunden hab, als ich so halb davon runter hing.

 Draußen wurde es zögernd hell, dann kam das Plakat. Der Finalwitz jeder Samstagnacht scheint so ein Scheißplakat zu sein. Hoffentlich stellen die diese bescheuerte Kampagne bald ein.

 Nach ein paar eher mitteltemperierten Küssen vor meinem Haus, das Mobil und die Pfeife auf dem Vordersitz konnten tatsächlich noch fahren, ich hätte das nicht gedacht, und mich mental schon mal auf Laufen eingestellt, sprinte ich die Treppen hoch und falle in voller Montur ins Bett. Ich bin mir ziemlich sicher, er wird mich nicht anrufen.

 

 Das Wiedersehen mit Vlado fängt ganz harmlos an, so hab mir das wenigstens ausgemalt. Dabei entwickelt sich alles geradeaus hin zum brutalsten Schwank des ganzen Jahres. Aber ich greife vor.

 Wir schreiben den letzten Oktobertag und es gibt keine Kerle diesmal, ein netter Abend mit alten Freunden wird genau das Richtige sein, so ein gewisses verlorenes Gleichgewicht wieder auf die Reihe zu kriegen. Denke ich.

 Nicht genug damit, dass ich mich in keinem einzigen Tanzschuppen in der ganzen Stadt mehr blicken lassen kann, ohne dass sich allüberall die Augenbrauen heben und die Weiber ihre Männer festhalten, diese ganzen Abenteuer haben im Nachhinein einen verfluchten Beigeschmack, den ich irgendwie jedes Mal weniger gut abschütteln kann.

 Keiner von all meinen Aufrissen hat sich je um einen zweiten Termin bemüht. Es kränkt mich schon ein wenig. Die Show ist, meiner Ansicht nach, nicht eben die Schlechteste gewesen. Was habt ihr Säcke vermisst, große reine Gefühle etwa?

 Liebe ist was für Romantiker, und weiß ich denn nicht allzu gut, dass es so was nur im Film gibt, genauso wie Zombies oder Vampire. Habt ihr mich doch gelehrt, oder etwa nicht. Dem Johnny-Mike hab ich via Sms sogar die große Rock and Roll Rundreise angeboten.

Natürlich kam keine Antwort.

 Ach, scheiß doch drauf, ich lache mir anerkennend im Spiegel zu, aber das Lachen bleibt mir im Halse stecken. Was für ein beknacktes Drama, und schuld daran ist bloß das gottverdammte Halloween, beschließe ich.

 Ich ziehe meine Tanzschuhe an, die netten flachen Stiefelchen mit den 3 Zentimeter hohen Pfennigabsätzen. Lebende Tote scheinen mich zu umgeben, wie` s in dieser schönen Nacht eben so Brauch ist, und mir ist auch schon ganz kalt. Ich schütte zwei Glas Brandy runter, zieh einen schnellen Joint durch, und schieße aus der Tür.

 

 Okay, da sitz ich also an dieser Bar im Grave Klub, ist es nicht passend. Ich warte auf meine Freunde. Es ist kein Mensch drin in dem Laden um die Zeit, aber was nimmt man nicht alles auf sich. Woanders ist Party, später dann. Das hier ist jetzt wichtiger, ich hab eh gedacht, ich träume, dass Vlado mich noch mal wieder sehen will. Nach allem, was gelaufen ist.

 Die Sache mit ihm hat mir die ganze Zeit auf dem Magen gelegen, wenn ich ehrlich bin, auch ich hab mal nachgedacht in all den langen Jahren, die vergangen sind seitdem, nachts, wenn solcherlei Gedanken Zugang haben und die Musik aus ist.

 Na klar, auch ich hab mal geliebt, so richtig wie verrückt und mit allem, was dazugehört.

Und es grob vermasselt mit meinem gottverdammten Hunger, ich bin abgehauen, ohne Blick zurück und hab meine Liebe eingetauscht für nichts als Drogen, Trash und Flitter. Für samtene Illusionen, die sich nur allzu bald alle wieder zerschlagen haben und dann hab ich dagesessen mit nichts als Scheiße in der Hand. Aber da war es bereits zu spät.

 Oh ja, der Psycho und ich brauchten einander. Daran hat sich auch nichts geändert. Wenn alle Türen zugeknallt sind, und man sich dann morgens wieder findet mit nichts als leeren Flaschen um sich rum. Wir wissen was wir sind.

 Der Vlado hingegen ist natürlich komplett anders und er ist fast dran draufgegangen. Aber nur fast.

 

 Denn hier kommt er wieder, ich muss grinsen, wie eine weitere Figur in Gottes bescheuertem Schachspiel, hochgespült nach Jahren. Wie Treibgut. Mit einer Eisenfaust im Arsch.

 Auf einmal haben wir dann voreinander gestanden, zufällig, an genau dieser Bar, an genau der gleichen Stelle, an der ich jetzt abparke. Ich streiche kurz über den Tresen, als ob da jetzt ein Sternenfirnis drauf sitzt oder so, aber da ist bloß etwas Dreck und verschüttetes Bier.

 Die ganze Zeit ist damals vorbeigerast wie ein ewiglanger Zug mit voller Beleuchtung, für einen Moment ist sogar die Musik in meinem bescheuerten Schädel ausgegangen, der sonst auf rein gar nichts hört. Er ist nicht allein gewesen, trotzdem ist es passiert.

Wir haben uns nur angestarrt und dann beide gleichzeitig angefangen zu reden, verdammt, das war, als hätte einer die Zeit und die Luft im Raum, Vlados neue Frau, die er, welche Ironie, natürlich dabeihatte, den Psycho, den ich dabeihatte, und der wieder mal tobte, den Denny, den Mike und alle die anderen in kleine Stücke geschnitten, alles Rosa und Weiß wie das Pfefferminzkonfekt, das ich immer so gerne esse. Und runtergespült.

 Ihm geht es gut, Erfolg hat er gehabt und klar, er hat es geschafft. Er ist ein reicher Kerl geworden in den paar Jahren. Ich hatte schon davon gehört.

 Soviel Glück, bestätigt er mir, warum bloß konnte ich in seinen Augen was ganz anderes lesen. Ich war berührt, wirklich berührt, zum ersten Mal nach ewiglanger Zeit.

 Es war mir ein bisschen peinlich im Hinterkopf, aber dann sprudelte es nur so aus mir raus, dass es nie einen anderen gegeben hat für mich seit damals, nicht wirklich jedenfalls, irgendwas habe ich dahergeschwätzt und der ganze Scheiß ist mir nur so am Bein runter gelaufen, denn ich konnte mir selbst nicht zuhören.

 Ich habe bloß seine Augen gesehen und dahinter ein stumm blinkendes Warnlicht, das immerzu aus und angeht. In Blutrot. Es kam immer noch keine Musik, eigenartigerweise kam mir alles vor wie unter Wasser. Münder, die stumm auf- und wieder zugehen, und ein seltsames Gurgeln in den Ohren.

 Ach Scheiße, weg hier, hab ich bloß noch denken können, das ist schließlich nicht irgendwer. Das ist kein Futter für Lula. Hier droht Gefahr. 

 

 Ich hab mich also losgerissen und bin auf die Tanzfläche, der Sound knipste sich gnädigerweise endlich wieder an, und ich bin rumgetobt wie immer. Irgendwann hab ich ihn am Rand gesehen, seine Augen auf mir. Oh mein Gott.

 Ein kleiner Streit mit dem Psycho hat dann sein Übriges getan um mich abzulenken, nach einiger Zeit hab ich registriert, die sind weg. Ohne Abschied. Es war auch besser so.

 Ich bin dann alleine weg und hab mich die halbe Nacht, oder was davon noch übrig war, mit dem Psycho gekloppt. War ihm irre dankbar dafür, hab das aber lieber nicht verraten.

Solche beschissenen Verwirrungen, schlimmer als alle zuvor.

 Wäre ich bloß nicht ausgegangen in dieser Nacht, aber bin ich nicht glücklicher zurückgekommen als ich das ganze letzte Jahrzehnt gewesen bin?

 Gleich am nächsten Tag kam dann seine Einladung. Zum Geburtstag, der Typ hatte schon immer Nerven. Und wäre das bloß nicht ausgefallen, denk ich nach und bestelle noch ein Bier, dann wäre auch die Nacht mit dem Denny nicht gewesen und vielleicht einiges, was darauf folgte auch nicht. Und ich hätte jetzt ein Problem weniger. Ja, hab ich denn eins.

 Auf jeden Fall fand die Party nicht statt, und ich hab kein Stück mehr an den Vlado gedacht in den Wochen drauf. Aus Vernunftgründen, und weil mir doch noch was heilig ist vielleicht.

 Ja, heilig, das klingt bescheuert, oder. Kuck mich doch bloß mal einer an. Und alles ging trotzdem irgendwie in Ordnung.

 

 Bis Halloween dann. Ich hab eigentlich bloß nach einer halbwegs taugliche Veranstaltung gesucht, und was hab ich mich gefreut, dass er sich treffen wollte. Endlich mal Ruhe mit meinen verfluchten Trieben. Nie hätte ich gedacht, er käme allein.

 Er sei aber dauernd im Klub gewesen seither, wie ich hörte, jeder hat das gemerkt, bloß ich nicht. Ich war woanders und hab mich lieber durch die halbe Szene gefickt. Zu der ich nicht einmal gehöre. Reine Materialbeschaffung.

 Aber jetzt bin ich hier. Und die alte Hochspannungsleitung summt wie verrückt.

 Die kleine Bartenderin muss lächeln, ich lache zurück. Wir kennen uns, ich hab sie aufwachsen sehen, alle, die hier arbeiten, sind seine und somit irgendwie auch meine Familie, lauter Schwestern. Was für ein Wiedersehen.

 Dann ist er da. Er sieht klasse aus, das muss ihm der Neid lassen, wir frischen ein paar alte Erinnerungen auf und trinken ein schüchternes Bier. Dann noch eins.

 Ich darf mich bloß nicht zudübeln heute Nacht. Nur einmal nicht, okay. Das kann ja nicht so schwer sein. Ich schiele ihn von der Seite an und bemerke seinen Bauch. Sexy ist das. Früher war der dürr wie ein Stecken. Aus irgendeinem Grund hab ich weiche Knie. Die Kleine beißt fast in den Tresen wegen dem ungewohnten Bild, das wir abgeben, warum frag ich mich, ob die das jetzt öfter mal sehen wird?

 Bullshit, Lula. Träum weiter. Mir ist eiskalt innen drin. Ich bin niemals allein gewesen damals, bevor das Andere kam, das Dunkle und Verträumte, kommen sie, haben sie eine nette Zeit draußen mit Sister Morphine und der ganzen verfluchten Gemeinde.

 Wir fühlten uns wie die berüchtigten Helden für einen Tag, die von David Bowie, das Ding haben wir damals jedenfalls hoch- und runtergespielt.

 Ach ja, und Heldin bin ich immer noch, allerdings bloß in meinen roten und gelben Träumen spätnachts, und in diesen spinnerten Geschichten, die ich schreibe, und bei denen ich nie so genau im Bilde bin, was jetzt wirklich ist und was nicht. Wo hört der Traum auf, und man muss wieder aufpassen, den Weg nicht zu verlassen? Hab ich denn nicht genug zu tun? Keine Ahnung, im Rechnen war ich noch nie die Beste, und im Aufhören noch weniger. Was ist heute bloß mit mir los.

 

 Kommst du jetzt, ich fahre zusammen. Er und ich ziehen los, weiter durch die Nacht.

 Ich fühle mich nicht ganz sicher auf den Beinen, alles wird immer irrealer, er merkt es auch.

Er ist ziemlich still geworden, seit wir drüber gesprochen haben, was geworden wäre, wenn ich hätte dableiben können, wenn wir es geschafft hätten.

 Wir haben es geschafft, muss ich natürlich sagen. Ich hab schließlich selber auf `ne ganz gute Vita zurückzublicken, die ich zustande bekommen hab, wenn ich nicht gerade mal nicht damit beschäftigt war, mich zu besaufen oder sonst wie Scheiße zu bauen. Solider Job und alles. Karriere. Langweilig. Ich lüge über meine Bezüge. Man will sich nicht mehr lumpen lassen, als nötig, oder. Ist doch eh egal. Und warum schwindle ich dann. 

 Ja, geschafft, aber nicht zusammen, meint er lässig. Zusammen. Meine x-te Utopie für diese Nacht. Ich könnte heulen mit einem Mal.

 Alle Erfolge, die ganze harte Arbeit weggewischt wie Dreck vom Ärmel, und man kann überhaupt nichts machen dabei.

 Er zieht sein Hemd ein wenig hoch und zeigt mir `ne Tätowierung, Teufel auch, der ganze Kerl ist mittlerweile über und über tätowiert, das sieht schön aus.

 Dann kuck ich genauer hin, mitten auf seiner Brust kämpfen Engel und Dämon, die sind da fest gebannt in tödlicher Umklammerung, und der Engel trägt sage und schreibe mein Gesicht. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

 Ich sage lieber nichts, denn das kommt wie ein Schlag mit dem Hammer. Ich bin echt gerührt, muss aber trotzdem lächeln. Was wohl seine Frau dazu sagt?

 

 Schließlich sitzen wir zusammen an einem anderen Tisch, die Musik, die sie hier spielen, ist wesentlich besser als die im Grave und geht mich an wie mit dem Messer.

 Und dann kommt auch schon die Crew vom letzten Wochenende durch die Tür, gut, dass da keiner dabei ist von denen, die ich letzthin hatte. Ich überschlage kurz, wie viele das waren. Kein Durchblick mehr. Aber eigentlich ist mir das so scheißegal, wie` s immer war.

 Vlado kuckt mich unverwandt an. Ich tauche rein in seinen Blick und geh auf die Reise.

Warum führt der mich wieder zurück ins schwarze Zimmer hoch über den Dächern, zum Mondlicht, zu den Nächten damals, und verdammt noch eins, warum zum Gedanken an ein Zuhause?

 Ich gehe kurz in mich, und sehe, sehr zu meiner eigenen Überraschung übrigens, mich selber direkt gegenüber Platz nehmen.

Etwas frischer als heutzutage, okay, und mehr Rot auf den Wangen. Strahlende Augen. Lange, wilde Haare hat sie und kurze Hosen an. Plus die geilen, langen Stiefel bis rauf zum Schenkel, ohne die ich früher das Haus erst gar nicht verlassen hab. Mein Dekaden-Ich.

Wie hübsch ich aussehe. Nicht zu fassen. Und dann fang ich auch schon an, uns einen vorzutexten:

 

 Wenn man das aus der Distanz betrachtet, war es doch eigentlich keine so große Story.

So was ist schon tausendmal passiert, und trotzdem ist das wohl für jeden, der so was mal erlebt hat das Allergrößte. Das ist die Geschichte vom Messer und der Flasche.

 Es war keine Begegnung mit Donnerschlag und dem ganzen Zinnober, eher beiläufig.

Wieder einmal eine durchtanzte Nacht in irgendeinem Lokal mit dem immer gleichen Ziel.

Was einfangen, vielleicht einen kleinen Biss. Vielleicht mehr. Langeweile in schönster Vollendung, ach was, das war wie immer nur die nackte Gier.

 Ich hab den gar nicht bemerkt erst, kleine Männer fallen ja nicht so ins Auge, aber da war diese Bewegung und ein Lachen, und dann war er wieder weg. Keine Ahnung, wie der Abend ausgegangen ist, zuviel schlechter Stoff wahrscheinlich, und zuviel Gebrauch von diesem Körper. 

 Beim nächsten Mal bin ich dann rüber, mich vorstellen und alles. Ich wusste gleich, dass wir uns wieder sehen, bei allen Süchten dieser Welt, der alte Mesmer hatte recht, da war es.

Arrogant wie er war (und ich konnte die ganze Zeit seine Augen nicht sehen) hat er nur gelacht und das alte Spiel gebracht. Abchecken, abstecken, ihr wisst schon.

Ich sagte schon mal, was ich koste, nur für den Fall. So ein köstlicher Widerwille, ich konnte nicht anders, ich musste ihn haben. Kleine, böse Stimme, hör mal zu. Die ganze Nacht, bis hin zum Morgen. Bis zur blauen Zauberstunde. Dem Wendepunkt der Gezeiten.

 Von da an gab es nur immer ihn, nach meinen lauten Nächten, ob einer das Messer geführt hat auf irgendeinem Rücksitz, hatte ich Blut an mir oder bloß Kerzenwachs, er war für immer der eine. Ich war ihm treu. Auf meine Art.

 Ich konnte ihn nur ansehen, diese Augen waren Pfähle, als ich sie dann endlich gesehen hab.

Leuchtend blaue Pfähle, und es war den Tod wert. Und da ich lachend sterben will, waren wir auf dem Weg.

 Die Nächte und Tage im schwarzen Zimmer, die ganze Welt für uns, keiner hat je so für mich getanzt und wird das jemals wieder tun, Dämon im Licht, Geliebter im Dunkeln, und alles war ganz anders von da an. Bewegungslose Zeit, Gedankenfick. Das geht, seit daher weiß ich das. Niemals hab ich die andern von mir trinken lassen, das war ausschließlich für ihn, die ganze Zeit, Jahrhunderte lang. Weil ich ein Geschenk bin.

 Friss mein Leben, hab ich gesagt und meinte es, das war köstlich und tat weh mehr als alle Schnitte vor ihm. Es gab nichts vor ihm. Und es wird nichts nach ihm geben.

 Ich hab es ihn machen lassen mit der Knarre, ich hab ihn geliebt und ich hab ihn verflucht. Den Schlaf hat er mir geraubt, wenn er nicht kam, ich wusste das immer und hab es raus gebissen aus ihm, jeden verdammten Morgen. Nie ein Wort, und nie Beklagen. Fieber, die Erste. Die Allererste.

 Ich nenn dich Caprice, hat er nur zu mir gesagt nach den durchsoffenen Nächten und gelacht, immer weiter gelacht. Und ich war schwach trotz der Spuren. Und war das die Hölle, dann war sie mir lieb und teuer. Es gab keine langen Nächte mehr, denn ich war mit dem Meister. Mein Herz hat er mir rausgerissen, und in hunderttausend Fetzen über` s Meer verteilt.

 Das war wohl die großartigste Hochzeit auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, in guten und in schlechten Tagen, hätte das wissen müssen, aber da fing es schon an, aufzuhören.

 Ein Anfang, ein Ende, ein neues Zeitalter brach an, ohne dass wir was gemerkt haben, welche Liebe hat Bestand vor soviel Gift (fragen Sie ihren Lokalmorphinisten).

Wir fühlten uns sicher, was?

 Ach, ich wollte sie beide, meine Nächte, seine Tage, alles wie jedes Mal zuvor. Nur mehr davon. Viel mehr. Die Zeit der bösen Träume kam, ich hab mich verliebt in das Gesicht im Spiegel, zum ersten Mal die Macht gespürt, wie blass und fade jede andere Obsession.

Aber die saß jetzt an meinem Tisch, mit großen Augen. Mörder, sagten die.

Ja, genau. Haben mich begleitet zuerst, dann nimmermehr. Ein anderer Schnitt.

 Der Körper tot, der Geist in Flammen, das Hirn gekrümmt, wie immer war mir das egal. Runter damit.

 Da war Musik, zum ersten Mal in Farbe, ein Todestrip, was wusste ich wieder mal, ist das Leben nicht ein Riesenkaufrausch, alles heute für umsonst?

Ich hab geliebt, hab sie alle geliebt, wer konnte denn was dafür, als dann der Dämon kam, den wir gerufen haben? Echter Voodoo, Mann.

 Der Schubladenmann hat mir gezeigt wie` s geht, und schon wieder hab ich was versprochen, und die Zeche doch geprellt, ein um` s andere Mal. Es war so schnell zu spät.

 Das Büßerhemd ist `ne Scheißklamotte, aber sind die Gedanken nicht frei, und Tugend bloß Leid ohne Ende. Und hässlich ist das Ding auch noch. Ja, ich weiß.

Aber weil eins immer das andere ersetzen muss, und sogar die Bestie einem nichts als Lügen vor die Füße spuckt, rieche ich jede Nacht wieder den Morgen kommen, und nehme es, wie` s eben kommt. Denn mein Glück folgt mir nach wie ein Schatten.

 

 Er starrt mich an und nickt bedächtig, so ist das. Der weiß genau, was ich denke jetzt, mehr als das, er kann es irgendwie fühlen und hilft meiner Erinnerung grausamerweise noch ein wenig weiter. Der Schwur, die Narben, das Blut und die Sonnenstrahlen, seit langer Zeit vorbei und vergessen. Aber ich hab dran gedacht, jeden vergangenen Tag und am Abend gleich noch mal, so konstant, dass ich es gar nicht mehr wahrgenommen hab.

 Alles bricht auseinander jetzt.

 Ich fange an zu zittern, trotz der Hitze in der Kneipe hier, mein Alter Ego kneift verschmitzt ein Auge zu, grinst mich noch mal an und verschwimmt im Zigarettenrauch.

 Blöde Kitschtante, zische ich, als ich den leeren Sitz anstarre. Ich wisch mir die Augen, muss die Luft hier sein, zum Schneiden dick ist die. Hat er was gemerkt? Ich bin nicht sicher. Irgendetwas war in seinen Augen. Ich glaub, ich werde tatsächlich verrückt. Oder ich bin doch betrunken. Aber ich kann ihn nur ansehen.

 

 Später laufen wir dann durch die Nacht zusammen, es sind die Straßen von früher. Sein altes Viertel, von dem ich immer noch jede Ecke kenne. Es hilft nichts, ich muss ihn umarmen. Ein Teil vom alten Zauber, bloß ein schwacher Abklatsch, aber es ist wieder da.

 Ich kann die Vergangenheit riechen. Wir lachen viel, ich bin froh drüber. Irgendwas scheint sich zusammenzuziehen. Auch seine Augen glänzen ziemlich verdächtig.

 Wenig später sitzen wir dann dicht an dicht mitten in einer wilden Party.

Ich muss ihn einfach küssen, und er antwortet mir, zögernd erst, dann reißt er mich an sich. Ich will am liebsten sterben. Ich fühl mich wie auf einer Bühne, und doch ganz nah und alleine mit ihm in dieser gestohlenen Nacht, die so oder so komplett unmöglich ist.

 Ich kenn jeden Zentimeter von dir, er schaut mich an und ich fahre zusammen und berühre das Mal an seinem Nacken, ich hab es nie vergessen. Er zuckt zusammen.

 Wir haben nur heute Nacht, sag ich, ich hab Tränen in den Augen. Jetzt sitz ich tatsächlich in der Disko und flenne. Morgen ist alles vorbei. Wie immer, nur, dass das diesmal was ausmacht.

 Die Welt wird uns hassen, flüstert er mir zu. Ich nicke und drück mich an ihn dran, wie warm er ist. Scheiß doch einer auf die Welt, Mann. Das ist mein allergeringstes Problem.

 

 Er riecht süß wie frisches Brot, genau so wie ich ihn in Erinnerung habe. Nicht, dass ich mich bis jetzt erinnert hätte. Ich will in ihn reinkriechen. Wir schweigen lange, und er berührt jede meiner vielen Narben, soweit er drankommt. Er kennt ihre Geschichten, jede einzelne. Und sie brennen auf meiner Seele wie Feuer.

 Ich springe auf und fang an zu tanzen, es ist schon sehr spät jetzt. Das da ist mein Mann, ich nicke dem Typen neben mir zu, und deute auf den armen Vlado, der wie vom Donner gerührt auf der Bank sitzt und zukuckt. Was für ein Wahnsinn.

 Ich halte das nicht mehr aus, und ich bin bei weitem nicht stoned genug für das hier, also schütte ich endlich einen Whiskey runter. Gleich besser. Er beobachtet mich.

 Und dann steht er vor mir, und als er mich in die Arme nimmt, hätte ich schreien können.

Ich bin nicht mehr tot. Ist die Suche zu Ende jetzt, genauso wie diese Nacht, die jetzt bald um sein muss? Dann kommt es. Unweigerlich. Ich muss jetzt gehen.

Ich werfe mich ihm an den Hals und wir küssen uns wie Ertrinkende, geh schnell, sag ich, sonst halt ich dich fest. Dabei will ich am liebsten davonlaufen. Und nichts als da bleiben.

 Im Kopf dreht sich alles, und das kommt nicht vom Whiskeytrinken. Mir ist schlecht.

Er hält mich fest und drückt mich an sich, ich fange an zu heulen.

 Wirst du in Ordnung sein, er kuckt mich so mitfühlend an wie seit Jahren keiner mehr.

Direkt in mich rein, bis auf den Grund.

 Mein Herz macht in genau dem Moment eine Bewegung und ich fühl etwas ganz Eigenartiges. Ich nicke stumm, denn ich kann nichts mehr sagen. Er geht. Er geht tatsächlich.

 

 Dann heulen wir beide. Ich im Hinterzimmer, auf ebenjener Bank, auf der ich und der Denny es noch vor ein paar Wochen getrieben haben, war das überhaupt je.

Mich schüttelt es wie im dicksten Orkan, während vorne die Party weitergeht, denn das tut sie immer. Er läuft draußen auf der Straße, ich weiß genau, der wird in sein Auto steigen und noch eine ganze Zeit nicht losfahren, genau bis zur blauen Stunde. Der Zauberstunde.

 Ich warte lieber im Dunkeln ab, bis ich sicher sein kann, dass sie vorbei ist, dann breche ich auch auf. Einmal mehr Sonntagmorgen. Keiner sieht mich. Das Licht scheint seltsamerweise mitten durch mich durch. Ich bin gar nicht da.

 Dafür bemerke ich, wie sich direkt neben meinem nichtexistenten dahinschwankenden Selbst ein Schatten formiert, und das ist die schöne Lady aus der Kneipe von vorhin, die seltsamerweise jetzt lange weiße Haare hat, wie Merlin, der Zauberer. Und so ein komisches Gewand hat sie an wie Lily von den Munsters. Fehlt bloß noch der spitze Hut, und ich fürchte mich. In so was würde ich mich nicht mal beerdigen lassen, denk ich müde.

 Sie schüttelt den Kopf, grinst mich jovial an, hängt sich bei mir ein, und holt zum finalen Schlag aus. Ich halt mir die Ohren zu, aber ihre Stimme ist in meinem Kopf.

Ist ja auch meine eigene:

 

 Ich hätte das wirklich nicht für möglich gehalten, dass Herzen mit so einem Geräusch brechen. Eher ein Reißen eigentlich, das muss wegen dem zähen Material sein und den ganzen Hohlräumen. Solcherlei erhöht die Spannkraft, hab ich mal gehört. 

Auf jeden Fall kann man es hören, ziemlich laut sogar.

 Eigentlich tut das gar nicht so sehr weh, es ist eher ein taubes Gefühl, auf alle Fälle hab ich jetzt ein gut sichtbares Loch in meiner Mitte. Ich frag mich, wie viele Leute so was noch haben. Vielleicht sind wir nur füreinander sichtbar. Werde vielleicht mal drauf achten ab jetzt. Nicht, dass das was heißen soll. Auf jeden Fall glaub ich, das geht nicht wieder weg.

 Es ist auch kein glatter Durchschuss, hat mehr so fransige Ränder, das wird sich noch entzünden. Sieht ganz danach aus.

 Die Faust in meiner Kehle hingegen wird wohl nur ein paar Tage bleiben, Fäuste haben selten Zeit. Endlich hab ich mich erinnert.

Höchstwahrscheinlich ist das für die ganze Sache verantwortlich.

 Hör auf, an mich zu denken, damit mir meine Tränen keine verdammten Furchen ins Gesicht graben. Tränen sind ätzend und man muss aufpassen damit, ich hab doch noch so viel zu tun.

 Jetzt weiß ich immerhin, was die ganze Zeit gefehlt hat.

Wie wiederkehrende Blindheit sein muss. Dunkel, Licht, Dunkel. Und bleibt Dunkel.

 Es hat keinen Sinn, noch weiter zu suchen. Ich kann nicht mehr zum Tanzen gehen ab heute. Irgendwie hab ich gewusst, es ist noch nicht zu Ende. Ich könnte dir alles schenken, was du nicht brauchst. Lass mich bloß wegbleiben von dir. Du bist der Einzige, der das alles wert ist. Mein Mann. Mein Blut. Und mein Herz, das es jetzt nicht mehr gibt.

Ich liebe dich, Baby.

 

 Ich schließe daheim die Tür auf, dreh mich kurz noch mal zum frischen, blauen Morgen um, vergewissere mich, dass die Gruseltype sich wieder verdünnisiert hat, und lächele ein allerletztes Mal mein dreckigstes Lulalächeln für den, der nie mehr wiederkommt. Dann marschiere ich die Treppen hoch, Kopf nach oben, Messer im Bauch. Morgen hab ich einen neuen Namen und ein neues Gesicht.

 

Fortsetzung folgt!