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 Izmail

Von Christina Mertens

 Heute verlierst du, morgen gewinnen die Anderen. A Comedy of Errors. Frank Risch, 2007

Für meinen Freund Frankie, dessen Erzählungen diese Geschichte möglich gemacht haben. Um Persönlichkeitsrechte darin vorkommender Menschen zu wahren, wurden Namen und Geschehen entsprechend verändert.

 Ich wach wie immer so gegen Mittag auf  in meiner kleinen, dreckigen Bude mit dem zu roten Licht, das durch den verschlissenen, festgenagelten Samtvorhang vorm Fenster fällt und der zu heiß gedrehten Heizung.

 Hab schon wieder vergessen, das runterzudrosseln in der Nacht, weil ich zu besoffen war, dran zu denken, und als Resultat davon lieg ich hier in meinem Schweiß. In einem ganzen stinkenden See davon, aber mir ist das egal. Ist schließlich meiner. Und es ist keiner weit und breit zu sehn, der drüber die Nase rümpfen könnte.

 Die sind alle lange weg. Raus durch meine mehrmals eingetretene Tür, die genau wie mein Briefkasten nur noch schief in den Scharnieren hängt und nicht mehr richtig schließt.

Gibt eh nix zu klauen hier, und alle wissen es. Also scheißegal dafür.

 Manchmal hab ich die Tür eingetreten, weil ich mal wieder keine Schlüssel dabeihatte.

Ein paar Mal irgendwelche Kumpels, die ich nicht reinlassen wollte. Und einmal eine Frau.

 Ich lieg auf alle Fälle hier alleine, so wie Gott mich schuf. Und fühl mich wie ein Haufen Scheiße.

 

 Ich wälz mich in der Suppe rum und starre an die Decke, mein verkaterter Blick schwenkt wie immer als Erstes morgens rüber zur Wand neben dem Durchgang zum Flur und dahin, wo diese ganzen Bildchen hängen. Oder was davon noch übrig ist. Fetzen, wie die meiner Seele.

 Die Bildchen und den Vorhang hat Kira im letzten Jahr da angebracht, oder war` s im vorletzten. Wie schnell die Zeit vergeht und vor allem: wie schnell kann sich alles ändern.

 Ich muss dran denken, wie sie sich mir vorgestellt hat damals, und dabei den Kopf so schief auf die eine Schulter gelegt. Die Augenbrauen hochgezogen. Und gelächelt hat sie. Das alles zusammen würde bei den meisten Leuten ziemlich bekloppt aussehen, aber bei ihr sieht das einfach ganz wunderbar aus.

Kira kam, sah und siegte. Wie Julius Cäsar, oder war` s Ben Hur. Was weiß ich. Ich für meinen Teil hab` s nicht so mit diesem ganzen hochgestochenen Quatsch, ich sag einfach, diese Frau hat` s geschafft. Wahrscheinlich noch, bevor sie` s selber geschnallt hat.

Das hat mich immer gewundert, denn Leute wie sie raffen doch immer alles, riechen das Feuer und gehen Laufen, noch bevor` s richtig angefangen hat zu brennen. So verdammt schlau, wie die sind. Aber sie hat `ne ganze Menge Sachen nicht geschnallt.

 

 Wie hübsch sie ist zum Beispiel. Nicht so rausgeputzt, wie ich sie kennen gelernt hab, obwohl mir so was gefällt, auch nicht wie auf diesen ganzen Fotos, die sie von sich selber an den Wänden hängen hat, und auf allen hat sie `ne Verkleidung an. Ich hab sie beobachtet beim Schlafen, beim Kochen, beim Tippen, immer wenn sie irgendwas gemacht hat, bei dem sie nicht aufgepasst hat, wie sie dabei aussieht.

 Sie hat immer gesagt, die Kira, die man sieht, wäre nur `ne Vorstellung, die Person hinter dem, was man grade sehen soll. Oder hinter den Sachen, an denen sie arbeitet. Und Schönheit gibt` s sowieso nicht. Sondern bloß Ambition. Das hab dann wiederum ich nicht kapiert. Ich hab das meiste von dem Zeug, mit dem sie sich beschäftigt, nicht kapiert, wenn ich ehrlich bin.

 Ich bin `ne einfache Haut und hab nie irgendeinen beschissenen intellektuellen Anspruch oder so erhoben. Ich bin nicht mal ein interessanter Mensch. Will auch gar keiner sein.

 Aber ich hab sie gesehen, Mann, ich hab gesehen, wie sie wirklich ist. Trotz ihrem komischen Selbstbild und der Achterbahn im Kopf, ihrer Sauferei und ihren Lügen drüber, die ich aber nie geglaubt hab, ihren Männergeschichten, die ich immer gewusst hab (bloß wusste sie das nicht), trotz ihrem penetranten Sex und ihren vielen Worten, die einen Menschen echt fertigmachen können, trotz ihrem fetten Hintern, ihren Depressionen, ihrem verfluchten Dickschädel und dem ganzen durchgeknallten Zeug, das drin sitzt: Kira war die Beste von allen.

 

 Wie auch immer, die Bildchen zeigen natürlich auch alle Kira, auf manchen bin ich auch mit drauf, und wie ich da rausgrinse aus diesen kleinen Schwarzweißausdrucken (sie sagte, Farbe ist Scheiße, das lässt Menschen trivial aussehen, und wer war ich schon, ihr zu widersprechen), kurz und gut, ein glücklicher Idiot.

 Wo Kira jetzt ist, weiß ich nicht, ich wette, die sitzt sich die ganze Nacht den Hintern platt und tippt. Glotzt stundenlang diese ganzen Fotos an. Und besäuft sich alleine.  

 Sie hat mich rausgeschmissen aus ihrem Leben, und statt meiner oder der Liebe oder irgendwas Coolem ihre Schreiberei an erste Stelle gesetzt. Das ging Ruckzuck. Geh was Sinnvolles anfangen, hat sie immer gesagt.

 Also bin ich los und hab nicht sie, aber so ein Magazin, das sie neuerdings rausgibt, in einem Klub gefunden. Mit Sachen von ihr und anderen Typen drin. Cooles Zeug. Aber zu hochnäsig für meinen Geschmack. Ich reich auch was ein. Vielleicht empfängt sie mich dann wieder?

Ich hasse mein bescheuertes Schicksal.

 Kira hat von dem mehr als genug, was mir komplett fehlt, nämlich Stolz. Andere als sie haben mir den raus getrieben. Vielleicht hat sie dann noch den Rest davon kaputtgeschlagen. Das I-Tüpfelchen meiner Selbstachtung. Scheißegal.

 Ich hab mich auf jeden Fall in dieser Nacht elend besoffen und bin dann mit dem billigen Heftchen in der Hand in der Gosse aufgewacht. Lass mal die Achterbahn da nicht entgleisen, sag ich. Ich weiß nicht, zu wem ich das sage. Aber ich bin immer noch da. Wenn sie bloß wollte. Egal, was war und was sie mit mir gemacht hat.  Ich hab` s total vermasselt. Aber immer der Reihe nach.

 

 Mein Name ist tatsächlich Izmail, das klingt irgendwie arabisch oder biblisch oder was weiß ich, aber ist es nicht. Den hab ich meiner verrückten Mutter zu verdanken, die mich mit sechzehn Jahren rausgeschmissen hat, und für beides danke ich ihr heute noch.

 Meine Alte hatte so ` nen Hang zum Exotischen,  und das mitten im Ruhrpott. In den Siebzigern. Könnt euch vorstellen, was ich in der Schule auszustehen hatte. Ich hab mich dann selber Izzy genannt, als ich raus bekam, dass sich in der Heavy Metal Musik welche so nennen, warum auch immer. Und es trat Besserung ein.

 Kira fand das natürlich auch ganz toll, die mit ihrer Rock` n `Roll Besessenheit, dem ganzen Glamourscheiß und allem. Na, soll sie. Frauen sind halt so.

 Ich hab` s mehr mit Hardcore, runter mit den Masken und so, ehrlicher, harter Sound, und das möglichst schnell, bei so was kann ich entspannen und muss nicht mehr lange rumgrübeln. Ich bin seit bald dreißig Jahren Punkrocker und will` s auch bleiben. Egal, was irgendwelche Idioten erzählen.

 Das hat damit zu tun, dass man irgendwann diese vielen Wenn und Abers nicht mehr packt und die ganzen Kompromisse wegen einem Bisschen Kohle, einer Beziehung zu irgendeiner Person, Familie, Kindern, Arbeit, dem ganzen Programm. Und dem Schnaps, den man braucht, um davon runterzukommen und am Wochenende so ein kleines Stück Freiheit zu kriegen. Der tägliche Einlauf, nach dem sie alle anstehen. Weil das ja angeblich so erstrebenswert ist.  He, wir sind hier in Deutschland, schon vergessen.

 Genau genommen befinde ich mich im spacken Frankfurt, wo es mich nach einer ziemlichen Odyssee durch die halbe Republik hin verschlagen hat. Aber diese fetten Wohlstandsärsche sind überall die gleichen. Sogar Kira ist so. Obwohl sie für mich immer so `ne Art Heilige ist.

Krass, oder. Ich meine, wenn man sie kennt.

 Na egal, ich wollte ja erzählen, wer ich bin. Aber ich kann nichts machen, sie drängt sich immer wieder in meinen Kopf. Mit ` nem langen Messer in der Hand, um mir immer wieder in meinen eh schon schmerzenden Eingeweiden rumzubohren.

 

 Auf jeden Fall bin ich ausgestiegen aus dem ganzen gesellschaftlichen Zirkus und zwar komplett. Das hört sich vielleicht mutig an, nach was Politischem oder so, ist es aber nicht. So was war mir immer scheißegal. Ich steh auch für nichts Besonderes. Und Mut hab ich eh keinen. Alles ist irgendwie wegen den Frauen so passiert.

 Ich sag mal, es ist so: Manche stehen auf Drogen, andere sind den ganzen Tag besoffen, dann gibt` s die so genannten Workaholics, zu denen ich aber sicher auch nicht zähl, wieder andere geben sich die Kante mit Wetten, Glücksspiel, Leuten auf die Fresse hauen, was auch immer. Und ich kann auch nicht wirklich ein Instrument spielen. Obwohl ich mal in ` ner Band war. Als Schlagzeuger, weil das nie einer machen wollte.

 Ich hab eine Leidenschaft, und das sind die Frauen. Nee, nicht Sex, jedenfalls nicht nur.

Es ist die Liebe, wenn ihr so wollt. Es hört sich vielleicht bescheuert an, aber ich hab echt immer geglaubt, dass die Liebe meine Seele und somit mich selbst retten kann. In dieser abgefuckten Welt, in der nichts zählt außer Kohle, Maloche und den ganzen Wichsern, die einem sogar vorschreiben wollen, wie man sich zu amüsieren hat, hab ich echt immer geglaubt, irgendwann mal die Eine zu finden, die das kann. Einen Engel, wenn ihr so wollt. Ich finde, jeder sollte einen haben. Sogar so einer wie ich.

 

 Ich dreh mich auf die Seite, um diese Bildchen nicht mehr anstarren zu müssen  und drück die Nase in das verschwitzte Stinkekissen, wobei ich mir vorstelle, ich wäre nicht alleine hier mit dem ganzen Müll vorm Bett und dem in meinem schmerzenden Kopf.

Ich stell mir vor, Kira wäre hier, vorm inneren Auge hab  ich schon wieder ihr Bild, aber sie schüttelt den Kopf und zieht missbilligend die Augenbrauen zusammen. Sie hat immer eine ganze Menge mit diesen fein gezupften Augenbrauen gemacht, ich wette meinen Arsch drauf, das hat die heimlich trainiert, vorm Spiegel.

 Sie hat viele komische Sachen gemacht, ist auf und davon manchmal, mitten in der Nacht, bei Regenwetter und am allerliebsten bei Sturm und Gewitter, und dann konnte sie auch noch Gedanken lesen. He, echt, die war irgendwie `ne Hexe. Vor ihr kannte ich keinen, der so was macht. Irgendwie unheimlich.

 Sie war` s auch, die immer gepredigt hat: Schreib` s auf, oder erstick dran, und genau das mach ich jetzt. Weil ich nicht weiß, was ich sonst machen soll. Vielleicht wird` s mich irgendwie erleichtern. Ich fang ganz von vorne an. Hier ist meine Geschichte.

 

 Also, ich wurde vor ziemlich genau neununddreißig Jahren geboren, denn ich hatte gerade Geburtstag, den ich natürlich alleine zubringen musste. Genau wie Weihnachten und Neujahr und die ganzen Scheißfeiertage. Weil Kira mich geschasst hat. Zu arbeiten hatte. Und ihre ganzen hochnäsigen Freunde treffen musste, die sich mit `nem einfachen Kerl wie mir nicht abgeben. Genau wie ihre Familie, meine Familie, und eigentlich jede gottverdammte Sippschaft, die ich jemals kennen gelernt hab.

 

 Ich komm schon wieder ins Grübeln. Mich haben sogar die Straßenpunks abgesägt, das muss man sich mal vorstellen. Nicht mal die waren mehr zufrieden zu bekommen und haben rumerzählt, ich hätte zu viele Leute gelinkt. Und minderjährige Mädchen verführt! Wie das kommt, weiß ich nicht, denn ich hab gedacht, wenigstens die sind meine Freunde. Alle miteinander, die Punks und die Mädchen. Und zwar ohne diese ganzen Wenn und Abers. Ich hab mich mal wieder getäuscht. Scheiße auch.

 Und ich muss schon wieder an Kira denken, die immer die Nase über die Punks gerümpft hat und behauptet, solche Leute kennen keine Freundschaft. Und dabei hat sie mich mit eingeschlossen.

 Warum, weil ich keinen Bock hab, mich halb tot zu malochen, wie sie` s macht jeden Tag?

Weil ich Leute um Kohle angeschnorrt hab? Von einem Tag zum anderen gelebt und mitgenommen, was das Leben gerade so zu bieten hatte?

 Mann, es  ist doch egal, wenn man dreckig ist und pleite, so lang man morgens noch in den Spiegel kucken und guten Gewissens sagen kann, sich immerhin nicht verkauft zu haben.

Und Spaß zu haben, anstatt langsam vor die Hunde zu gehen wie die ganzen Spießer.

Noch sind wir jung. Was zum Teufel ist daran falsch? Scheiß doch auf die ganzen Vorbehalte. Ich hab immer gerne so gelebt.

Und meine Freunde, die hatte ich immerhin ganz umsonst, und nicht wegen irgendwas, das ich erst mal dafür darstellen muss. Jedenfalls war das früher so. Aber alles hat sich ja verändert. Vielleicht hab ich mich auch angefangen zu verändern. Wegen ihr. Ich hab gebrochen mit allem und jedem. Auch mit meinen Leuten, die sie nie leiden konnte.

Aber ich schon. Es war mir egal. Und jetzt sind sie alle weg. Und Kira dazu, die war doch mal von eben den ganzen Klamotten so angetan. Hat immer was in mir gesehen, das diese ganzen Schlipse, mit denen sie so zusammenkommt, längst eingemottet haben, genau wie ihre Träume. Oder das die nie hatten.

 Du bist eben ein Bohemien, hat sie mal gesagt und gelacht. Ich weiß zwar nicht, was das heißt, aber sie war damals voll und ganz einverstanden damit. Oder es war ihr egal.

Damals, als noch alles gut war. Als Sommer war. Und sie mich noch geliebt hat.

 

 Ja nun, weiter. Über meine Kindheit im Ruhrpott weiß ich nicht mehr viel, außer, dass meine ewig ihre beschissenen Diskoplatten hörende Mutter und deren diverse Liebhaber nach Kräften versucht haben, mich zu einem ebenso angepassten Arschloch zu machen, wie sie selber welche waren. Und weil sie` s nicht geschafft haben, taten sie immerhin ihr Bestes, die Scheiße aus mir rauszuprügeln. Darin waren die richtig gut.

 Ich weiß noch, wie ich zum allerersten Mal nachts total besoffen heimkam, die Dresche war legendär. Dabei hat keinen gestört, dass die ebenso viel verklappt haben wie ich, allerdings zu Hause im Wohnzimmer. He, ich weiß es, denn wen haben die immer geschickt, den Weinbrand und die Cola ranschaffen. Und anschließend haben sie mich rausgeschmissen.

Weil sie miteinander alleine sein wollten.

Ich durfte dann nicht mal in meinem Verschlag pennen, den ich gnädigerweise vom Flur abgeteilt bekommen hab. Mit so einem Scheißvorhang außen rum. Und einem Brett als Ablage für meine paar Habseligkeiten. Und mein Evil Knievel- Motorrad.

Bloß, weil ich mal zugekuckt hab, heimlich, wie sie` s gemacht haben auf der Wohnzimmercouch. Auf die Erfahrung hätte ich eigentlich gerne verzichtet, aber mach das mal möglich, bei `ner Einzimmerwohnung. Außerdem war` s stinklangweilig abends.

Wenn der Fernseher mal nicht kaputt war, hat` s mir auch nichts genützt, denn das Wohnzimmer war so oder so für mich Sperrgebiet.

 Also bin ich los, kucken, ob auf der Straße was abgeht. Hat eh keiner groß gemerkt.

Ich wusste einfach nicht, wohin.

 Mein Vater hat sich schon in meiner frühesten Kindheit verpisst, wohin genau, weiß ich nicht. Ich hatte noch `ne Halbschwester früher, das Glückskind der Familie, nicht so wie der Schreiber dieser Zeilen, aber die ist mit dreizehn Jahren bei einem Autounfall um` s Leben gekommen. Das war ziemlich tragisch, und ich zu der Zeit grade mal Elf. Danach ging` s mit meiner Alten richtig den Bach runter. Suff, dann Selbstmordversuch. Für mich hatte bei all dem Irrsinn keiner größer Zeit. Außer der Oma, die fürs Notwendigste sorgte. Sonst wär` ich glatt verhungert.

 

 Ich hab mich dann ziemlich früh da abgeseilt, Schule geschwänzt und so, denn okay, welche Perspektive hat denn einer mit `nem Hauptschulabschluss in `ner Gegend, wo` s sowieso keine Arbeit gibt? Weder für die studierten Wichser, noch für sonst wen. Kann man gleich was Besseres mit seiner Zeit anfangen.

 Mein Freund Richie und ich sind immer zusammen los, gleich morgens an den Kiosk, wir haben das Schulbrot gegen Bier getauscht, die alten Säufer da haben immer schon auf` s Frühstück gewartet und sich richtig gefreut, wenn wir angelatscht kamen. Wenn uns keiner einen ausgeben wollte, sind wir los an den Hauptbahnhof Bottrop, Schnorren. Das ging richtig gut, so süß und klein wie wir waren mit unseren fünfzehn Jahren. Der Richie war noch so` n richtiger Zwerg, der hatte immer am meisten. Davon haben wir dann die Mädchen eingeladen, nachmittags, wenn die Schulschluss hatten. Damals war das Leben süß.

 Die Story mit dem verlorenen Fahrgeld zog dann recht bald nicht mehr wirklich, soviel ist sicher. Und Hunger, na ja, so` n Riesenkerl, wie ich dann knapp ein Jahr später geworden war, musste sich schon was Besseres einfallen lassen. Ich hab kaum mehr was eingenommen.

Wenn ich nüchtern bin, läuft so was eh nicht. Weder damals noch heute. Ich krieg einfach die Zähne nicht auseinander. Und vielleicht hab ich mich auch geschämt und man sah` s mir an.

 

 War` s auf alle Fälle wieder gelaufen mit den Mädels. Denn ohne Kohle waren die natürlich nicht an einem wie mir interessiert. Das sollte sich als so eine Art roter Faden durch mein ganzes Leben ziehen. Aber damals war mir das noch ziemlich egal.

 Mit Fünfzehn hat man von Liebe oder Sex nur sehr unklare Vorstellungen. Ich hatte richtig Schiss davor. Wenn ich auch gleichzeitig an nichts anderes gedacht hab, vor allem nachts.

In meinem Verschlag, wo ich ein Bild von der Nastassja Kinski hängen hatte. Mit kaum was an, außer so einem winzigen Bikini. Ich glaub, meine rechte Hand hatte schon Schwielen.

 Der Richie ist aber trotzdem immer wieder mit mir mit, weil er sich alleine gelangweilt hat mit den Mädels. Oder ebenso viel Schiss hatte wie ich.

 Und er hat mehr und mehr von irgend so einem Ding gefaselt. Das sich als Einbruch herausstellte. Und den Richie auch postwendend in den Knast brachte. Also in die Jugendstrafanstalt. War ich dann wieder alleine. War` s auch am Kiosk nur noch halb so lustig. Bin ich also auch da wieder weg.

 Leider hatte ich fürs Klauen keine Nerven, und das zu machen, was die jungen Kerle am Bahnhof Südseite so für ihren Lebensunterhalt bringen mussten, also den Arsch hinhalten für die alten, schwulen Knacker, nee, das hab ich echt nicht fertig gebracht, ob besoffen oder nicht. Beim besten Willen.

 Ich hab immer wieder mal versucht, was zu arbeiten, aber ich hatte einfach kein Glück.

Die wollten mich nicht. Zu jung, kein Schulabschluss und alles so `ne Scheiße. Also bin ich wieder in die Schule, hab das abgesessen, und wahrhaftig auch den Hauptschulabschluss hingekriegt. Mehr schlecht als recht, aber egal.

 Und dann saß ich da fest. Im Niemandsland, ohne Job, ohne Kohle und in der beschissenen Einzimmerwohnung. Mit meiner Mutter, ihrem Liebhaber und meinem Verschlag mit Nastassja. Wie gehabt.

 

 Ich muss echt überlegen, wie ging das genau weiter damals. Ich hab heute nicht wirklich den Kopf dafür, denn mir ist letzte Nacht wieder mal was passiert, endlich mal wieder passiert, und am Ende noch zur Unzeit. Das sag`  ich wegen Kira. Nee, ich mein ausnahmsweise mal nicht sie, ganz im Gegenteil.

 Ich hab eine Frau kennen gelernt, fast schäm ich mich deswegen. Aber ich muss doch auch mal weitermachen mit meinem Leben. So wie sie` s mir an die tausend Mal gepredigt hat. Ich konnte nicht widerstehen und hab ihr `ne Mitteilung geschickt drüber. Keine Antwort. Wie üblich. Und heute Abend kommt dann diese Kleine rüber.

 Die Andi, also Andrea. Die gestern urplötzlich in meiner Stammdisse stand, direkt neben mir am Tresen. Und meinen traurigen Blick wohl irgendwie gefangen haben muss, denn auf einmal standen wir dann eng umschlungen am Eingang rum. So ähnlich wie das damals bei Kira war. Das war sogar der gleiche Laden und der gleiche Fleck. Bloß gute zwei Jahre später.

 Natürlich war ich mal wieder ziemlich besoffen, aber irgendwie war da was Gutes. Die Andi ist nicht so dramatisch schön wie Kira, und sie reitet auch nicht permanent drauf rum. Sie ist klein und sehr natürlich, mit einem lustigen Lockenkopf und den warmherzigsten Augen, die ich seit zirka einer Million Jahren gesehen hab.

 Und ich hab ihr alles erzählt, ich hab ihr von Kira erzählt, von meinem verpfuschten Leben und von meinem gebrochenen Herzen. Sie hat aber nicht die Flucht ergriffen, wie sonst alle, denen ich mit der Story komm, sondern mich an der Hand. Und die hat sie dann nicht mehr losgelassen, bis ich sie bei sich vor` m Haus abgesetzt habe. Zu Fuß, ich Penner. Aber was machen. Das war vor exakt sechs Stunden.

 Leck mich am Arsch, Kira. Ich kann` s noch immer nicht glauben. Es gibt wieder jemanden in meinem Leben. Einen neuen Engel.  Es gibt vielleicht sogar wieder Hoffnung. Aber weiter mit meiner Story.

 

 Meine Mutter hat mich dann gute zwei Wochen nach dem Schulabschluss, einer dreitägigen Sauftour mit dem Richie (frisch entlassen in die Freiheit), und einer Wette, die wir drüber abgeschlossen hatten, dass wir uns so lange nicht waschen, wie wir` s aushalten (dem Sieger winkt ein Kasten Bier) rausgeschmissen. Einfach so. An meinen beschissenen sechzehnten Geburtstag.

 Ich ab zur Oma, mit zwei Plastiktüten Klamotten, meinem Kassettenrekorder, Evil Knievel, dreihundert Mark Blutgeld, einer Notiz, die dran hing (alles Gute, Sohn) und natürlich Nasti im Gepäck. Hat die sich gefreut.

 Eigentlich ging alles weiter wie gehabt, bloß das Essen war besser. Die Oma hat gezetert wie meine Alte, wenn ich spät heimkam und früh wieder ging. Und Nasti konfisziert.

 Als Richies und meine Wette so an die acht Wochen alt war, kam es aus dieser Ecke zu ernsthaftem Kommando. Waschzwang oder Rausschmiss lautete die Parole.

 Mir hat das ehrlich gesagt nie was ausgemacht, dreckig zu sein. Als Jugendlicher sah ich so was wie ein Manifest meines Hasses drin, diese ganzen beschissenen Sauberkeitsregeln einfach zu boykottieren. Tu ich ehrlich gesagt immer noch. Hab ich die gemacht oder was.

Und vor allem, was hab ich denn davon. Wirst auch wieder heimgeschickt, wenn du dich `ne halbe Stunde geschrubbt hast, he, die Typen kucken dich an und checken ab, was du für einer bist. Sehen deine durchgelatschten Schuhe und die unmodernen Klamotten, die du anhast.

Und dass du keine Kohle für` n Friseur hast, und daher `nen behinderten Pottschnitt. Danke, Sie hören von uns. Das hab ich an die zweitausend Mal gehört. Und dann nichts mehr.

 

 Mein Dilemma mit den Mädchen hab ich ja schon erwähnt. Ich war in der Zeit tierisch verknallt in eine aus unserem Haus, also bei der Oma. Sie hieß Sandra. Ich hab immer heimlich abgepasst, wann die rausgeht, und wenn` s nur an die Mülltonne ist.

 Meine Liebe zu Nasti war schließlich auch nicht mehr, was sie einmal gewesen war. Man musste also den Tatsachen also ins Auge sehen und sich was aus Fleisch und Blut zum Anbeten suchen, die Hormone plagten mich in ungeheuren Ausmaßen, genau wie die Pickel in meinem Gesicht. Das stand irgendwie in Relation zueinander.

 Klar hatte die Sandy, wie ich sie heimlich nannte, null Ahnung von meinen zarten Gefühlen. Die ist jeden Freitagabend aufgerüscht wie nix Gutes raus aus der Tür und ab in die Disko. Und jedes Mal stand `ne andere aufgemotzte Karre da, um sie abzuholen. Mit dem dazugehörigen Macker drin natürlich.

 Ich oben am Fenster, mit dem Opernglas von der Oma auf der Nase und `nem Riesenständer in der Hose. Ich konnte nichts dafür. Sie hat mich total fertiggemacht.

 

 Eines Nachts hörte ich was im Treppenhaus, Gerumpel und Stimmen, und da ich so ähnlich wie früher bei Muttern im Flur pennen musste, bin ich raus, kucken, was abgeht.

 Stand da die Sandy und heulte Rotz und Wasser, die Klamotten zerrissen und die schönen blonden Haare total versaut, die kriegte sich nicht mehr und flennte, dass ich Angst hatte, der fallen gleich die Augen aus dem Kopf. Das sah zwar nicht mehr so toll aus wie in meinen feuchten Träumen, aber ich sah sie wenigstens zum ersten Mal von Nahem.

 Mein Herz machte einen Satz und meine Beine auch, also bin ich hin und versuchte mich zum allerersten Mal als Frauenversteher. Das sollte auch später noch oft mein blödes Schicksal sein.

 Irgendwas hat mein Erstversuch dabei aber sozusagen falsch verstanden, denn wie ich sie in meine starken Arme ziehen wollte, registrierte sie mich überhaupt erst und fing prompt an zu schreien. Und das mitten in der stillen Nacht. Im Treppenhaus.

 Da flogen sofort überall die Türen auf, die Nachbarn rannten auf dem Flur rum, alles laberte wild durcheinander und noch bevor ich` s so richtig geschnallt hatte, war der Teufel los.

 Ich Dussel hab mich die ganze Zeit an der armen Sandy festgeklammert, die mittlerweile eine Art hysterischen Anfall hatte, bis der Kasunke aus dem dritten Stock mich da weggezerrt hat.

Von dem Kinnhaken, der darauf folgte, verlor ich leider das Bewusstsein.

 

 Als ich wieder aufwachte, sah ich mich einem Tribunal gegenüber, das es mit jedem spanischen Inquisitionskomitee hätte aufnehmen können. Zumindest stellte ich mir das damals so vor. Die absolute Hölle.

 Kasunke nebst Frau in Schlafanzug und Adiletten sowie die komplette Familie Meier, also Sandys alte Herrschaften, immerhin vier Mann stark, saßen mir als Hauptankläger gegenüber auf Omas Couch. Die alte Frau Klinke aus dem Erdgeschoss mimte zusammen mit Opa Hirn aus dem Zweiten (ich weiß nicht mehr, warum wir den so nannten), die Staatsanwaltschaft.

Und diesem widerlichen Zuhältertyp aus dem fünften Stock, was weiß ich denn noch, wie der hieß, hatten sie offensichtlich die Rolle des Vollstreckers zuerkannt. Sandy war nicht dabei, die musste ins Bett.

 Alle tranken sich ein Bier oder Kaffee und redeten wild durcheinander. Nur meine Oma, die sagte überhaupt nichts. Die saß bloß so da in ihrem Nachtgewand, die Hände vor` s Gesicht geschlagen. Und schämte sich.

 Ich schüttelte benommen meinen schmerzenden Kopf und raffte immer noch nichts, bis es dann allmählich durchdrang in mein gebeuteltes Bewusstsein. Die meinten, ich hätte die Sandy vergewaltigt, oder wenigstens die Absicht gehabt.  Ich setzte verzweifelt an, den Irrtum aufzuklären, aber aus irgendeinem Grund wollte mir keiner zuhören, geschweige denn ein Bier ausgeben. Ich bin sicher, dann hätte ich das erheblich besser erklären können.

Die ganze Bande zeigte auf mich, schrie dreckiger Sittenstrolch, mit dem ersten Attribut hatten sie recht, mit dem zweiten nicht.

 Was dann bei der ganzen Sache rum kam, war nichts weniger als die totale Ächtung, keiner im Haus hat fortan noch `ne einzige Silbe mit mir geredet. Nie wieder. Außer meiner Oma natürlich. Aber auch die blieb verhalten, und ich konnte sie niemals wirklich davon abbringen, dass ich ein Schuft und Frauenschänder sei.

 Die ganze Angelegenheit wurde dann aber doch noch von der Sandy richtig gestellt, die von ihren Alten natürlich entsprechend in die Mangel genommen worden war. Welche dann im letzten Moment von einer Strafanzeige gegen mich absahen. Die wussten wohl am Ende selber, was für `ne Schlampe ihre Tochter war. Die unmittelbare Folge von allem war natürlich, dass ich die Sandy nie wieder sah. Die musste nämlich ins Internat.

 

 Ich erholte mich allmählich von meinem ersten großen Liebes- Overkill, hing viel bei der Oma in der Küche rum, obwohl die das gar nicht gerne hatte und fortwährend an mir rummeckerte. Zum Beispiel, als ich vor lauter Langeweile eine ganze Tüte Bohnen zwischen ihre Geranien auf dem sorgsam gepflegten Balkon gesät hatte. Und die Dinger wie verrückt keimten, woraufhin alle Geranien verreckt sind.

 Und natürlich ging` s um meinen Gestank, was aber auf komplett taube Ohren stieß.

Sollte sie mich doch rausschmeißen. Es war mir scheißegal, obwohl ich die Oma eigentlich gerne hatte. Manchmal hatte ich ein richtig schlechtes Gewissen deswegen, aber ich konnte nix machen. Disziplin geht schließlich vor.

 Einmal in meinem verfickten Leben wollte ich mal was durchziehen. Gewaschen hatte ich mich nun an die zwölf Wochen nicht mehr.

 Ruhm und Ehre betreffs Richies und meiner Wette schienen sicher, und der Kasten Bier auch. Der arme Richie hatte nämlich Läuse bekommen, auf alle Fälle wurde er durch elterliches Kommando aus dem Rennen geschmissen und in Quarantäne gesteckt.

Das bedeutete Kontaktembargo, was mich, wenn` s denn überhaupt irgendwie ging, noch mehr anpisste.

 

 Erinnerungen machen durstig, also speichere ich erstmal ab, heb meinen Astralarsch vom Sessel und latsch rüber in die Küche, bzw. an meine Küchenzeile. Da sieht` s aus, als wäre ein Orkan durchgefegt, alles total verdreckt und mit uralten Essensresten in schimmelnden Pötten voll gestapelt. Es stinkt zum Himmel. Ja nun. Ich bin schließlich Junggeselle.

 Okay, eigentlich nicht mehr, denn im Ruhrpott sitzt immer noch eine, mit der ich verheiratet bin. Ich bin sogar Vater eines halbwüchsigen Sohnes. Die reinste Katastrophe. Aber auch darauf komm ich noch.

 Erstmal ein kühles Blondes, mein entzücktes Auge erblickt ganz hinten in meinem ebenfalls erbarmungswürdig dreckigen Kühlschrank tatsächlich noch zwei gesegnete Sixpacks. Und `ne halbe Flasche Rum.

 Ich schnapp mir alles und geh damit zurück zu meinem schrottreifen Computer.

  Allmählich hat` s mich gepackt mit der Laberei. Das alles hat was echt Nostalgisches, manchmal muss ich sogar lachen dabei. Tut gut. Ich glaub, ich hab seit Monaten nicht mehr richtig gelacht. Außer über meine eigene Blödheit.

 Aus meinem Badezimmer weht mich im Vorbeigehen eine weitere Wolke Gestank an, aber ich hau einfach die Tür zu. Aus Sauberkeit hab ich mir, wie der geneigte Leser bereits mitbekommen haben muss, ja noch nie groß was gemacht.

 Eigentlich kann ich diese blöde Wohnung eh nicht leiden. Zu viele Erinnerungen. An Kira. Und an die hoffnungsvolle Zeit, als ich hier eingezogen bin.

 Ich bleib kurz am Durchgang stehen und zuppel unschlüssig an einem von den Bildchen rum, das die Kira im Minirock bei irgendeiner Party zeigt. Aber ich kann` s einfach nicht abreißen.

 Ich schnüffel kurz an mir, denn ich kann mich selbst durch den Küchen- und Klogestank deutlich riechen. Aber auch hierbei gilt: wen juckt` s. Mich jedenfalls noch nicht.

 Ich reiß eine Dose Bier auf, genehmige mir einen guten Zug vom Rum und beschließe sicherheitshalber, heute Abend doch lieber bei der Andi reinzuschneien. Wenn die hier reinkommt, ist eh alles gleich wieder aus. Vielleicht hat die so` nen Putzfimmel wie Kira. Die mich immer fix und alle gemacht hat wegen meiner Schludrigkeit. Vor allem wegen meinen mal alle drei Tage gewechselten Unterhosen mit Bremsspur. Die ich ihr mal  in den Wäschekorb gestopft hab. Da war was los, sag ich. Inferno.

 Wen` s interessiert, ich hab` eben eine ziemlich zügige Verdauung. Die manchmal schneller funktioniert, als ich ein Klo finde. Was ist schon dabei. Ich bin ein Proll und hatte auch nie ein Problem damit.  

 Tja, vielleicht hab ich auch Angst, dass die Andi sofort mit Kira Bekanntschaft schließt.

Die hier in jedem Winkel sitzt. Aber ich kann und will mich nicht von meinen Erinnerungen trennen. Noch nicht. Und vielleicht schaff ich das auch nie. Denn für den Moment sind die alles, was ich habe. Und das kann man dann wörtlich nehmen.

 Ich bin fast vierzig, unglücklich verliebt, total pleite, Säufer, langzeitarbeitslos, und lebe in einer Bruchbude zusammen mit noch so zirka vierzig anderen Losern, Junkies, Nutten, Drogendealern, oder einfach nur komplett asozialen Arschlöchern.

 Jeder in diesem Haus ist verrückt und gewalttätig. Die haben mir neben der Tagespost und der Tür vom Briefkasten, dem Fahrrad (das ich aber selber geklaut hatte), der Waschmaschine, der Wäsche(ungewaschen), dem Skateboard und dem Koffer von meinem Opa sogar schon die Schuhe geklaut hier. Meine Schuhe. Diese Wichser.

 Kira hat mich mal verprügelt, weil sie sich hier Läuse geholt hat. He, das war mir echt total peinlich. Aber nur, weil sie so einen Aufriss drum machte. Dann ist sie gegangen und ich wollte nicht mehr leben.

 Na gut, weiter geht` s, bevor mir schon wieder die Tränen kommen. Denn dass ich nah am Wasser gebaut hab, muss ja mittlerweile jeder geschnallt haben. Auch wenn ich nicht freiwillig da rein geh.

 

 Eigentlich hätte ich ja nun, wo` s nicht mehr drauf ankam, endlich mal baden können, aber ich zog das immer noch durch, irgendwie, um mich an was festzuhalten. Es war ja auch sonst nichts geboten. Eines schönen Tages hat mich die Oma aber schlichtweg verarscht.

 Die kam angewackelt und leerte mir nichts dir nichts den ganzen Eimer Putzwasser über meinem Kopf aus, als ich im Fernsehsessel eingeschlafen war. Und kippte noch die ganze Flasche Shampoo hinterher.

 Ich wachte auf, fluchend und schäumend, die Oma hat gelacht über mein blödes Gesicht und irgendwie an meinen Haaren rumgeschrubbt, das sah so lustig aus, dass ich mitlachen musste und wir uns ruckzuck in einer wilden Seifenschlacht befanden. Mitten im Wohnzimmer.

 Das hab ich nie vergessen, meine kleine Oma (bei deren Beerdigung ich noch nicht mal war, weil ich wie immer verpennt hatte) mit dem ganzen Schaum und mit ihrer bunten  Kittelschürze an. Und unser Lachen. Ich glaub, die war die einzige Person in dieser ganzen verfickten Familie, die sich trotz dem ganzen Gekeife damals echt was aus mir zu machen schien.

 Da ich also schon mal frisch gewaschen war, erwachte auch meine Abenteuerlust wieder. Nach dem Abendessen, das die Oma total gerührt mit mir zusammen einnahm, zog ich mir die schicke Hose mit den ganzen Reißverschlüssen über` n Hintern, kämmte mich zur Feier des Tages sogar, zischte ein paar Biere und latschte los. Die Oma fand das gut.

 

 Mein direkter Weg führte mich natürlich zum Richie, bei dem ich heimlich durch` s Fenster rein bin. Scheiß auf Embargo, uns konnte keiner was, Eltern hin oder her.

 Nachdem ich mich von einem Lachkrampf erholt hatte, weil der total kahl geschoren und angepisst in seiner Bude hockte, machten wir Pläne. Es musste endlich was passieren, darin waren wir uns einig. Schließlich waren wir junge Kerle, es war eine schöne Nacht und wir hatten nichts Besseres zu tun. Genau genommen hatten wir nie was zu tun.

 Und Richie hatte Schulden bei mir. Wegen der Wette. Das fand ich geil. Weil´ s noch nie so gewesen war. Und auch nie wieder sein sollte, wie der spätere Abend zeigen sollte. Aber immer der Reihe nach.

 

 Scheiße, Richie. Was mir alles wieder einfällt, wo ich hier so sitze und schreibe. Es ballt mir das Herz zu einem einzigen schmerzenden Klumpen in der Brust zusammen.

 Arschlecken, Kira. Meinst du, du wärst die Einzige. Es gibt viele Wege der Trauer. Und auf den meisten war ich schon unterwegs. Zu Fuß!

Kannst du so was von dir sagen. Nee, kannst du nicht. Ich kuck kurz rüber zu ihren Bildern und ihr süßes Lächeln kommt mir auf einmal regelrecht spöttisch vor. Ich zeig ihr den Finger und dreh mich wieder um.

 Ich nehme mir noch einen zur Brust und wisch mir die Tränen ab. So viele Verluste. So ein Haufen Scheiße.

 Der Verfasser dieser Geschichte befindet sich in einer akuten Art Depression. Die komplette Sinnkrise. Besonders, wenn ich an das denke, was jetzt kommt:

 

 Richie und ich saßen also um Richies Plattenspieler rum und hörten erstmal bisschen Musik. Heavy Metal, Mann. Noch oft sollten immerhin das mich retten. Und gleichsam dem absoluten Untergang weihen, genau wie der Schnaps (geklaut von Richies Alten), mit dem wir uns dazu fürchterlich die Kante gegeben haben.

 Irgendwann war ich so sternhagelvoll und angetörnt vom Sound, dass ich glaubte ich hätte das Licht gesehen. Ich drängte zum baldigen Aufbruch.

 Vorher hab ich mir mit Richies Rasierapparat, der noch von der Glatzennummer da rum lag, meinen allerersten Iro geschnitten. Richie warf zwar ein, diese Frisur würde meinen Kartoffelkopf eher unvorteilhaft zur Geltung bringen, aber mir war das egal. Dreckfrisur.

Das war Attitüde und ich meinte es bitterernst. Ich konnte das!

 Außerdem sah der mit seiner Glatze mindestens genauso beschissen aus wie ich und sollte gefälligst die Fresse halten.

 In der Zecke, das war so` n Musikklub, hatten sie an dem Abend ein Punkkonzert, wir hingerannt, immer dem Geruch nach und den Bierleichen an den Straßenecken. War nicht weit, bei uns daheim ist alles irgendwie komprimierter, nicht wie in diesen arschigen Städten wie Berlin oder Frankfurt, wo du nirgendwo hinkommst, ohne `nen Haufen Busse und Bahnen zu benutzen. Und dir prompt schon wieder Schwierigkeiten einzuhandeln.

 

 Egal, wir also rein in` s Konzert, der Richie hatte zwar in dem Schuppen seit längerem Hausverbot, aber wegen der Glatze hat ihn keiner erkannt.

 Die Bands waren fett, einige hübsche Mädels (oder das, was ich mit meiner getrübten Optik dafür hielt) in Sichtweite und das Bier floss in Strömen. Was wollte man mehr, der Richie und ich wähnten uns im Paradies und ich gratulierte mir insgeheim zum Beginn besserer Zeiten.

 Ab jetzt würde alles cool werden, ich war mir mehr als gewiss, und visierte eine große Blonde in der Ecke an.

 Ich hob gerade an, da rüberzulatschen und auf Gedeih oder Verderb mein Glück zu versuchen (hatte sie nicht eben gelächelt?), als um mich herum der totale Tumult losbrach. Wo eben noch der Richie gestanden, beziehungsweise sich verzweifelt am Tresen festgeklammert hatte, kloppte sich ein Rudel Körper, alles ging so schnell, dass ich nicht ausmachen konnte, wer oben und wer unten war. Ich sah Flaschen fliegen und Metall blitzen, und weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte, und noch viel wichtiger, wo der blöde Richie war, um mir in dieser schweren Stunde aus dem Schlamassel zu helfen, mischte ich munter mit und kuckte, vor allem die Deckung oben zu halten. Ich hatte einen Mordsschiss, aber am Ende kuckte ja die lange Blonde zu, da wollte ich mich nicht blamieren.

 

  Plötzlich ging das Deckenlicht an, irgendwer griff mich an der Jacke und zerrte mich aus dem Haufen raus, und prompt gab` s schon wieder was auf` s Maul. Ich konnte nicht mehr richtig kucken, das Blut lief mir aus der Nase und über meine tolle neue Hose, aber daran verschwendete ich keinen Gedanken. Ich peilte kurz nach der Blonden, fand sie aber nicht.

Und ich sollte auch nicht mehr größer daran denken.

 Denn der Pulk der Kombattanten hatte sich mittlerweile durch vollen Körpereinsatz der Ordnungskräfte aufgelöst, und die blutüberströmte Gestalt, die da sehr still inmitten leerer Flaschen, Glasbruch, Kippen und Dreck liegen blieb war der Richie. 

 Ich zu ihm hin, auf einmal war ich stocknüchtern, einer von den Ordnern wollte mich da wegzerren, aber ich ließ den nicht. Hab Richies arg zerkloppten Kopf in meinen verdreckten Schoß getan. Und Rotz und Wasser geheult. Aber alles war schon vorbei.

 So endete meine erste und bis zu diesem Zeitpunkt auch einzige Freundschaft zu einem anderen Menschen. Mein Freund Richie. Totgeschlagen mit gerade mal sechzehn Jahren.

 

 Wie sich dann später herausstellen sollte, kam alles bloß, weil er diese blöde Glatze hatte, an der auch noch unsere beschissene Wette schuld war. Und weil das irgendwelche Spacken in diesem Punkladen mit Skinhead gleichsetzen mussten. Ein wirklich bedauerlicher Irrtum, meinten die Verantwortlichen von der Zecke später vor Gericht, wo ich als Zeuge hinmusste.

Aber schließlich hatte der ja Hausverbot. Den Bullen war das eh alles wurscht. Die unterschieden nicht zwischen irgendwelchen Gruppierungen, sondern machten einfach ein Kreuzchen hinter einen Namen. Ein Loser weniger. Das kommt davon, wenn man sich rumtreibt, hat dann meine Oma gezetert. Später, als ich von den Bullen vom toten Richie weggezerrt (dazu mussten sie mich in Handschellen legen) und zu Hause abgesetzt worden war, wo gleich wieder der Teufel los war. Wegen den Nachbarn und vor allem wegen der angekündigten Anzeige wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und Beamtenbeleidigung.

Kein Wort über den Richie. Da bin ich ausgerastet. Ich hab mit der bloßen Faust das Glas von der Wohnungstür zerhauen, bin an den Sackgesichtern vorbei und durch die Scheißrabatten im Vorgarten getrampelt und einfach los, ab in die Nacht. Ich musste da weg. Selten hab ich mich einsamer und angeschissener gefühlt als in diesem Moment.

 

 Ich heb kurz den Kopf aus den Händen und versuche, mich zu sammeln. Schließlich will ich nicht den ganzen Tag mit Flennen zubringen. Ich sollte heute Abend definitiv in besserer Form sein, allein wegen der Andi. Frauen mögen keinen Blues, die haben selber genug, so weit ich was davon versteh. Jedenfalls nicht gleich am ersten Abend. Oder am zweiten?

Eigentlich ist ja noch immer der gleiche Tag, denn ich hab sie ja erst heute früh kennen gelernt. Egal.

 Aber die Vergangenheit noch mal zu durchleben, haut mich schon ein Stück weit aus den Schuhen. Zumal ich den Großteil von dem Zeug irgendwie komplett verdrängt hatte.

 Ich wisch mir die Tränen ab und versuche, an was Schöneres zu denken, hol mir den Rum,

und schütte den Rest gleich aus der Flasche in mich rein. Gleich wird mir besser. Ich bin Hardcore. Ich kann` s vertragen. Ich bin richtig gut. Mein Händezittern legt sich wieder. Und weiter geht` s.

 

 Ich hab dann die Nacht in den Schrebergärten gepennt. Mein Opa hatte da mal so ` ne Laube bevor er gestorben ist, das Ding stand immer noch leer. Ich war da oft gewesen als Kind, weil sie mich genau wie den Opa nicht gerne zu Hause haben wollten. Haben wir` s uns eben lustig gemacht in dem Garten, Gemüse gepflanzt und dann ausführlich begossen, das Ganze. Mit dem Opa hab ich auch damals mein allererstes Bier getrunken. Mit Schnaps.

 Morgens bin ich hoch nach einer fast schlaflosen Nacht auf Opa` s verrotteter Couch, die da echt noch stand. Ich hatte einen Mordskater, musste aber dringend pissen.

 Bei Tageslicht sah alles noch viel trister aus als nachts. War ja auch Winter. Und mitten im Ruhrpott.

 Ich hatte früher immer noch so ` ne Art Romantik in all der Abgefucktheit gesehen, in der ich aufgewachsen bin, aber an diesem Morgen spürte ich nur den totalen Hass. Und Leere.

 Ich fand eine angestaubte Pulle Selbstgebrannten in den Überresten vom Wandregal, dachte an den Opa und musste gleich wieder heulen. Der war zwar oft ein brutaler Arsch gewesen, besonders wenn er voll war, aber ich hatte ihn trotzdem irgendwie gemocht.

 Genau wie seinen Selbstgebrannten, ich nahm die Flasche mit nach draußen, haute mich auf die vereiste Wiese vor der Laube, drehte mir eine Kippe, nahm ab und zu einen guten Zug und heulte weiter. Um Richie. Und auch um den Opa. Plus mein bescheuertes Schicksal. Was sollte ich jetzt anfangen. Keine Bleibe, keine Kohle. Total abgerissen. Ungeliebt und ungekannt. Nur der Hunger besiegte meine Selbstmordgedanken.

 

 Ich glotzte in die fahle Wintersonne, fühlte den Alkohol warm im Bauch aufsteigen, paffte weiße Wölkchen und dachte nach.

 Als die Flasche halbleer war und mein Arsch völlig durchgefroren, machte ich mich auf in die Innenstadt. Ich musste Geld auftun und was zu essen und mit irgendwem reden. Und wenn` s auch nur welche von den vergammelten Gestalten, die den ganzen Tag in der Fußgängerzone abhingen waren.

 Ich pflanzte mich vor Mc Doof auf, natürlich war keine Seele weit und breit zu sehen.

War ja auch erst zehn Uhr morgens.

 Na, ich erst mal ein paar Passanten nach Kohle und Kippen angehauen, ich muss wohl so elend ausgesehen haben, dass ich auch echt in kürzester Zeit was zusammengekriegt hab. Zwischendurch wärmte mich immer wieder Opas Selbstgebrannter, den ich in der Jacke stecken hatte.

 Mit zirka zwanzig Mark auf Tasche machte ich mich gegen Mittag in den Pennymarkt auf, der Hähnchengrill gegenüber wäre mir bedeutend lieber gewesen, aber ich musste schließlich sparen.

 Ausgerüstet mit Brot, Wurst und einer Reserve billigem Doppelkorn nebst Limo zum mixen stiefelte ich rüber zur Kirche, wo ich mich auf die Stufen setzte und mich erstmal der Nahrungsaufnahme widmete. Und kaum, dass ich damit angefangen hatte, kamen auch schon die anderen Schnorrer. Eigentlich hasste ich diese Bagage, also die anderen Punker damals.

Komplett opportunistisches Gesindel, das mit mir eigentlich nur was redete, wenn was abzustauben war. Da das bei mir aber nicht oft der Fall war, waren wir keine besonders verschworene Gemeinschaft. Nicht so an diesem Tag.

 Ich stellte nämlich auf einmal so was wie Prominenz dar, natürlich war der Vorfall in der Zecke schon längst rumerzählt, und nun wollte jeder, der nicht dabei war, gewusst haben, wie sich` s zugetragen hatte. Und mir wohlmeinende Kommentare um die Ohren hauen. Platzte mir schon wieder der Hals, zudem der Doppelkorn allmählich seinen Tribut zollte.

 Gerade, als ich einen von den Wichsern an der Jacke gepackt hatte, um ihm so richtig schön eine einzuschenken, ging so ein Mädel mit Lederjacke an dazwischen. Als ob nicht schon genug passiert wäre und so weiter und so fort. Die geigte den ganzen Pennern einfach die Meinung. Bevor die Situation also komplett eskalieren konnte, zerrte sie mich dann da weg, mitsamt meiner kompletten Habe in der Pennytüte. Ich wieder am Flennen, konnte nichts dagegen machen. Ich bin aber mitgegangen, denn ich hatte einfach keine Kraft mehr.

 

 Im Stadtpark kuckte ich sie mir dann genauer an. Das war tatsächlich die Blonde vom Konzert, und die sah bei Tageslicht noch genauso nett aus wie am Vorabend, oder war ich schon wieder genauso besoffen. Sie lächelte. Und hieß Gabi.

 Und dieser an und für sich komplett verschissene Tag war auf einmal der Beginn meiner ersten richtigen Beziehung. Ich kriegte mich nicht wieder.

 Die Gabi schleppte mich umgehend mit zu sich nach Hause, da saßen neben ihren Eltern und sieben Geschwistern noch die Großeltern, ein Onkel und zwei riesige Hunde.

Ich hatte so meine Bedenken, aber sie versicherten mir, da mache einer mehr jetzt auch nichts mehr aus, und so hatte ich ruckzuck eine neue Bleibe.

 Gabi führte mich noch am gleichen Abend in die Geheimnisse der körperlichen Liebe ein. Ich genierte mich etwas, denn neben uns lagen noch vier von den Geschwistern im Zimmer, die gaben vor zu pennen, aber ich wurde die ganze Zeit das blöde Gefühl nicht los, dass die sich alles reinzogen. Der Gabi war` s egal, also versuchte ich mein Bestes. Was aber nicht allzu viel war, denn kaum waren wir dabei, war` s bei mir auch schon wieder vorbei. Zu früh gekommen. Ich denk, ich war einfach viel zu hippelig. Und auch zu besoffen, denn wir hatten den ganzen Abend munter weitergebechert.

 Der Gabi schien` s  nichts auszumachen, die erklärte mir, dass ich den Bogen schon noch rauskriege, drehte sich um und schlief ein.

 Ich lag die halbe Nacht wach und schwankte so zwischen Glück und Unwohlsein. Ich hatte endlich eine Freundin. Das mit der Familie stieß mir etwas auf, war ich doch schließlich ein gebranntes Kind. Aber was machen. Ich war erstmal unter.

 

 Die folgenden Monate bauten Gabi und ich unser sexuelles Betätigungsfeld aus, was dann allmählich auch immer besser gelang. Morgens war es auch etwas ruhiger im Haus, denn die meisten Familienmitglieder arbeiteten. Von mir hat das gottlob keiner verlangt, worüber ich sehr froh war.

 Ein Jahr ging vorbei, dann noch eins, es wurde Frühling, dann Sommer, und ich war ganz gut drauf. Gutes Essen, leichtes Leben. Ich erklärte mich sogar bereit, ab und an zu baden. Meine Oma wäre tot umgefallen. Aber die hatte ich erst mal komplett verdrängt, genau wie meine Mutter. He, schließlich hatten die mich rausgeschmissen.

 Das einzige, was mich irritierte, war mein wachsender Hunger auf Frauen. Gabi forderte mich nicht schlecht, aber ich hatte sozusagen Blut geleckt. Je öfter wir es machten, desto spitzer wurde ich. Und nicht nur im Bezug auf meine Freundin. Ich konnte an nichts anderes denken, Sex beherrschte meine Gedanken. Den ganzen Tag.

 Auf der Straße kuckte ich den Frauen hinterher und wenn sich die Gabi morgens auf den Weg zu ihrem Halbtagsjob im Supermarkt gemacht hatte, holte ich mir prompt einen runter.

Ich las die Kontaktanzeigen in der Zeitung, rief heimlich bei den Telefonhotlines an. Und wenn mich dann im Stadtpark, in den ich mich bei schönem Wetter immer mit ein, zwei Flaschen Wein haute, um was gegen meine käsebleiche Gesichtsfarbe und die elenden Pickel zu tun, Mädels ansprachen, nun ja. War ich niemals abgeneigt.

 Ich fickte alles, was mich anfassen wollte und schrieb das meinem immensen Nachholbedarf zu. Oder konnte einfach nicht Nein sagen. Ich war das reinste Testosteronmonster.

 

 Das brachte mir natürlich bald gewaltigen Ärger ein. Denn die Gabi war nicht blöd.

Ich weiß nicht, ob ich sie liebte. Sagen wir mal so: sie war eben da. Und das war mal was völlig Neues für mich. Ich denke, ich hatte sie sehr gern. So wie man in dem Alter halt jemanden gern haben kann. Sie stand auf Hardcoremusik. Wir hatten viel gemeinsam.

 Meine romantischen Träume hatte ich zumindest für den Moment in die Ecke gestellt.

Das hier war die Realität. Das mit dem Sex hatte mich außerdem, hormonell übersteuert, wie ich war, komplett aus den Schuhen gehauen.

 Die Gabi war auch keine besonders romantische Natur, sondern eher praktisch veranlagt. Aber sie hat mich, als mal wieder keiner einen Scheißdreck auf mich wetten wollte (und das war, wenn ich` s mir kritisch betrachte, eigentlich mein ganzes Leben nicht der Fall) wieder aufgebaut. Ich glaube, sonst hätte ich mich umgebracht. Und das werd ich auch nicht vergessen.

 Sie meinte es ernst mit mir und wollte, dass ich` s doch noch zu was bringe im Leben.

Und übte damit auch nicht schlecht Druck aus. War das der Grund? Rannte ich wieder mal weg vor Kommando? Scheiße, ich war doch erst Achtzehn. Gerade geworden.

 Auf alle Fälle hätte ich damals diese Kleine aus dem Park nicht unbedingt in unsere Bude abschleppen sollen. Denn gerade, als wir so richtig schön am Ficken waren, stand die Gabi in der Tür. Und ich zirka zwanzig Minuten später davor. Und zwar von außen, mit gepackten Klamotten in einem geliehenen uralten Seesack vom Opa. Irgendwie hab ich immer die ausrangierten Dinger von den Opas geerbt. Und ich musste mal wieder umziehen.  

 

 Oje, ich merke, ich hab ganz schön einen sitzen, das gibt` s nicht, wie viel Alkohol man sich so nebenbei in den Rachen kippen kann, wenn man sich auf was konzentriert. Normalerweise konzentriere ich mich ausschließlich drauf,  zu trinken. Reicht ja auch. Aber das hier ist komplett was anderes. Wie ` ne Zeitreise.

 Kira hatte recht, es ist was Magisches mit der Schreiberei. Ich werd ihr dieses Manifest schicken wenn` s fertig ist. Am Besten persönlich vorbeibringen. Die wird kucken. Und mich nicht mehr mit Verachtung strafen. Vielleicht lässt sie sich sogar mal wieder hinreißen zu ihrem schönen Lächeln, das mir so fehlt.

 Ich versinke in Tagträumen, zieh den Vorhang beiseite und peile runter auf den Hinterhof. Dort sichte ich nur Müll und Dreck und die gleichen vergammelten Gestalten wie immer, ich kuck meinem verfetteten Nachbarn Danny zu, wie er so verzweifelt wie erfolglos versucht, eine kaputte Wohnzimmercouch in ihre Einzelteile zu zerlegen. Aber der Typ ist einfach viel zu dick dafür und obendrein hat er einen Abszess am Hintern, der ist groß wie ein Hühnerei.

Hat er mir letztens gezeigt, als er besoffen genug dafür war und ich auch. Na ja, wir haben alle so unsere Probleme.

 Ich sehe noch im Augenwinkel, wie der Fette dazu übergeht, mit einer Eisenstange, die an den Mülltonnen lehnt, dem armen Sofa die Scheiße rauszuprügeln, dreh mich wieder rum  und wende mich wieder meinem Text zu.

 Ich hab noch ein einziges Bier, dann muss ich los, Nachschub organisieren. Ich denk kurz an die Andi, hab ein leicht schlechtes Gewissen wegen der Schlagseite, die ich schon wieder habe, kämpfe es nieder. Wem muss ich was beweisen. Schließlich hat sie mich gestern in noch schlimmerem Zustand kennen gelernt. Und ich hab mich noch nie von was abhalten lassen, das ich wollte. Wenn ich mal was wollte. Und schon gar nicht vom Biertrinken. Also Arschlecken. Aber zurück zu meinem Bericht.

 

 Ich also wieder los, direkt zum Bahnhof.

Was hielt mich noch hier, in dieser Stadt hatte ich doch eh bei allen verschissen. Ich fühlte mich schon ein Bisschen schuftig, die Gabi hatte nicht geheult, als sie mich rausschmiss, aber beinah. Ich glaub, die war ziemlich verliebt in mich. Und ich Stoffel hatte einfach so auf ihren Gefühlen rumgetrampelt.

 Die ganze Sippschaft bekuckte sich meinen Exodus, als hätte ich einen umgebracht. Den Blick kannte ich schon. Die totale Verachtung.

 Aber ich sage, das mit den Frauen hatte nicht mal was mit ihr zu tun. Es war eine Art Sucht, übermenschlich, größer als ich. So ähnlich wie beim Alkohol.

 Das erinnerte mich an etwas, also investierte ich meinen letzten Zwanni (von dem ich eigentlich hätte einkaufen sollen, was in dem allgemeinen Durcheinander aber untergegangen war) am Kiosk in Bier, Kartoffelchips und Doppelkorn. Meine Leibspeise in diesen bewegten Tagen.

 Mit vollen Backen und neu gefasstem Mut bestieg ich den Zug nach Köln. Ich hatte keinen Plan, was ich da eigentlich wollte. Dass ich in der Stadt keine Seele kannte, war mir scheißegal. Ich setzte auf mein einnehmendes Wesen. Und meine Libido, die mir das ganze Schlamassel eingebrockt hatte, erwachte soeben wieder brüllend zum Leben. Also würde sich schon was ergeben.

 Kaum angekommen stolperte ich aus dem Bahnhof und mitten rein in ein größeres Punktreffen, das sie da auf der Domplatte abhielten. Mit Bier und Musik und allem, was eben so dazugehört. Wusste ich` s doch!

 

 Eine Woche später:

ach herrje. Schon wieder sind komische Dinger am Laufen, ich kann nichts machen, es verfolgt mich. Ich bin jetzt mit der Andi zusammen, und zwar seit diesem Abend, an dem ich` s wegen meines Alkoholpegels kaum mehr zu ihr hin geschafft hab. Aber irgendwann kam ich doch da an, ich hatte im Eifer des Gefechts ihre Adresse vergessen, also machte ich einfach (mit nur einer Unterbrechung, um einen Kiosk zu frequentieren) alle Häuser durch, die mir auch nur entfernt bekannt vorkamen. Mit sämtlichen Mietparteien. Das nahm natürlich einige Zeit in Anspruch, so dass ich da mit guten zwei Stunden Verspätung aufschlug.

 Ich muss gestehen, ich hätte sie kaum mehr wieder erkannt, als sie dann doch endlich vor mir stand. Zu viel getrunken. Aber sie nahm` s nicht besonders übel, sondern schien sich echt zu freuen, mich zu sehen.

 Nach dieser freudigen Begrüßung gab` s  dann ein (wegen meiner Verspätung) ziemlich verkochtes Abendessen und jede Menge Wein. Das kam meiner Nervosität gut entgegen.

 Ich bin immer nervös, wenn ich zum ersten Mal bei einer Frau zu Hause bin. Aber das ist besser, als wenn die zu mir kommen. Nicht nur wegen meiner Unordnung und dem ganzen Dreck. Ich kann abhauen, wenn` s krass wird.  Wenn sie mich nicht sowieso gleich wieder rausschmeißen.

 Andi und ich machten es uns dann irgendwann gemütlich und es kam zu unserem ersten Sex. Sie fickte wie eine Frau, die einsam ist. Sie hatte mir erzählt, sie hätte seit dreizehn Jahren oder so nichts mehr mit einem Mann gehabt. Seit dem Vater ihrer halbwüchsigen Tochter, die nebenan schlief. Weil sie einen sucht, der` s wert ist. Und da landet sie ausgerechnet bei mir. Ich fühlte mich ziemlich komisch, aber durch eine neue Flasche Wein und ein paar Joints ließen sich meine Bedenken schnell zerstreuen.

 Sie schlief dann schließlich mit ihrem hübschen Lockenkopf an meiner verschwitzten Schulter ein. Ich fühlte mich ganz okay.

Bis ich dann wieder an Kira dachte, denken musste. Aber egal, die scheißt schließlich komplett auf mich. Und ich bedarf dringend einer, sagen wir, Neuorientierung.  

 

 In Köln wurde ich sofort in die dortige Szene integriert, vor allem durch drei zirka sechzehnjährige Punkmädels, die allesamt einen Narren an mir gefressen hatten, mich den ganzen Tag mit Bier und allerhand Devotionalien versorgten und schließlich mit mir in irgendeinem Bett landeten. Alle drei. Ich kann mich kaum mehr dran erinnern, aber ich fand das alles ziemlich geil.

 In dem Stil ging` s weiter, Dauerparty. Auch mit den Jungs kam ich ganz gut klar, die soffen so viel wie ich und waren irgendwie gelockerter unterwegs als die Arschlöcher zu Hause. Wir hatten eine Menge Spaß und jeden Tag war irgendwas los.

 Ich hing schließlich am meisten mit Alisa rum, das war die frechste der drei Mädels, die die anderen beiden kurzerhand aus dem Rennen geschmissen hatte. Und mich zu ihrem Freund erklärt.  Ich war komplett gerührt, denn noch nie hatten sich die Frauen um mich gehauen.

Ich nannte sie Lissi. Irgendwie endeten fast alle Namen meiner Frauen auf dieses „I“.

Also wahrte ich immerhin eine serielle Form der Monogamie. Außer bei Kira, und die wollte nicht. Weder das idiotische „I“ noch mich.

 Irgendwann rief ich von der Lissi aus mal bei meiner Oma an, wegen Post und allem, ich weiß selber nicht, warum ich das nach gut zwei Jahren schließlich machte.

Irgendwie brachte ich doch noch ein bisschen schlechtes Gewissen zusammen, glaub ich.

Aber hätte ich` s bloß gelassen.

 Die Oma schimpfte mich an wie immer, und ich war erleichtert, dass es ihr gut ging.

Also alles beim Alten. Und dann kam` s. Ich sollte mich dringend mal bei meiner Freundin Gabi melden. Denn die sei schwanger. Und suchte mich überall. Mir wurde schlecht. Ich hörte den Kerkerschlüssel klappern. Aber ich musste mich stellen.

 

 Drei Wochen später:

seit einer ganzen Zeit sitz ich nun mal wieder mit einem gepflegten Biervorrat in der Nähe an dem Manifest hier, es ist einfach zuviel los.

 Ich wohne mittlerweile so gut wie bei der Andi. Und fühl mich ganz gut dabei. Ich konnte auch meine alte Bude nicht mehr ertragen, den Gestank und auch Kira kuckte mich mehr und mehr mit verkniffenen Augen an und diesem spöttischen Lächeln. Bis auf den Grund meiner Seele. Die eh begraben auf dem Meeresboden liegt. Irgendwie so.

 Ich bin kein Poet, nicht mal einer aus der Gosse. Aber zu ihr fallen mir immer noch so Sachen ein. Vielleicht bin ich deshalb weg. Was weiß ich. Flucht nach vorn.

 Andi ist gut zu mir, sie arbeitet, ich schmeiß den Haushalt. Es wird langsam mal wieder Sommer. Wie jedes gottverdammte Jahr.

 Immer wenn sie weggeht morgens hau ich ganz schnell die Putzerei und den Einkauf zusammen und dann mich mit ein paar Bieren an die alte Oper. Den Frankfurter Punktreff.

 Die Andi hat im Gegensatz zu Kira gottlob kein Problem damit. Außer, wenn ich allzu besoffen wieder heimkomme. Aber sogar da ist sie ziemlich kulant. Ich glaub, die Andi liebt mich. Man sieht` s in ihren Augen. Sie rührt mich irgendwie und ich versuche, ihr zu geben, was sie braucht. Endlich ist da mal eine, die das auch gebrauchen kann. Und ich will auch nicht meine außerirdischen Wohnverhältnisse vergessen. Also bin ich geblieben. Trotz einem unguten Gefühl im Bauch. Aber das sitzt ganz unten drin. Und stört mich für den Moment nicht weiter. Zurück nach Köln.

 

 Ich verabschiedete mich also von Lissi, kippte noch ein paar letzte Biere mit den Kölner Jungens und verpisste mich ohne weitere Angabe von Gründen mitsamt meinem Seesack aus der Stadt.

 Als ich im Zug saß, überkam mich ein komisches Gefühl, irgendwie freute ich mich sogar, die Gabi, die Oma und alle anderen wieder zu sehen. Ich fühlte mich klasse, wie ein Mann, der zum ersten Mal im Leben Verantwortung übernimmt. Ich fühlte mich erwachsen. Ich war ein Held.

 Neun Monate später:

nun komm ich zu einem echt einschneidenden Erlebnis. Ich wurde Vater. Mit gerade mal neunzehn Jahren. Aber wer plant so was. Ich bestimmt nicht. Es ist irgendwie so passiert.

 Zurück in Bottrop bin ich erst zur Oma, die Klamotten abstellen. Schließlich wusste ich nicht, was mich bei Gabi erwartete.

 Das Gezeter hielt sich in Grenzen, die alte Lady war echt froh, mich wieder zu sehen.

Trotz Körpergeruch und meinen wunderschönen und inzwischen stahlblauen Stachelhaaren. Die waren Lissis letzter Liebesgabe an mich zum Abschied.

 Ich klingelte bei Gabi und wir redeten. Sie war tatsächlich schon im dritten Monat. Es war passiert, bevor ich mich verpisst hatte und im allgemeinen Chaos untergegangen. Und sie wollte das Kind auch unbedingt haben, Einwände zwecklos.

 Der familiäre Krisenrat tagte also betreffs meiner Wiederaufnahme. Und ich hatte schon wieder keine Bleibe und Köln war zuletzt auch nicht mehr das Wahre gewesen, wenn ich ehrlich bin. Ich bekam auf einmal richtig Lust auf dieses Familiending. Ich sah` s als neue Chance, mein zielloses Leben endlich auf die Reihe zu kriegen. Also zog ich wieder ein.

 Nach ein paar Wochen war` s, als sei ich nie weg gewesen.

Gabi schien sich mehr aus mir zu machen, als vor meinem Weggang, sie wurde durch die Schwangerschaft auch immer hübscher. Ich denke, sie war glücklich. Und ich irgendwie auch. Wir hatten es gut miteinander.

 Ich betrog sie auch nicht mehr, denn ich sag euch, das mit dem Sex mit schwangeren Frauen stimmt. Du willst nichts anderes mehr. Es war fantastisch. Die absolute Weiblichkeit, je fetter sie wurde, desto cooler war` s. Ihre Brüste und ihr Bauch waren irgendwann gegen Ende von Monat Acht gigantisch. Ich hätte es permanent mit ihr treiben können.

 Aber sie beschloss aus Sicherheitsgründen, bis zur Geburt ein Embargo zu verhängen.

 Eines Nachts stand sie dann in der Tür, als ich gerade den mittlerweile angeschafften Pc flottzukriegen versuchte, Schatz, es ist soweit.

 Ich raffte erst mal gar nicht, was sie wollte, hatte ich schließlich beim Schrauben einen dreiviertel Kasten Bier platt gemacht. Dann fiel der Groschen. Ich hatte urplötzlich totalen Schiss. Irgendwie hatte ich in den letzten Monaten total verdrängt, was das alles eigentlich heißt. Ich stopfte die Gabi und ihren Koffer in ein Taxi und schmiss mich hinterher.

 

  Im Krankenhaus ging` s dann ziemlich schnell, ich hatte nicht die Nerven, bei der Geburt mit dabei zu sein. Ich wollte ursprünglich, aber wegen meiner Nervosität plus Bierfahne plus der Tatsache, dass die ernstlich wollten, dass ich im Kreissaal meine dreckigen Lederklamotten ausziehe, was ich seit zirka vier Wochen nicht gemacht hatte und auch jetzt nicht vorhatte, schmissen sie mich raus.

 Ich rein in die Kneipe vor dem Krankenhaus und erstmal ein Herrengedeck bestellt. Bier mit Schnaps.

 Einigen Anwesenden berichtete ich meine Story, die beifällig aufgenommen wurde und mir ein paar Freirunden einbrachte. Ruckzuck war ich ziemlich besoffen, wir schmissen die Jukebox an, und die Stunden vergingen wie im Flug.

 Irgendwann flog die Tür auf und eine von den Krankenschwestern (die auf den Tipp von Gabi hin schon wusste, wo sie suchen musste) teilte mir mit pikiertem Gesichtsausdruck mit, ich hätte einen Sohn. Es gab ein großes Hallo und noch ein paar Runden, bis ich mich schließlich schwankend wieder ins Hospital aufmachte.

 Ich erreichte das Szenario gerade noch rechtzeitig, um wenigstens noch eigenhändig die Nabelschnur durchzuschneiden, was ein ernstlich bewegender Moment war. Wenn mir auch ein bisschen schlecht dabei wurde. Aber das hat keiner gemerkt.

 

 Ich bin doch ein totales Arschloch.

In was für `ne Scheiße ich immer gerate, gibt` s echt nicht. Was wieder passiert ist? Kira ist passiert. Und ich weiß nicht, zum wievielten Mal. Ich bin gestern Abend hin zu ihr.

Hatte sie angerufen, heimlich, von Andis Telefon. Ich weiß selbst nicht, was ich wollte von ihr, ich glaub, einfach nur mal ihre schöne dunkle Stimme hören. Und mich vergewissern, dass es ihr gut geht.

 Ich kenn sie gut genug, um zu fühlen, dass es ihr eben nicht so klasse geht, wie sie immer behauptet. Kira ist `ne harte Nuss, aber ich weiß ganz genau, die heult sich öfter die Augen aus dem Kopf, als sie jemals zugeben würde. Und sie trinkt zuviel.

 Ich bin selbst ein Säufer, aber was diese Frau so alles in sich reinschüttet, ist krass. Brandy, flaschenweise. Zum Runterkommen, wie sie immer sagt. Mann, von was, frag ich mich.

 Vom Leben, rotzt sie zurück, klar, so einfach ist das nicht bei ihr. Im Gegensatz zu mir würde sie nie ` ne Schwäche zugeben. Wo` s doch offensichtlich ist, dass sie dringend jemanden braucht. Und wenn` s nur ein Freund ist. Der ich versprochen hab zu sein. Im Gegensatz zu ihr. Kleine Verräterin. Aber es ist mir egal, ich verzeih ihr alles.

 Auf alle Fälle hab ich mich bereiterklärt, das dusselige Magazin zu verteilen und zu diesem ehrenwerten Zweck bin ich auch eigentlich da hin. Andi hatte nichts dagegen. Was wusste sie auch. Und wenn` s nach mir geht, wird sie` s auch nie erfahren.

 Als ich ankam, war Kira schon ziemlich angeschlagen. Und ich Stoffel bring auch noch `ne Flasche Rum mit als Gastgeschenk. Na ja, sie empfängt mich immerhin wieder. Und schien sich sogar wirklich zu freuen, mich zu sehen.

 Während diverser Kopiervorgänge leerten wir die Flasche und erinnerten uns an alte Zeiten.

Kira hat dann ihre Platten rausgekramt und ruckzuck waren wir am Tanzen. Keiner weiß, wie` s passierte, aber als ich sie im Arm hatte, war` s gelaufen. Ich konnte und wollte nicht mehr loslassen. Und sie war besoffen genug, genau das endlich mal zu machen.

 Sie zierte sich nicht mehr als eben notwendig. Aber zu was wirklich Verwerflichem kam` s nicht. Denn vorher kippte sie mir besinnungslos vor die Füße. Alles war wie früher. Und genauso wie früher brachte ich sie auch ins Bett.

 Ich latschte dann rüber ins Wohnzimmer und rief die Andi an, dass ich nicht komme. Der Schlüssel in meiner Tasche wog schwer wie Blei. Den hatte ich am Vortag erst bekommen. Und ich Schuft hab ihr gleich tags drauf zum ersten Mal die Hucke voll gelogen.

 Dann bin ich wieder rüber und haute mich zu Kira ins Bett, die wachte irgendwann auf und hätte mir beinah eins über den Schädel gegeben, weil sie vergessen hatte, dass ich überhaupt da war. Und mich für ` nen Einbrecher hielt. Typisch Kira, erst pöbeln, dann nachkucken.

Und dann kam` s, wies kommen musste. Als das erste Tageslicht durchs Fenster kroch, sind wir förmlich aufeinander losgegangen. Sie schien` s zu brauchen. Und ich konnte ihr noch nie widerstehen. Es war, als hätte einer di eganzenJahre ausradiert.

 Ich wusste, am Morgen würde sie eine gehässige Bemerkung machen und mich wieder rausschmeißen. Aber das war mir so egal, wie `s immer war.

 Nicht nur ihre Defensive ging in dieser Nacht in Trümmer. Und ich wusste ganz genau, ich würde wiederkommen.

 

 Gabi, die Gabifamilie, ich selbst und unser Sohn, den wir nach dem Sänger der Gruppe Black Flag, auf die wir beide standen, Henry genannt hatten, begannen so was wie ein halbwegs normales Leben. Keiner hatte Kohle, aber es ging schon. Wir schlugen uns so durch. Es gab ganz gut Knete vom Amt für den Kleinen und die Familie half uns auch immer wieder über die Runden. Mussten sie auch, weil die Gabi nicht mehr arbeiten ging. Sogar meine Alte und die Oma tauten ein Bisschen auf wegen dem Kind. Wie` s so geht.

 Ich wurde richtig häuslich, fuhr auch irgendwie ganz gut ab auf den ganzen Familientrip.

 Der Kleine brüllte zwar den ganzen Tag, was nicht schlecht nervte, aber es war schön, ihn zu beobachten und sich mit ihm zu beschäftigen. Ich fuhr den spazieren im Park, weil Gabi meinte, wenn ich eh da rumhänge, kann das Kind auch `nen Bisschen Sonne kriegen. Kein Thema. Und da sie mich ja mittlerweile kannte, dachte sie sich sicher auch, so `ne Kinderkarre ist ne gute Bremse betreffs aushäusige Aktivitäten. Also andere Weiber.

 Stimmte aber nicht, die kamen ständig angerannt und kriegten sich nicht mehr. Frauen und Babys eben. Aber sie ließen mich weitestgehend in Ruhe und ich sie, in der Hauptsache, weil ich den ganzen Tag scheißmüde war wegen der nächtlichen Bohei immer. Und weil die Gabi aufpasste wie ein Schießhund auch. Sie war den ganzen Tag zu Haus, und mit dem Kleinen im Schlepptau konnte ich ja auch nirgendwo mit hingehen.

 Was unser Sexleben anging, da war nach der Geburt auch irgendwie Flaute. Aber ich verstand das schon, und nie im Leben hätte ich` s gebracht und sie genötigt. Also wieder mal Embargo.

 

 So gingen dann die Jahre ins Land. Ich war inzwischen so Mitte Zwanzig und hatte mich eingelebt. Unter der Woche versuchte ich, nüchtern zu bleiben, hauptsächlich Gabis wegen, die überhaupt nichts mehr trank seit Henry auf der Welt war.

 Am Wochenende hatte ich sozusagen Ausgang, aber auch da stand ich unter Beobachtung.

 Oft ging es zu den familiären Grillpartys, da konnte man sich für lau den Wanst voll schlagen und Bier trinken. Komisch, ich hab nie kapiert, dass das okay ist, sich vollaufen zu lassen, wenn man` s daheim im Schrebergarten macht. Und extrem verwerflich, wenn` s in einem öffentlichen Park passiert. Ist doch ein und dasselbe, Mensch

 Ich versuchte, mich mit den Kerlen aus der Familie und deren Kumpels anzufreunden und bei manchen ging das auch. Spießer allesamt, aber wenn die was getrunken hatten, war` s ganz erträglich. Meine alte Wut hielt sich in Grenzen. Ich war, wenn schon nicht voll anerkannt, so doch halbwegs akzeptiert.

 Ich machte mir nichts vor, wenn ich nicht Gabis Kerl und Henrys Vater gewesen wäre, hätten die mich nicht mit dem Arsch angekuckt. Genau wie alle anderen. Denn ordentlicher als früher lief ich nicht rum. Das war sozusagen meine letzte Bastion. Und die war mir heilig.

 Wir haben dann sogar geheiratet, die Gabi und ich. Keiner fragte offiziell den anderen, so romantisch, wie ich mir immer vorgestellt hatte, dass so was abgeht. Mit Kniefall und allem.

 Nee, wir beschlossen das wegen der Kohle und der Familie. Die das irgendwie erwartete.

Und damit der Henry später in der Schule keinen Stress kriegt. Ich fand auch, die Gabi hätte das verdient irgendwie.

 An dem großen Tag, als wir im Bottroper Standesamt einliefen, Gabi und ich und noch zwei Punkrockkumpels als Trauzeugen, goss es in Strömen. Und just an diesem Tag war irgend so ein Lokalpolitiker umgelegt worden. Ich hab aber vergessen, wer das war. Der Standesbeamte meinte ganz trocken, das sei nun ein trauriger Tag mehr für die Stadt Bottrop. Wen er damit jetzt meinte, blieb im Unklaren und es fragte auch keiner nach.

 Es wurde dann noch ein Foto gemacht, auf dem wir alle irgendwie unmotiviert auf der Treppe vom Standesamt rumstehen, das hab ich immer noch. Wenn man sich` s so ankuckt, kann man nicht wirklich erkennen, wer da nun wen geheiratet hat. Außer man weiß es.

 

 Irgendwann in der darauf folgenden Zeit hab ich mir dann sogar `nen Job gesucht, ich denk mal, weil mir die Decke so` n Bisschen auf den Kopf gefallen ist daheim. Versteh mich keiner falsch, es war eine gute Zeit. Und dazu die ruhigste in meinem ganzen Leben bisher.

 Aber ich dachte mir immer öfter, ob` s das nun gewesen sein konnte. Immer nur rumhängen, die Frau und das Kind, so langsam und allmählich wurde mir` s stinklangweilig. Obwohl ich die beiden liebte, und das meine ich ganz aufrichtig. Ich wollte auch irgendwie für die Familie sorgen, kam mir manchmal sogar richtig beschissen vor, nichts zu arbeiten und so. Aber

hauptsächlich wollte ich endlich mal da raus.

 Ich war nun bald Ende Zwanzig, mein Sohn Henry wuchs heran und sah mir blöderweise kein Stück ähnlich. Der sah aus wie die Gabi und der Rest der Familie. Aber der kleine Kerl war schwer in Ordnung. Wir verstanden uns.

 Mich schickten die auch immer zu den Kindergartentreffen, weil ich am meisten Freizeit hatte und die Frau eine Auszeit brauchte dann und wann. Ich hab mich dann auch gleich wieder unbeliebt gemacht, weil ich die Kurzen mit hübschen Spielen wie Wettrülpsen, Weitspucken und Klamotten mit Edding bemalen unterhalten hab. Nicht bei den Kindern, die fanden` s klasse. Bloß die Eltern reklamierten doch sehr. Und Gabi machte mir mal wieder Krach. Durfte ich auch das nicht mehr machen. Schade.

 

 Wieder sind  ein paar Wochen herum. Und wieder wird` s draußen richtig schönes Wetter, es ist Mitte April und alles blüht und gedeiht.

 Ich fühl mich unvermindert wie ein Schwein, wegen der Andi und auch wegen Kira, aber die hat mir ja versichert, dass alles cool sei. Was sie betrifft.

 Ich glaub ihr nicht. Ich hab` s in ihren Augen gesehen. Aber sie würde nie darüber reden.

Natürlich hat sie mich abgewatscht am Morgen danach, komischerweise wegen Andi. Und weil ich sie betrüge.

 Mann, die Frauen haben uns Kerlen echt was voraus. Machen uns fix und fertig mit ihrem Charme und hauen uns anschließend einen in die Fresse, weil wir ihm erliegen. Aber sie hat schon ganz recht.

 An diesem Morgen bin ich trotzdem selig grinsend da raus, konnte gar nichts machen.

Ihr Geruch haftete an mir und ich hab immer wieder heimlich an mir geschnüffelt. Sie riecht wie Süßigkeiten. Und schmeckt auch ebenso gut.

 Ich hab mich dann zwei Tage nicht gewaschen, erstens, weil das eh nichts Besonderes ist, und zum Zweiten, dass ich sie noch so lange riechen kann, wie` s geht.

 Ich hatte nicht lange Zeit, über alles zu sinnieren, denn kaum, dass ich bei Andi angekommen war, ging` s auch schon wieder los. Essen mit der Andifamilie. Dass Ostern war, hatte ich komplett vergessen.

Also kämpften wir uns durch ein mehrgängiges Menü und machten dazu einige Flaschen guten Wein platt. Mitsamt einer Menge Brandy danach, ich hab nach der Nacht gedacht, so bald nichts mehr davon runterzukriegen, aber Säufer bleibt Säufer. Und der Schnaps regelte meine Nervosität ein wenig runter. Ich konnte weitermachen.

 Und nun sitz ich nach Wochen mal wieder bei mir daheim, der Andi hab ich gesagt, ich muss die Post holen. Aber eigentlich will ich nachdenken. Und weiter schreiben. Ich bin immer noch fest entschlossen, Kira das fertige Skript zu bringen. Sie wird einmal im Leben stolz sein können auf mich. Und vielleicht wird` s noch mal eine solche Nacht geben?

 Ich kann nicht rationell über die Lage nachdenken und erwisch mich dabei, wie ich an der Wand mit den vergilbten Bildchen steh, ein paar davon glatt streiche und in Tagträumen versinke. Sie denkt auch an mich. Ich merk` s ganz deutlich.

 

 Als Henry so um die zehn Jahre alt war, hatte ich tatsächlich mal aufgehört zu trinken, wegen der anhaltenden Arbeitslosigkeit, die nur von kurzen Jobs unterbrochen war, eine eigene Firma für Veranstaltungstechnik aufgemacht und mir von ein paar zusammengesparten Kröten sogar den Führerschein plus Karre geleistet. Die Familie wurde nicht wieder, sag ich euch.  Ich erntete Anerkennung wie noch nie vorher in meinem Leben. Und auch selten danach.

 Nun ja, die Firma war ein Einmannbetrieb, denn man kam leichter an Jobs im Bühnenauf- und Abbau oder Kabeltragen, wenn man selbständig ist. Und mit der Karre kam ich auch ganz schön rum in der Republik. Genau, was ich gesucht hatte.

 Die Jobs waren lustig, man kam zwar nicht mit den ganzen Stars zusammen, für die man da ackerte, aber beinah. Bei den California Dream Boys wurde ich immerhin fotografiert. Zusammen mit meinem Kollegen Kalle, die echten Boys hatten keinen Bock und so ein paar Hausfrauen waren nicht zu halten. Also hielten wir die Stellung.

 Einmal hab ich auch dem Angus Meier Unbehagen `nen Brocken Shit organisiert, als der aus dem Backstage danach brüllte.

 Und bei so `nem Weihnachtskonzert haben wir im fettesten Schneesturm draußen vor der Rheingoldhalle noch an die dreihundert Tannenbäume pflanzen müssen.

Ich war also tatsächlich mal am Arbeiten. Meine Leute haben sich echt in die Hosen gemacht.

 Leider ergab es sich mit der Zeit, dass wir nach erfolgreich erledigten Jobs immer gut einen gesoffen haben, und ich muss gestehen, nur die ersten beiden Male beim Mineralwasser geblieben zu sein. Oft musste ich zu Hause anrufen und im Auto pennen. Hab meistens was von Schneesturm oder so erzählt, zu dumm, dass mir auch bei schönstem Wetter nichts anderes eingefallen ist.

 Noch dazu kamen allmählich die ersten Steuerbescheide für die Firma, welche ich aber ignorierte. Außerdem hatte ich die Kohle eh ausgegeben. Hatte ich mal wieder Stress.

Und Gabi hat mich als eine Art letzte Maßnahme zu den anonymen Alkis geschleppt. Offiziell wegen Henry. Aber ich kannte sie. Sie machte immer öfter ein wirklich ernstes Gesicht. Und schlief auf dem Sofa. Ich hatte sie wiederholt enttäuscht.

 

 Wo wir grade bei Enttäuschungen sind:

Ich musste gerade selber eine hinnehmen, nämlich, als ich nach vorbenannten zirka vier Wochen Abwesenheit mal wieder meine Bude betrat. Okay, ich hätte sie nicht meinen Punkrockkumpels zur Verfügung stellen müssen. Aber ich hatte ein weiches Herz und die keine Bleibe.

 Bedauerlicherweise haben diese Arschlöcher auch noch die letzten Überreste von Wohnlichkeit in Schutt und Asche getrampelt. Alles ist kaputt, wirklich alles. Töpfe, Möbel, sogar meine Klamotten, die da noch rumlagen.

 Alles total verdreckt und kaputt. Müllberge und Schimmel überall. Das Klo aus der Verankerung gerissen, und irgendjemand hat sogar in die Ecke geschissen. Mal ganz zu schweigen von den 200.- Cash, die eigentlich ausgemacht waren als Miete. Und die natürlich nicht da lagen.

 Ich hin zu denen hin und Alarm geschlagen, aber alles, was es gab, war die Androhung von Dresche.

 Ich also wieder zurück, meine Diskette aus dem ebenfalls zerhauenen Pc geholt, damit ich weiter schreiben kann, die Bude abgeschlossen, gerade, wie sie eben war, und zurück zu Andi. Die Post hab ich dabei schon wieder vergessen. So ein Scheißspiel.

 

 Die Alkitreffen hielt ich irgendwie durch, obwohl ich sie total bescheuert fand, ich tat` s für Weib und Kind.

 Ich liebte meinen Sohn abgöttisch, und ich wusste, wenn die Ehe mit Gabi aus irgendeinem Grund in die Binsen geht, dann hab ich den gesehen. Für immer. Ich konnte es nicht ertragen. Und ich verstand auch die Gabi irgendwie. Was hatte die denn schon von mir.

 Ich gelobte Besserung, blieb nüchtern und hing mal wieder daheim rum, wenn ich nichts zu arbeiten hatte oder zu den Alkis musste. Spielte mit Henry. Ging mit den beiden riesigen Hunden raus, die wir hatten.

 Ich fand einen neuen Freund, den John, der hatte drei Pitbulls und ich traf den immer im Feld hinter dem Haus beim Gassigehen. Er war Tätowierer. Ich half ihm dann ab und zu in seinem Studio aus. Dafür ließ ich mich für umme komplett voll stechen. Und piercen! Also natürlich nach und nach. Ich sah auf einmal toll aus! Und ich hatte was zu tun.

 Die Gabi fand das geil, die ließ sich auch tätowieren und wir verstanden uns allmählich wieder besser. Wir zogen in eine neue Wohnung. Im Haus von Gabis Familie.Wir wohnten endlich für uns. Und wir hatten sogar manchmal wieder Sex!

 Ich entdeckte ein neues Hobby und befasste mich mit dem ollen Heimcomputer, was mir zunehmend großen Spaß machte. Wir bekamen nämlich Internet! Und das war dann irgendwie der Anfang vom Ende.

 

 Alles begann damit, dass ich mich bei allerhand Kennenlernforen einschrieb, um zu kucken, ob` s nicht ein paar nette Leute gibt online. Wo ich doch nicht mehr ausging. Bis auf die Familie und meinen Freund John fühlte ich mich nämlich ziemlich einsam.

 Aufträge bekam ich auch nicht mehr viele, die beauftragen mittlerweile nämlich lieber große Firmen mit den Aufbauarbeiten und nicht mehr so kleine Fische wie mich. Ich war inzwischen Anfang Dreißig, und die Kohle war mal wieder knapp. Gabi und Henry und mir blieb nichts übrig, als uns mal wieder bei der Familie durchzuschnorren. Aber ich sag mal ehrlich, das machte mir nicht so viel aus. Einmal fuhren wir sogar in Urlaub, ein paar Tage an die Nordsee. War schön da, denn für das Meer und die Schiffe hab ich mich nämlich schon immer interessiert. Besonders für den Untergang der Titanic. Ich hatte sogar so ein Schiffsmodell. Und natürlich sämtliche Filme drüber. Ich liebte diese Geschichten über die Seefahrt. Die ließen mich von all den Abenteuern träumen, die ich selber wahrscheinlich niemals erleben würde.

 Ich war also neuerdings wirklich gern zu Hause und somit in der Nähe des Computers.

Denn ich hatte jemanden kennen gelernt! Sie hieß Sharon und war Amerikanerin. Wir schrieben und schrieben uns. Ich musste aufpassen, dass die Gabi das nicht mitkriegte, aber die interessierte sich nicht besonders für den Computer. Und war froh, dass ich in Reichweite blieb.

 

 Nach zirka drei Wochen Hin und Her und ein paar Fotos, die Sharon schickte, war ich total verknallt. Sie war eine rothaarige Schönheit. Und einsam war sie auch.

 Ich schaffte vom letzten Geld eine Webcam an. Damit sie mich auch sieht. Ich spielte damit ein ziemlich gefährliches Spiel. Das nur bei Nacht funktionierte, denn Gabi durfte ja nichts merken. Und die Zeitzonen musste man ja auch mit einkalkulieren. Ich saß da also Nacht für Nacht und flirtete, was das Zeug hielt. Manchmal fummelte ich an mir rum. Ich fand` s ziemlich krank eigentlich, aber besser als nichts. Es war aufregend. Es war eine neue Möglichkeit!

 Nach ein paar Wochen schrieb mir Sharon dann, sie hätte einen neuen Kerl. Und machte mit mir Schluss. Ich war untröstlich, aber als letzte gute Tat brachte sie mich dann noch mit Angie zusammen. Eine bildhübsche Blondine diesmal. Mit endlos langen Beinen, wie ein Playmate.

Wenn das auf dem Foto richtig rüber kam und nicht retuschiert war. Man weiß ja nie.

 Angie versetzte mir dann den reinsten Kulturschock. Ich kriegte mich nicht mehr ein. Angie war Hardcorefan. Und hatte drei Kinder plus einen ganz tollen Job. Sie lebte in Oakland/Kalifornien in einem fetten großen Haus. Und zwar ganz alleine. Und ich schien ihr zu gefallen!  

 In Nacht Nummer Drei oder so hatten wir dann auch virtuellen Sex. Ich hatte diesmal wirklich Angst, dass Gabi was mitkriegt, aber ich konnte nicht widerstehen. Es wäre ziemlich schwer zu erklären gewesen, was ich da tu, mitten in der Nacht mit runtergelassener Hose vor dem Computer. Aber alles ging glatt. Ich war komplett von der Rolle. Es war nicht so wie bei Sharon, diesmal meinten wir es beide ernst. Angie schickte mir auch richtige Post, beispielsweise diesen Hüfthalter, den sie bei unserem Online- Intermezzo getragen hatte. Und sonst gar nichts. Plus noch mehr Fotos.

 

 Nach zirka drei Monaten sprachen, bzw. schrieben wir von Liebe. Wir hatten sogar gemeinsame Lieblingssongs. Der totale Kitsch. Ich stand aber drauf.

 Angie fragte mich schließlich, ob ich nicht kommen und mit ihr leben wollte. Klar wollte ich!

Aber was sollte ich mit Gabi und vor allen Dingen mit Henry machen? Ich musste mir eingestehen, dass in meiner Ehe eigentlich nichts mehr stimmte. Es gab zu viele Heimlichkeiten, zu viel Lügerei. Von meiner Seite. Zu viel Enttäuschung. Von ihrer Seite.

 Und es gab einen gähnenden Abgrund der Langeweile, der sich zwischen uns aufgetan hatte. Mittlerweile waren wir fast fünfzehn Jahre zusammen. So alt, wie Henry gerade geworden war. Der quasi über Nacht zu einem respektablen junger Kerl herangewachsen war. Und weil er Punkrock auch ganz gut fand, hatte ich ihn überredet, sich sogar mal die Haare zu färben.

Es rührte mich immer wieder.

 Ansonsten war er ganz anders als ich. Henry war sehr ruhig. Der zog sein Ding durch.

Also die Schule. Und ließ sich ziemlich selten in die Karten kucken. Aber ich denke, der kriegte eine Menge mit. Viel mehr, als wir damals dachten. Wir waren nicht mehr ganz jung. Aber auch noch nicht alt. Und mir stellte sich immer wieder die Frage, was ich tun sollte.

 

 Angie ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich schämte mich Gabi gegenüber, und zwar ganz gewaltig. Sie war eine gute Frau. Für die es immer nur mich gegeben hatte. Und die ich wieder mal auf die übelste Weise hinterging. Ich war ein Schwein.

 Auch Angie gegenüber war ich nicht ganz ehrlich. Der hatte ich nämlich geschrieben, ich käme gerne zu ihr hin. Und dass ich sie liebte und mit ihr zusammen sein wollte. Ich war verrückt nach ihr. Obwohl ich sie noch nie gesehen hatte. Es sei denn auf Bildern. Aber irgendwie meinte ich, sie schon jetzt zu kennen. Es war etwas Gutes.

 Ich hatte Angie gegenüber Gabi und Henry natürlich genauso wenig erwähnt wie umgekehrt. Die dachte, ich sei ein einsamer Kerl. War ich ja auch. Aber ich konnte ihr einfach nichts von meiner Ehe stecken. Das hätte ich schon zu Anfang bringen müssen. Aber ich hatte Schiss, sie wieder zu verlieren.

 Ich vertraute mich dann meinem guten Kumpel John an. Musste einfach mit wem reden. John war` s dann auch, der sich als Amors Bote verdingte, und ein halbes Jahr lang meine Briefe an Angie aufgab. Sowie die von ihr annahm. Wegen Gabi konnte ich sie ja nicht zu uns nach Hause schreiben lassen. Und dann ging` s ganz schnell.

 Wer weiß, vielleicht hatten mein Freund John und seine Frau Irith einfach die Schnauze voll von meinem Geheule, ich müsse jetzt endlich die Karten auf den Tisch legen, aber könne einfach nicht. Oder sie wollten wirklich helfen. Und zwar per Schocktherapie. Oder die Gabi tat ihnen leid. Oder alles zusammen. Keine Ahnung.

 Auf alle Fälle landete mein letzter Brief an Angie, in dem ich ihr zusicherte, ich werde bereits in den nächsten Wochen zu ihr in die Staaten kommen, dass ich sie über alles liebte und mich nichts aufhalten könne, nicht im Auslandsbriefkasten, sondern zu Hause bei Gabi.

 

 Die empfing mich eines Abends mit dem Ding in der Hand und der einfachen Frage: „Wer ist Angie?“ Da musste ich die Hosen runterlassen.

 Ich beichtete alles. Und sie gab mir vier Wochen bis zum Auszug. Ich konnte das verstehen.

Es hat mich auch irgendwie erleichtert. Endlich musste ich nicht mehr lügen. Und konnte Gabi und Henry wieder in die Augen sehen. Es tat mir unendlich leid. Aber es war nun mal passiert.

 Wo ich schon gerade dabei war, schrieb ich auch gleich an Angie. Und erklärte ihr, was die wirkliche Sachlage war. Dass sie mir doch bitte verzeihen sollte. Und dass ich mich auf sie freute. Ich wollte drüben in Amerika ganz von vorne anfangen. Mit ihr.

 Aber da hatte ich falsch gewettet. Angie wollte nichts mehr von unseren Zukunftsplänen wissen. Mit einem Lügner und Ehebrecher wollte sie nämlich nichts zu tun haben.

Und schon gar nichts aufbauen. Und ich solle es ja nicht wagen und bei ihr erscheinen.

 Doch so leicht gab ich nicht auf. Hartnäckigkeit war schon immer eine Stärke von mir.

Wenn ich mal was wollte. Und in dem Fall wollte ich Angie.

Ich wollte meinen Traum. Außerdem hatte ich ja nun hier meine Zelte abgebrochen.

Oder so gut wie. Für mich gab es keinen Weg zurück.

 Gabi half mir in den darauf folgenden Wochen, meine Habe, die ich nicht mitnehmen wollte und konnte, denn ich brauchte ja Kohle fürs Ticket, zu verscherbeln. Die Gute! Wir haben auch die Karre gewinnbringend verkloppt, was bei dem Schrotthaufen das reinste Wunder war.

 Irgendwann hatten wir sogar noch mal Sex. Mitten zwischen dem ganzen Gerümpel.

Und es war fantastisch. Besser als in der ganzen Zeit unserer Ehe. Ich merkte an diesem Abend deutlich, ich hatte sie verloren. Und sie mich. Vielleicht brauchten wir das, um wirklich zu schnallen, dass es vorbei war. Wer weiß.

 

 Und dann kam der Morgen, an dem ich abfliegen sollte. Wir holten Henry aus dem Bett und ich verabschiedete mich. Ich griff mir mal wieder den alten Seesack. Plus Opas Koffer.

Das war alles, was von mir noch übrig war. Den Rest trug ich am Mann.

 Ich drehte mich unten auf der Straße nicht mehr um. Irgendwie konnte ich nicht ertragen, dass mir die beiden nachkuckten. Ich wusste, sie machten das. Es tat schon weh.

Die ganzen Jahre passierten in meinem Kopf Revue. Es waren gute Jahre gewesen. Trotz allem. Und ich hatte sie verraten.

 Irgendwie verabschiedete ich mich an diesem Morgen von dem einzigen Stück Normalität in meinem Leben, das ich je mein Eigen nennen konnte. Und ich war froh drüber.

 Dann saß ich zum ersten Mal in einem Flugzeug, knackte eine gut gekühlte Bierdose, beobachtete einen schwiemeligen Sonnenaufgang über dem Flughafen Köln-Bonn, zündete eine Kippe an, lehnte mich zurück und fühlte mich komplett frei. Ich war jetzt sechsunddreißig Jahre alt. Ich war frei.

  Die schwere Maschine drehte und legte sich in die Kurve. Ich kuckte runter in den Nebel, dahin, wo alles war, was ich bislang gekannt hatte. Und jetzt hinter mir ließ.

 Ich zwinkerte der hübschen Stewardess zu und bestellte mir noch ein paar Biere. Ich donnerte neuen Abenteuern entgegen. Und mit jedem Meter mehr zwischen mir und dem Ruhrpott fühlte ich mich besser.

 

 Mensch, was wusste ich damals. Ich war mal wieder im Begriff, mich in die Scheiße meines Lebens zu reiten. Genau so wie jetzt auch. Sagt Kira. Und die muss es ja wissen.

 Manchmal bin ich sauer auf Kira, dieses neunmalkluge kleine Biest, das niemals müde wird, mir seine Weisheiten um die Ohren zu hauen. Aber sie lässt mich auch nicht in Ruh. Es ist komplett krank.

 Ich führe so eine Art Doppelleben. Ich lebe weiterhin mit der Andi zusammen. Ich teile ihr Bett und auch ihre Träume. Ich versuch` s immerhin. Ich esse ihr Brot. Ich lebe von ihr. Sie ist der einzige Mensch, der wirklich für mich da ist. Sie sorgt für mich.

Und dann und wann fahr ich zu Kira. Ich komm einfach  nicht los von ihr. Hab` s mir eingestanden. Es geht einfach nicht. Und ich bin wieder mal die Drecksau.

 Irgendwie ist das auch so ein Deja vu- Erlebnis. Andi und meine Frau, die Gabi, sind sich gar nicht mal so unähnlich. Und die ganze Scheiß- Situation ist auch so ähnlich wie früher.

Heimlichkeiten. Halbwahrheiten. Und allmählich auch faustdicke Lügen.

 Andi weiß, dass ich zu Kira gehe. Und billigt das auch noch. Aber was da abgeht, das weiß sie natürlich nicht. Denn die Andi vertraut mir.

 Und ich bescheiße mal wieder jemanden nach Strich und Faden. Diesmal wird niemand die Situation entschärfen. Keine Absolution, nichts. Ich wollte manchmal, ich könnte einfach Schluss machen. Mit allen beiden. Und vielleicht auch mit mir. Ich bin so müde. Hab die ganze Kacke leid. Ich fühl mich so einsam wie schon lange nicht mehr.

 

 Als ich nach sechsundzwanzig Stunden oder so endlich angekommen war, war ich ziemlich besoffen, denn ich hatte mich an dem kostenlos verfügbaren Getränkeangebot auf Langstreckenflügen schadlos gehalten, der hübschen blonden Stewardess mehrere unsittliche Angebote gemacht und Telefonnummern mit vier Damen an Bord getauscht. Also ich hatte die von denen, denn ich selbst war ja derzeit quasi ohne Anschluss.

 Die letzten vier Stunden oder so war ich, hippelig wie ich war, vor den Toiletten auf und abgerannt und hatte die anderen Fluggäste genervt. Meine Därme rebellierten aufgrund der Aufregung und dem vielen mittlerweile ungewohnten Alkohol. Essen konnte ich nichts.

Ich ging dazu über, allerhand Lieder zu singen, was mir einen dicken Anschiss seitens des Sicherheitsdienstes einbrachte, aber das war mir egal. Was wollten die machen, mich abschmeißen?

 Schließlich ließ ich mich doch wieder auf meinen Platz eskortieren, denn das Letzte, was ich wollte war, dass mich Angie drüben erstmal aus dem Knast holen musste.

 Ich kauerte während des Sinkfluges mit zusammengekniffenen Augen auf meinem Sitz, denn urplötzlich war mir grottenschlecht. Die attraktive Brünette neben mir reichte mir freundlicherweise rechtzeitig eine Spucktüte. Und rückte so weit es ging weg von mir.

 Ich wettete insgeheim drauf, dass es sicher keinen Zweck hatte, die Lady später anzurufen.

Auch egal. Ich war fast am Ziel. Als die Maschine endlich stand, warf ich die vollgekotzte Tüte heimlich unter den Sitz, griff mir meine Jacke und machte, dass ich da raus kam.

 

 Es regnete in Strömen, von wegen Sunshine State, Mann. Ich torkelte in die Schalterhalle, wartete auf mein Gepäck, schulterte schließlich meine dürftige Habe und pflanzte mich vorm Flughafen auf.

 Ich hatte Angie geschrieben, wann ich ankäme, aber die tat den Teufel und holte mich ab. Keine Sau war da, um Izzy in den vereinigten Staaten Willkommen zu heißen. Seit meiner Generalsbeichte vor ein paar Wochen hatte ich genau genommen überhaupt nichts mehr von Angie gehört. Aber ich ließ mich nicht entmutigen.

 Nach zirka drei Stunden Wartezeit winkte ich mir schließlich komplett durchgefroren und durchnässt ein Taxi ran. Der Fahrer wollte zuerst die Tür nicht öffnen, ich musste schon mein schmales Bündel Dollarnoten zücken und sage und schreibe damit winken.

  Ich nüchterte ein wenig aus, daher ließ ich den Fahrer zuerst einen Schnapsladen suchen. Wenigstens das mit den braunen Papiertüten, in denen im Film immer der Alkohol steckt, stimmte. Und die Kartoffelchips schmeckten genau wie daheim. Wenn schon sonst nichts so war, wie ich` s mir vorgestellt hatte.

 Ich gab dem Fahrer, der mich mittlerweile ganz lustig fand, Angies Adresse und einen guten Zug aus meiner Buddel aus. Dann zockelten wir los.

 Nach sage und schreibe zwei geschlagenen Stunden Fahrt (Angie wohnte in irgendeinem abgefahrenen Vorort, und das bedeutet in Amerika Distanzen wie bei uns zwischen Großstädten) hatten wir` s endlich gefunden.

 Jimbob, so hieß mein motorisierter neuer Freund, und ich teilten uns den Rest vom Whiskey, was meinen Fahrpreis aber nicht im Geringsten minderte. Wie ich insgeheim doch sehr gehofft hatte.

 Ich berappte also schweren Herzens hundertfünfzig Dollar und kletterte frohgemut vorm Haus meiner Liebsten aus dem Wagen. Jimbob gab sofort Stoff und verschwand mit quietschenden Reifen um die Ecke. Auch das war wie im Film.

 Ich atmete tief durch. Und kuckte mir das erstmal an. Abgedrehte Bude, gepflegter Rasen, alles vom Feinsten. Und hier sollte `ne Punkrockerin wohnen?

 

 Ich muss wider Willen grinsen beim Gedanken an das, was jetzt kommt. Ist wie aus `nem Slapstickfilm eigentlich. Wie konnte ich bloß dermaßen bescheuert sein.

 Ich schreibe mittlerweile am Pc von Andis Tochter Ellie. Die ist ja morgens in der Schule und braucht ihn nicht.

 Ich musste zwischendrin `ne kleine Pause einlegen, denn ich hab einfach keinen Bock, in meine Ekelhütte zurück zu gehen. Schieb` s so vor mir her. Aber ich muss irgendwann. Hab die Scheißpost noch immer nicht geholt. Muss ich aber, denn das Sozialamt hat den Geldhahn zugedreht. Und weil ich die letzten drei Briefe oder so einfach weggeschmissen hab, weiß ich nicht mal warum. Irgendwie hab ich Angst, irgendwas, was nach Stadt oder Gesetz aussieht überhaupt aufzumachen. Ich hab noch jede Menge offene Rechnungen. Und Haftandrohungen dazu, weil ich nie eine bezahlt hab. Gut, dass hier nichts davon ankommt. Ich fürchte, die Andi würde das gar nicht gutheißen. Wie so vieles andere mittlerweile auch.

 

 Alle meine Frauen, und alle waren sie auf ihre Art wunderbar, hatten so `ne Manie mit Ordnung und Sauberkeit. Andi meinte letzthin tatsächlich zu mir, ich solle mir die Füße waschen, bevor ich auf ihren Teppichen rumlatsche. Und dann hat sie mir noch `nen Rasierapparat nebst Deo und Zahnputzset geschenkt. Was ich aus einer komischen Loyalität heraus auch ab und zu benutze. Wenn ich schon sonst nicht besonders loyal bin.

 Irgendwie hat sich zwischen der Andi und mir auch schon was begonnen zu verändern.

Manchmal ist sie nicht glücklich und ich kann` s deutlich sehen. Bin ich ihr zuviel?

 He, ich bin ein guter Kerl. Und ich gebe mir auch leidlich Mühe, dass sie sich freut.

Ich war an die drei Wochen nicht bei Kira. Hab sie nicht mal angerufen. Auch wenn` s schwer fällt. Ich will keinen Verdacht erregen. Und ich muss mich irgendwie lockermachen. Eigentlich wollte ich die ganze Sache gerne ungeschehen machen. Ich merke, es frisst an mir.

 

 Andi und ich waren bei so einem Fest letztens, da war ich mit Kira vor zwei Jahren auch. Und was hatten wir damals für einen Spaß. Diesmal war` s anders. Ich hab mir die Birne zugeballert, Andi und ihre Freunde sind allesamt keine Kinder von Traurigkeit, was Drogen anbetrifft beim Weggehen. So was hätte ich nicht erwartet. Aber okay, ich nehm` s wie` s eben kommt.  

 Ich war noch nie auf Koks. Kann ich mir auch nicht leisten sonst. Es war ganz komisch.

Mein Kopf wurde ganz leicht. Ich musste lachen in einer Tour. Aber innen drin wurde ich immer ernster. Ich hätte schreien können. Und heulen. Und durfte nicht.

 Ich bin total zerrissen. Und es gibt niemanden auf der Welt, der das versteht. Niemanden, mit dem ich reden kann.

 Irgendwie scheint diese komische Erzählung hier manchmal realer zu sein, als die ganze Realität, in der ich mich bewege, vielmehr bewegen muss. Ich laufe wie auf `ner Schiene. Und die scheint so `ne Art beschissener Kreisverkehr zu sein.

 Ich komm nicht raus. Ich hasse diesen Zustand. Aber ich bin nicht in der Lage, da was dran zu ändern. Ich lass die anderen eben machen. Und kuck zu, was dabei herauskommt.

Es ist mir zunehmend egal. Ich erzähle lieber weiter.

 

 In den USA:

Ich stellte mein klatschnasses Zeug unter einem Garagendach ab und sondierte erstmal das Terrain. Ging die paar Treppenstufen hoch und klingelte. Drinnen machte es BingBong, aber niemand machte auf. Ich schlich um` s Haus, kuckte durch Fenster. Sah alles sehr ordentlich und beinah unbewohnt aus. Hatte Angie mich verarscht? Na ja, das musste gerade ich sagen.

Ich kam mir vor wie ein Eindringling. War ich am Ende ja auch.

 Ich kuckte die Straße auf und ab, das war eine typische amerikanische Vorortallee. Wobei ich ja noch nie eine gesehen hatte. Außer halt im Film.

 Keine Sau weit und breit war zu sehen, keine Nachbarn, die rumrannten und irgendwas im Garten machten, keine Leute, die spazieren gingen, nichts. Und vor allem: kein einziger Kiosk! Und ich hatte schon wieder fürchterlichen Durst.

 Ich dachte an dieses und jenes. Auch an zu Hause. Mein Herz wurde schwer. Was machte ich hier eigentlich? Ich setzte mich auf die Treppe und wartete ab. Immerhin hatte es zu regnen aufgehört.

 Nach Stunden, so kam mir` s wenigstens vor, bog ein schwerer Jeep in die Einfahrt ein, am Steuer sah ich einen blonden Kopf. Das musste Angie sein!

Ich sprang auf, aber noch bevor ich auch nur was sagen konnte, gab sie wieder Vollgas, heizte mit quietschenden Reifen auf die Straße zurück und gab Gummi. Rückwärts!

 Ich stand da wie ein Idiot, mit einem lächerlichen Grinsen im Gesicht und hoch erhobenen Armen. Was sollte das, zum Teufel? Ich ließ die Arme sinken. Und setzte mich wieder.

 Kurze Zeit später bog wieder ein Auto in die Einfahrt ein, aber das kam unmittelbar vor mir zum Stehen. Und zwei Bullen stiegen aus, die mich dann auch prompt in den Schwitzkasten nahmen. Ob ich der Kerl aus dem Internet wäre. Klar, sagte ich.

 Anschließend kam die volle CSI-Nummer, und das war nun echt wie im Kino. Nachdem sie mich auf Waffen hin durchsucht hatten und bis auf ein paar nasse und ziemlich stinkige Klamotten und leere Flaschen im Seesack nichts gefunden hatten, wurden die Kerle auch freundlicher.

 Angie war prompt zu denen hingefahren und hatte mich als Stalker oder so was hingestellt. Ich erklärte den Cops, wie sich` s zugetragen hatte, dass ich nun hier saß, und dass ich niemandem was zuleide tun wollte. Und schon gar nicht der Angie. Ganz im Gegenteil.

 Wie ich da im Licht der untergehenden Vorortsonne, die mittlerweile raus gekommen war, auf Angies Treppe stand und mit den Bullen palaverte, kamen mir echt die Tränen. Nun war ich um die halbe Welt geflogen, um diese Frau zu sehen. Und wo ich sie gefunden hatte, wollte sie mich nicht mehr haben. Wo sollte ich hin? Was sollte ich jetzt bloß machen? Ich heulte wie ein Wolf. Die Cops kuckten sich` s an. Ich glaub, ich tat denen richtig leid.

 Am Ende vom Lied redeten die mit der Angie, welche sich dann auch bereiterklärte, mich rein zu lassen. Aber nur unter Aufsicht.

 Sie lud prompt zwei riesige Rockerkumpels über Nacht ein, damit die aufpassten, dass ich keine Scheiße baute. Das stank mir zwar gewaltig, aber irgendwo musste ich ja hin.

 Als sich die Gemüter beruhigt hatten, teilten sie mir mit, ich könne ein paar Nächte unterkriechen. Aber ich hätte mich so bald als möglich zu verpissen.

 Angie drückte mir dazu ein noch am gleichen Tag gekauftes Rückflugticket in die Hand. Datum in 2 Wochen. Gab sie mir soviel Zeit, oder wollte sie einfach nur nicht so asozial sein, mich gleich wieder des Landes zu verweisen?

 Ich saß also da und trank mir einen mit den Rockern, die sich eigentlich als ganz nett erwiesen. Langsam kam etwas Wärme in meine steif gefrorenen Knochen zurück. Aber nicht in mein Herz. Das war zu einem Klumpen Eis gefroren. Meine schöne Angie. Die in echt noch viel hübscher war als auf allen Fotos. Aber das half mir auch nicht weiter. Was zwischen uns gewesen sein mochte, war aus und vorbei. War das wegen meiner Lügerei passiert, oder hatte sie am Ende gar nicht damit gerechnet, dass ich überhaupt da einlaufen würde.

Sie beobachte mich manchmal von ihrer Sofaecke aus, ich kam mir vor wie ein gefährliches Tier im Zoo.

 

 Ich versuchte mit ihr zu reden, aber sie ließ das nicht zu. Und jedes Mal, wenn ich` s auf` s Neue versucht hab, stand einer von den Rockern so halb auf und zog wechselweise einen Totschläger oder aber seine Winchester aus der Seitentasche seiner Armeehose. Daraufhin setzten sich alle wieder. Und ich hielt die Fresse.

 Ich schlief dann ein paar Nächte unter Bewachung in Angies Haus, am Tag musste ich raus, damit ich nichts klaute. Ich zog durch die Stadt und kaufte halbe Schnapsläden leer. Man musste aber tierisch aufpassen beim öffentlichen Trinken in den USA. Darauf stand nämlich Knast. Ich schlug mich immer sicherheitshalber in irgendwelche Büsche. Leider lernte ich dadurch nicht eben viele Leute kennen.

 Samstagabend nahmen mich Angie und die Rocker, die Patch und Jimmy hießen, in die Mitte, wir zogen durch das gute alte Burbank und besuchten diverse Bars. Das war schon mehr nach meinem Geschmack, schließlich verstanden wir uns auch alle ganz gut.

 Ich lernte in so einem Lokal, dem „Joint“, das hieß tatsächlich so, ich wollte mich bepissen, dann ein paar wirklich nette Leute kennen, die Lexy und ihren Freund Paul.

 Am nächsten Tag drückte mir Angie noch hundert Dollar in die Hand und winkte mit dem Ticket. Und schmiss mich komplett unzeremoniös raus.

 Ihr Exmann wollte ihr die Kinder wegnehmen. Die hatte ich meinen ganzen Aufenthalt lang nicht zu Gesicht gekriegt. Obwohl ich mich so gefreut hatte. Aber Angie hatte die bei der Oma geparkt. Damit sie keinen Kulturschock oder so kriegten, wenn sie meiner ansichtig wurden. Ich musste es einsehen, Angie hatte einfach keinen Bock auf mich.

 Wir drückten uns die Hand wie Fremde, und ich siedelte mitsamt meiner kompletten Habe über zu Lexy und Paul.

 Da hing ich noch den Rest der zwei Wochen rum, leckte meine Wunden und ließ mich betüddeln. Ich war so traurig und ohne jede Perspektive wie immer. Oder sogar noch mehr.

 Wir machten ein paar Ausflüge, damit ich auch was vom schönen Kalifornien sah, soffen im „Joint“, fuhren an den Strand. Alles solche Sachen. Ich war nicht wirklich bei der Sache, aber es war ein ganz gutes Gefühl, dass sich jemand meiner annahm.

 Ich konnte leider nicht bei Lexy landen, zum einen wegen dem Paul, zum andern wäre sie auch nicht wirklich mein Typ gewesen mit ihren hundertzwanzig Kilo. Aber es ging auch so in Ordnung. Ich ließ mich wieder mal aushalten.

 Einmal rief ich noch bei Angie an, es meldete sich ein Kerl. Patch, wenn ich mich nicht irrte. Und teilte mir mit, ich solle sie verdammt noch mal in Ruhe lassen. Die beiden waren mittlerweile zusammen. Na schön, sollten sie. Goodbye, meine schöne Angie.

 Irgendwann setzten mich dann Lexy und Paul in meinen Flieger. Ihr Urlaub war zu Ende.

Und wenn ich mich nicht verdammt täuschte, wollten die auch wieder unter sich sein.

Konnte ich auch irgendwie verstehen. Ich versprach zu schreiben. Und wusste schon jetzt, dass ich es nicht tun würde.

 

 Ich saß im Flieger zurück nach Deutschland und versuchte, an nichts zu denken. Das Ding hob ab, ich glotzte aus dem Fenster wie auf dem Hinflug und hielt mich ans Getränkeangebot. Ich soff wieder wie ein Loch. Und ich glaube, ich wäre sonst auch komplett ausgeflippt.

 Am Flughafen standen dann John, Irith und völlig wieder Erwarten auch noch die Gabi.

Ein regelrechtes Empfangskomitee.

 Ich stürzte ihnen in die Arme. Keine Ahnung, woher die wussten, wann ich ankommen sollte. Es war mir auch egal. Aber ich war ganz froh darüber.

 Die Gabi hatte mich mit so `nem komischen Blick angekuckt, ich wusste, der bedeutete, ich könne zurückkommen. Ich wusste, sie vermisste mich. Und ich vermisste Henry. Aber ich konnte einfach nicht. Wenn es da eine offene Tür gegeben hatte, hab ich die in diesem Moment zugeschlagen. Mit einem lauten Knall.

 Die zwanzig Mark, die sie mir zusteckte, nahm ich trotzdem, abgebrannt wie ich war.

 Ich blieb in der Nacht bei John und die darauf folgenden auch. Und langweilte mich. Mitunter spionierte ich Angie via Internet ein bisschen nach, nur so, um mir in meinen Wunden zu stochern.

 Ich half John im Studio aus, ließ mich weiter tätowieren. Ich sah langsam aus wie ein verdammter Atlas. Aber ich fand` s klasse. Und die Mädels auch, ich bemerkte die Blicke. Aber keine sprach mit mir, ich glaub, mein martialisches Äußeres und die brandneu angebrachten sieben Ringe in meiner Visage plus die fünf in meinem Hals schreckten die Ladies ab. Auch recht, sparte ich mir `ne Menge Ärger. Dachte ich. Aber ich wurde immer einsamer und hippeliger.

 John und Irith drängten nach ein paar Wochen auch langsam auf meinen Auszug, das lag vor allem an Irith, die mittlerweile schwanger war. Eine kleine, glückliche Familie. In der ich einen stinkenden Fremdkörper bildete. Also musste ich mir notgedrungen was Neues organisieren. Ich ging wieder online.

 

 Mann, was für eine Zeit. Was jetzt kommt, kann selbst ich nur unter komplettem Irrsinn verbuchen. Eine wirklich wilde, aber irgendwie schöne Zeit. Es stand wieder alles offen.

Und ich hatte auch noch richtig Lust drauf. Damals hab ich mir echt keinen Kopp gemacht, noch immer nicht. Scheiß auf Amerika, Angie und die anderen waren mir egal, wenn ich ehrlich bin. Ich hatte noch einen gewissen Antrieb. Nicht so wie heute.

 Ich bin fast traurig, weil ich merke, die Geschichte geht allmählich ihrem Ende entgegen.

Und sie wird mir fehlen.

 Ich schreib auch sonst viel. Geschichten über` s Trinken und meinen Weltschmerz in der Hauptsache. Für das  Magazin. Aber eigentlich mach ich das für Kira. Wie sonst kann ich ihr denn nah sein. Wir treffen uns wieder. Offiziell zum Arbeiten. Ich genieße die Zeit, die ich mit ihr verbringe. Und wenn sie unbedingt die Kunst dazu braucht. Ich meine, wir könnten auch Kartoffeln schälen. Es wäre ebenso schön.

 Andi hab ich noch immer nichts gesagt, obwohl Kira meint, ich müsste dringend. Aber dann schmeißt mich die Andi raus. Und ich steh auf der Straße. Eigentlich wäre das gar nicht so schlimm, hab ich schließlich früher schon. Es ist das drohende Alleinsein, das mich schreckt. Außerdem bin ich älter geworden, irgendwie verletzlicher. Und auch ich will anderen nicht mehr immerzu weh tun. Ich meine, das immer weniger zu verkraften. Und bringe es dennoch zu einem beschissenen neuen Rekord in dieser Distiplin.

 

 Ich ging dann auf eine Art Tournee. Kreuz und quer durch die Republik. Eine Frau nach der anderen fuhr ich ab, die Damen hatte ich aus dem Internet.

 Mittlerweile war ich so einer Plattform beigetreten, in dem sich Metalhörer und anderes Gelichter tummelten. Musiker. Und wie immer viele schöne Frauen. Es hatte was Verzweifeltes, ich geb` s ja zu. Aber was machen, ich musste weg aus Bottrop, ich war mal wieder die „Persona non Grata“, der Unerwünschte.

 Zu Gabi konnte und wollte ich nicht zurück. Auch wenn ich Henry schmerzlich vermisste.

Ich blickte nur nach vorne.

 

 Die erste hieß Sunny, die wohnte irgendwo im fränkischen Hinterland. Eine bildhübsche Frau mit langen, schwarzen Dreadlocks. Genau solchen, wie ich sie mittlerweile auch hatte!

Wir schrieben paar Mal hin und her, dann fuhr ich da hin. Vielmehr John fuhr mich, und das auch noch ganz freiwillig, ich glaube, weil er so erleichtert war, mich endlich los zu werden.

Noch in der gleichen Nacht, als ich beschloss, dass ich sie sehen musste.

 Kaum angekommen lag ich auch schon mit ihr im Bett. Ich konnte gar nichts machen.

Sie war ein leidenschaftliches Weib. Und riss mir bereits im Hausflur die Hosen runter. Meine Güte, es war klasse. Zuallererst ging sie runter auf die Knie und lutschte mir einen runter, bis ich dachte, ich platze, dann zerrte sie mich auf ihre Matratze.

 Sie ritt mich wie ein professioneller Jockey, so klein und leicht wie sie war, spürte ich ihr Gewicht kaum auf mir. Aber ihre Möse schien aus Stahl zu sein. Ich kam so hart, dass die Wände wackelten. Ich glaube, sie war zufrieden. Den Rest der Nacht verbrachten wir mit Trinken, Reden und immer wieder Ficken.

 Am Morgen machte sie mir ein Frühstück und zeigte mir ihr Baby, das nebenan geschlafen hatte. Auch die kleine Katrina schien nichts gegen mich zu haben. Die Sonne schien auf uns runter und wir gingen über zur nächsten Runde Sex.

 Wir machten zwischendrin ein paar Ausflüge, tummelten uns nackt in irgendwelchen Gewässern, lagen auf Wiesen, kochten, und trieben es immer und immer wieder. Nach sieben Tagen konnte ich nicht mehr. Ich kriegte keinen mehr hoch. Komisch eigentlich, denn damit hatte ich noch nie Probleme gehabt. Aber es war so.

 Sunny beschloss daraufhin recht bald, mich wieder rauszuschmeißen, die ungewohnte Zweisamkeit ging ihr auf die Nerven. Und mir das dauernde Babygeschrei. Es erinnerte mich schmerzlich an meinen Sohn. Das gute Gefühl war auf einmal weg. Ich schulterte also mein Zeug und machte mich dünne. Die nächste Anlaufstelle hatte ich schon.

 

 Ich trampte zu einer jungen Dame in den Norden, genauer gesagt nach Lüneburg, Sabine.

Die hatte gleich drei Kinder, gottlob keine Babys, die waren glaub ich fünf, sieben und acht Jahre alt.

 Sie hatte auch eine Riesenwohnung und ein ebenso großes Herz, wie` s schien. Und sie war allein, wenn auch (das erinnerte mich an Gabi) immer mindestens zwei von ihren fünf Schwestern bei ihr rumhingen.

 Auch diese Dame nannte zwei riesige Köter ihr eigen, die waren schimmelgrau und gelb und die hässlichsten Viecher, die ich je gesehen hatte. Sie betrugen sich aber sehr gut, wofür ich dankbar war. Denn ich wurde sofort mit den beiden Tölen ums Karree gescheucht.

 Ich fühlte mich gleich wohl da und wurde erst mal willig in den Haushalt integriert. Die Kids kriegten sich nicht wieder, wir tobten den ganzen Tag rum und hatten einen Riesenspaß. Bloß Sabine und ich hatten ein Problem. Sie wollte keinen Sex.

 Obwohl ich bei ihr im Bett schlief, machte sie niemals einen Versuch, mich anzufassen.

Hatte wohl schlechte Erfahrungen. Sie machte aber keinerlei Anstalten, mir ihre Geschichte zu erzählen. Wofür ich ihr eigentlich ganz dankbar war.

 Nicht, dass ich` s so sehr aufs Ficken angelegt hätte bei ihr, denn sie war bei näherem Hinsehen nicht wirklich mein Typ, klein und ziemlich mollig, mit kurzen blonden Haaren. Und einer mehr als burschikosen Art. Die brauchte sie auch bei dem ganzen Trubel im Haus.

 

 Ich denke, mir gefiel einfach ihre liebe, warmherzige Art. Und sie schien ganz froh drüber zu sein, dass ich da war. Also wartete ich ab und verkniff mir meine Triebe. Was sollte ich auch sonst tun.

 Sabine besaß natürlich auch einen Pc, an den ich mich dann auch alsbald setzte. Offiziell, um mit den Kleinen Hausaufgaben zu machen, recht bald hing ich aber wieder im Internet. Und lernte Sugar kennen, eine halbindische Schönheit.

 Sie war ein Model aus Hamburg. Und es war wieder mal um mich geschehen. Da ich nicht schon wieder Grund für Ärger und Herzschmerz sein wollte, schenkte ich Sabine auch gleich reinen Wein ein und teilte ihr mit, dass unsere Zeit dem Ende zuging. Sie schien regelrecht erleichtert. Ich hatte sowieso schon geraume Zeit geahnt, dass ihr unser Arrangement anfing, auf die Nerven zu gehen. Irgendwann in der folgenden Nacht fing sie dann auch an, zu erzählen. Sabine stand eigentlich auf Frauen. Aha.

 Ich reimte mir einiges zusammen, besonders die Sache mit den Schwestern. Sabine lachte nur und fing auf einmal an, mich zu befummeln, gerade so, als ob sie mir irgendetwas schuldig sei. Aber wer war ich, mich zu widersetzen.

 Ich hatte noch nie mit einer Lesbe geschlafen. Und es machte mich ziemlich heiß, mir vorzustellen, wie sie` s mit den anderen Frauen trieb. Ich hätte mir das gerne angekuckt.

Ging aber leider nicht. Nach einer ziemlich mühsamen Nummer, bei der ich mich die ganze Zeit fragte, ob sie es richtig gekriegt hatte oder nicht, schlief ich ziemlich erledigt ein. Am Morgen würde ich verschwinden, soviel stand fest.

 

 Ein paar Tage später saß ich dann schon bei Sugar im schönen Hamburg. Das mit dem Modeln war noch nicht ganz soweit bei ihr, Sugar arbeitete als Stripperin auf dem Kiez.

Aber das war mir egal, sie hatte einen begnadeten Körper, der sich gleich in der ersten Nacht um mich wickelte wie eine Schlingpflanze. Olivenfarbene Haut und lange schwarze Haare. Plus einen unheimlich sexy Akzent, der irgendwie nach Westindien klingen sollte, aber antrainiert war. Denn wenn sie ganz normal sprach, redete sie Plattdeutsch. Ich machte mal einen Witz drüber, und sie wurde unglaublich sauer. Sugar sah sich als Gesamtkunstwerk. Ich glaube, sie war die eitelste Person, die ich je kennen gelernt hab. Aber das ging schon in Ordnung.

 Sugar und ich hatten ein paar wirklich schöne Wochen zusammen, sie zeigte mir die Stadt, also den Kiez hoch und runter. Wir soffen und koksten zusammen und bauten eine Menge anderen Mist. Für Schiffe interessierte sie sich nicht, also sollte ich das alleine ankucken gehen. Hatte ich aber keine Lust.

 Ich hatte eine Menge Sex mit Sugar, aber irgendwie wurde ich den Gedanken nicht los, dass ich für sie genauso gut irgendwer sein konnte. Sie tat alles total mechanisch. Und ich fand auch bald raus, wieso.

 Sugar stand jeden dritten Abend an der Davidstraße, dem billigsten Strich, den sie da oben überhaupt haben.  Sugar war in Wirklichkeit eine Nutte. Es tat mir weh. Ich war ziemlich in sie verliebt.

 Die Sache mit Sugar erledigte sich, bevor ich das auch nur zur Sprache bringen konnte, denn eines Abends, als ich zirka vier Wochen bei ihr war, teilte sie mir mit, das ich gehen müsse.

Einfach so. Sie hatte jemanden kennen gelernt, der sie groß raus bringen sollte.

 Der kam dann auch prompt durch die Tür, ein Schrank von Kerl, ich bin auch kein Zwerg mit meinen Einsfünfundachtzig, aber der Mann war mal eben das Doppelte von mir, in Länge sowie Breite. Ich verpisste mich umgehend und ziemlich hasserfüllt dazu, aber was sollte ich machen. Man hatte mich mal wieder rausgesetzt.

 Es folgten ein paar Wochen bei den Hamburger Hafenstraßenpunks, die mich freundlich aufnahmen und einigermaßen wieder aufbauten. Das bewährte Programm, Party und Suff rund um die Uhr. Im Anschluss daran fuhr ich wieder los.

 

 Ich hatte genug vom Norden, nahm mir demzufolge nun den Südwesten Deutschlands vor, es würde zu lange dauern, sie alle aufzuzählen. Dimmi, Ira, Lilly und Claudi, die Namen weiß ich noch. Allesamt aus dem Großraum Hannover.

 Dann machte ich noch einen Abstecher in den Süden, München und ich glaube Nürnberg. Und das schön idyllische Bamberg nicht zu vergessen. Vera, Chrissi und Fatimah. Sowie noch einige Damen mehr, deren Namen ich momentan leider nicht mehr parat hab. 

 Ich will hier nicht als Womanizer rüberkommen, ganz im Gegenteil. Alle hatten sie was Besonderes für mich. Und auf meine Art hab ich sie auch alle irgendwie geliebt. Oder zumindest gern gehabt. Ich war auf der Suche. Und suchen kommt von Sucht! Ich fuhr echt rum wie ein Irrer.

 

 Eines schönen Morgens, ich glaube, es war auf dem Münchner Hauptbahnhof, den ich nun schon ganz gut kannte, überkam es mich dann. Ich saß auf meinem Seesack, rauchte eine Kippe und musste auf einmal heulen wie ein Wolf. Ich kuckte auf diese Anzeige mit den ganzen Zügen drauf und als ich das Datum sah, packte es mich.

 Es war der dritte Oktober. Mein Geburtstag. Den hatte ich zum allerersten Mal komplett vergessen. Ich war völlig mittellos, obdachlos und auch mit der Hoffnung haperte es mittlerweile gewaltig.

 Ich war siebenunddreißig Jahre alt. Und niemand auf der Welt scherte sich auch nur einen Scheißdreck um mich. Ich war ganz allein. Ich hatte alle, die es jemals gut mit mir gemeint hatten, verraten. Und alle, die ich je geliebt hatte, liebten mich nicht wieder.

 Eine Art ausgleichende Gerechtigkeit vielleicht, unter anderen Umständen hätte ich drüber gelacht, aber das war mir echt vergangen. Ich kam mir vor wie der letzte Abschaum. Ich dachte zum ersten Mal ganz ernsthaft daran, meinem bescheuerten Leben ein Ende zu setzen.

Meine Beine setzten sich wie von alleine in Bewegung.

 Ich schnorrte mir etwas Kleingeld zusammen, kaufte mir am Bahnhofskiosk ein paar Biere, einen Doppelkorn und zur Feier des Tages eine Zeitung und dann saß ich auch schon im Zug Richtung Ruhrgebiet. Ich wollte heim. Wenn das auch schon lange nicht mehr mein Zuhause war. Ich wollte wenigstens noch einmal meinen Jungen sehen, bevor ich mich über den Hades schmiss. Henry. Und nichts konnte mich aufhalten!

 

 Da ich mich nicht gleich zu Gabi traute, lief ich erst mal bei John im Studio auf, der mich wenn auch verhalten, so doch einigermaßen brüderlich in Empfang nahm. Als ich ihm versicherte, ich hätte nicht die Absicht, bei ihm zu pennen, taute er auf, umarmte mich und gratulierte mir sogar zum Geburtstag.  

 Wegen Irith, so vertraute er mir an, müsse er sich zusammenreißen. Sie hatten mittlerweile Zwillinge, und Iriths Mutter war zu Johns Missfallen kurzerhand auch noch mit eingezogen.

Also volles Haus und kein Platz für einen alten Weggefährten.

 John und ich teilten uns trotzdem den Rest vom Korn, er machte einen etwas mitgenommenen Eindruck. Ich schrieb` s seinen neuen Vaterpflichten zu, und das brachte mich wieder auf meine Misere. Ich hatte Angst, Gabi und meinem Sohn gegenüberzutreten.

Es war, als könnten die mir alles, was ich in letzter Zeit so getrieben hatte, irgendwie von der Stirn ablesen. Ich brauchte dringend mehr Alkohol. John schloss das Studio ab und wir enterten eine Kneipe.

 

Nach zirka vier Stunden machte die zu, John sich schwankend auf nach Hause und ich haute mich gegenüber von Gabis Haus mitten in die Rabatten. Mit einer neuen Flasche.

 Ich sah Leute rein und wieder rausgehen, es wurde kälter, dann brach der Abend an.

Es wurde Nacht. Ich konnte mich noch immer nicht aufraffen zu klingeln, beobachtete, wie die Lichter im Haus angingen, einmal sah ich einen Schatten hinter Henrys Fenster. Mein Sohn. Ich war mittlerweile rotzbesoffen und heulte wie ein Schlosshund. Es fing an zu regnen. Ich kuckte an mir runter, so nass und dreckig und verheult und durcheinander wie ich war konnte ich da nicht reingehen. Ich schämte mich.

 Plötzlich ging das Treppenhauslicht an und die Tür sprang auf. Gabi kam raus, die Hunde ausführen. Ich rutschte tiefer ins Gebüsch, damit sie mich nicht sah.

 Sie kam über die Straße und ging direkt an meinem Busch vorbei, bemerkte aber nichts.

Ich hoffte nur, die Tölen schlugen keinen Alarm. Ich hielt den Atem an. Alles ging glatt.

 Als ich sicher sein konnte, dass sie weg war, schnappte ich den Seesack und meine klatschnasse Jacke und haute ab.

 

 Ich schlief in dieser Nacht auf dem Bahnhof und die folgenden auch. Mit den anderen Pennern. So wirklich gab` s da auch langsam keinen Unterschied mehr. Der billige Fusel hielt mich warm und die dreckigen Körper der anderen um mich herum auch. Ich dachte nicht mal mehr an Selbstmord. Ich war einfach zu betrunken und zu lethargisch dazu.

 Nach guten drei Wochen, ich übernachtete mal im Freien, mal bei irgendwelchen Punks und wenn` s gar nicht anders ging eben auf dem Bahnhof, wachte ich eines Tages auf und merkte, dass was nicht stimmte mit mir. Ich fühlte mich grauenhaft, das war eh normal mittlerweile, aber diesmal war` s der Körper, der sich meldete.

 Ich hatte stechende Schmerzen im Bauch und in der Brust und meine ganze linke Seite war wie gelähmt. Ich wollte aufstehen und konnte nicht. Ich hatte totale Panik. Und lag da ganz alleine in einer verdreckten Ecke, neben mir eine Lache Pisse.

 Die beiden Passanten, die ich schließlich durch lautes Geschrei auf mich aufmerksam machen konnte, mochten mich zwar nicht anfassen, kamen aber immerhin so weit näher, dass ich ihnen verklickern konnte, doch bitte die Ambulanz zu rufen. Die kam auch postwendend an, die Typen zogen sich ihre Aidshandschuhe an, atmeten tief durch und schafften mich ins Krankenhaus.

Ich erklärte ihnen, was mit mir war, aber ich wurde den Eindruck nicht los, sie hörten überhaupt nicht zu. Einmal mehr fühlte ich mich als totaler Versager. Ein Blick in die verspiegelten Türen der Notaufnahme bestätigte mir` s.

 Meine Klamotten waren total verdreckt und zerrissen, die Haut, wo man sie sah, fast schwarz, die Haare verklebt und in alle Richtungen abstehend.

 Als man mich auf eine saubere weiße Liege packte, sah ich ein paar Tierchen aus meinen Haaren fallen und hilflos auf der Gummimatte herumrudern. Läuse. Auch das noch.

 

 Sie untersuchten mich notdürftig und jagten mir diverse Spritzen rein, dann musste ich baden. Mit Hilfe und unter Aufsicht einer hübschen Schwester. Ich war viel zu schwach, um das mehr als nur am Rande zu registrieren. Sie rasierten mir den Kopf, unter anderen Umständen wär` ich ausgeflippt. Nun war ich bloß noch froh, dass die sich um mich kümmerten. Ich dachte echt, nun geht` s zu Ende. Ich hatte einen Mordsschiss. Soviel zum Thema Freitod.

 Als ich schließlich in einem sauberen, weißen Bett lag und an allerhand Schläuche angeschlossen war, ging` s mir etwas besser.

 Sie erklärten mir, ich hätte einen ziemlich fortgeschrittenen Leberschaden sowie beginnende Tuberkulose. Alles vom Saufen und vom Dreck.

 Ich warf mich stolz in die Brust, soweit mir das in dieser Position möglich war, immerhin betrieb ich diesen schönen Sport ja auch schon seit guten fünfundzwanzig Jahren. Ich war schließlich Punkrocker!

 Der Doktor teilte meinen Humor in dieser Hinsicht nicht, sondern meinte nur ganz trocken, wenn ich nicht sofort mit dem Saufen aufhörte, wäre ich in wenigstens zwei Jahren tot.

Ich zuckte die Schultern. Was sollte ich auch dazu sagen.

 Dann teilten sie mir noch mit, ich hätte eine entzündliche Hautinfektion vom Dreck. Und Krätze. Und wenn ich mich künftig nicht sauber hielte, würden Teile meiner Haut absterben. Das glaubte ich ihnen aber dann nun doch nicht. Ich glaub, die fanden mich einfach nur eklig. Aids hatte ich mir übrigens keines eingefangen. Was bei den ganzen Frauen, die ich gehabt hatte eigentlich ein Wunder war. Denn ich hatte natürlich nie verhütet. Von den Frauen wusste ich das nicht mal.

 

 Nach einigen arschlangweiligen Wochen auf der Isolierstation vom Krankenhaus, nach denen sie feststellten, dass die Tb doch nicht ansteckend war, die Krätze abgeheilt und meine Leber so halbwegs auf dem Weg der Regeneration, schmissen sie mich raus.

Mit einem tollen neuen Anzug von der Heilsarmee, dessen Hosen mir viel zu kurz waren und einem großen Infopaket von der Drogenhilfe, aber keiner Adresse, wo ich hätte pennen können. Ich war genau so orientierungslos wie zuvor auch. Aber ich fühlte mich halbwegs in der Lage, endlich bei Gabi und Henry aufzulaufen.

 Als ich vor ihrer Wohnung ankam schneite es, nach einem Gang durch die Innenstadt, die glitzerte und glänzte wie gestört, wurde mir klar, dass es um die Weihnachtszeit sein musste. Ich war ja auch eine ganz schön lange Zeit weg vom Fenster gewesen. Ein Blick in die Bildzeitung am Kiosk, wo ich noch ein paar schnelle Biere zischte, bestätigte es mir. Wir schrieben den 24. Dezember. Heiligabend. Ich war auf dem Weg zu meinem Sohn. Und zu meiner Ehefrau. Und ich hatte noch nicht mal ein blödes Geschenk.

 

 Ich schnorrte mir noch was Geld zusammen, was wegen der weihnachtlichen Sentimentalität der Leute auch ganz gut ging und holte noch ein paar Biere auf Vorrat, damit ich wenigstens nicht mit komplett leeren Händen da einlief. Dann stand ich wieder vor dem Haus. Und hatte ein gruseliges Deja vu.

 Ich hätte gleich da reinmarschieren sollen, ohne groß hin und her zu überlegen. Aber ich fing an zu denken, wie ich da so im Schneegestöber in der Dämmerung stand mit meiner Plastiktüte voll Bierflaschen.

 Ich kuckte an den Fassaden hoch. Alles war so hübsch dekoriert und anheimelnd. Die Gabi hatte so Weihnachtslichtchen an die Fenster gepappt, es ging auf 17.00, Bescherungszeit. Und ich wollte da nicht rein. Ich traute mich nicht.

 Stattdessen setzte ich mich auf die Treppe und machte ein Bier auf. Dann noch eins. Und noch eins. Frohe Weihnachten, Izzy. Es kotzte mich an. 

 Es wurde dunkel und es schneite immer heftiger. Ich begann zu fantasieren. In Wirklichkeit passierte das hier gar nicht. Jedenfalls nicht mir. Ich saß da oben mit Weib und Kind und feierte mein beklopptes Weihnachtsfest. Mit Braten und Punsch und Geschenken und dem ganzen anderen Zeug, das zu so was dazugehört. Die Hunde pennten vorm Kamin. Für Henry hatte ich einen eigenen Computer gekauft. Und die Gabi kuckte mich ganz glücklich an und ich wusste, nach dem ganzen Zauber würden wir ins Schlafzimmer verschwinden und die halbe Nacht Liebe machen. Und vielleicht ein Geschwisterchen für Henry. Sie sah so hübsch aus im Kerzenlicht. Ich war schon ein verdammt glücklicher Kerl.

 

 Irgendwann rüttelte es mich unsanft an der Schulter, ich musste wohl eingeschlafen sein.

Ich saß immer noch auf dieser Treppe. Es war eiskalt und um mich rum lagen lauter leere Flaschen. Alles war verschneit und irgendwie komplett unwirklich. Und vor mir stand Gabi!

 Die verdammten Köter, dachte ich in meinem Tran, jetzt haben sie mich doch erwischt. Gabi zog mich hoch, was wegen meiner steif gefrorenen Beine nicht so einfach war und bugsierte mich nach oben auf die Bude. Meinen Protest überging sie einfach.

 Oben bekam ich erst mal einen Schnaps und was Warmes zum Anziehen, denn meine Klamotten waren ebenfalls gefroren. Mir war es auch ganz recht, das auszuziehen, auf einmal war mir unangenehm bewusst, wie beschissen ich aussah.

 Seltsamerweise war sonst niemand da, ich hatte gedacht, da wäre volles Familienprogramm am Laufen. Henry war wohl auch schon im Bett.

 Gabi verschwand in der Küche und ich kuckte auf die Wanduhr. Nach Zwei. Na dann.

Ich musste lange geschlafen haben.

 Sie kam wieder raus und setzte mir einen Teller vor, ich schlang das runter wie ein Wolf.

Der obligatorische Braten. Ich hatte mal wieder seit Tagen nichts gegessen.

 Gabi setzte sich mir gegenüber. Kuckte mich an. Und sagte die ganze Zeit kein Wort. Als ich irgendwann mal von meinem Teller aufsah und zu ihr hin, merkte ich, dass sie heulte. Völlig geräuschlos.

 

 Ich werd echt immer wieder traurig, wenn ich dran denke. Weihnachten. Das ist das deprimierendste aller verdammten Feste überhaupt, sag ich. Ist auch irgendwie immer schon so gewesen. Früher zu Hause. Dann bei der Oma. Später mit Frau und Kind, das war eigentlich ganz schön, aber auch der komplette Frust, weil ja nie genug Kohle da war.

 Mehr als was halbwegs Gescheites zum Essen sprang nie dabei raus. Und sich dazu den ganzen Mammon um sich rum ankucken. Aber natürlich geben die reichen Wichser einem wie mir nichts davon ab. Das machen nur solche, die selber nichts haben. Wahrscheinlich, weil` s denen auch schon egal ist. Sonst wären die auch anders, ich wette drauf.

 Einmal hab ich mit Kira Weihnachten gefeiert, das war schön. Genau genommen war` s so, dass die mich nicht wieder ausladen wollten, denn Kira hatte mich kurz zuvor rausgeschmissen, weil ich im Suff schon wieder irgendwas angestellt hatte. Ich hab vergessen, was. Und ich werd immer noch sauer, wenn ich dran denk, wie sie immer auf der Sauferei rumgeritten ist. Dazu hatte sie irgendwie kein Recht, finde ich. Mann, die Frau schlägt mich noch um Längen, wenn` s ums Trinken geht! 

 Aber sie und ihre nicht minder versoffene Freundin Minu empfingen mich dann doch.

Vielleicht sahen die das als ihre verdammte Christenpflicht oder so was an.

 Auf alle Fälle war das das schönste Weihnachten, das ich seit einer Ewigkeit erleben durfte. Die Minu hat sich dann gleich fürchterlich eingeschenkt und postum den Moralischen gekriegt, die flennte und flennte, so dass wir beiden anderen kaum selber zum Trinken kamen.

 Irgendwann saßen wir drei dann eng umschlungen auf Kiras alter Couch und knutschten unter den Weihnachtslichtern rum.

 Die hatten die ganze Bude dekoriert, über jedem Foto, an jeder Tür und sogar an den Vorhängen pappte irgendwas Weihnachtliches und glitzerte Lametta.

 Der Clou war natürlich Kiras Weihnachtsmann mit dem Totenschädel obendrauf, der so eine Drehfunktion hatte, so dass er, wenn man ihn einschaltete, die ganze Zeit mit dem Kopf nickte und mit seinen Skeletthänden wedelte.Der saß dann vor uns auf dem Tisch und kuckte uns an. 

Und draußen schneite es wie bescheuert.

 Irgendwann spät am Abend setzten wir dann die mittlerweile ziemlich verausgabte Minu in die Straßenbahn nach Hause. Und gingen dann durch die stillen verschneiten Straßen zurück zu Kira` s Haus.

 Wir machten uns über den Rest der Getränke her und sie ließ mich über Nacht bleiben. Und ich dankte den Göttern dafür.

 

 So, jetzt sitz ich hier wieder und heule. Immer noch am Computer von Andis kleiner Tochter.

Scheiß- Weihnachten.

 Das letzte Mal war ich da ja wie schon erwähnt alleine. Ich frag mich, wie es dieses Jahr sein wird. Werde ich dann noch hier sein? Es erscheint mir so völlig irreal.  

 Alles wird immer schräger, ich kann manchmal kaum glauben, dass die Andi nicht merkt, wie ich sie hintergehe.

 Dass meine Seele nicht hier ist, während mein Körper, nun ja, versucht, seine Pflicht zu tun. Ich hab die Andi gerne. Ich sage ihr, dass ich sie liebe. Und ich möchte das auch gerne glauben. Aber es ist einfach nicht wahr. Ich schreib oft an Kira. Schick ihr Gedichte. Und krieg keine Antwort.

 Wobei ich weiß, dass sie auch an mich denkt. Jeden Tag. Ich fühl das. Und ich fühl mich wie ein Verdammter. Jeden Tag ein bisschen mehr. Wir schreiben mittlerweile September.

 

 Okay, weiter. Weihnachten 2004. Das letzte Mal mit der Familie. Wenn man` s so nennen kann. Ich durfte auf Gabi` s Sofa pennen, wofür ich ihr auch leidlich dankbar war.

 Am Weihnachtsmorgen dann traf ich auf Henry, der sich auch sichtlich freute, seinen alten Herrn mal wieder zu sehen. Auch wenn der mal wieder kein Geschenk hatte.

 Henry wusste immer Bescheid, was mich anging. Und irgendwie hatte er mir verziehen. Er rührte mich. Und mehr noch, er ließ mich gehen. Wir brauchten da nicht viele Worte.

 Nach einem leidlich gemütlichen gemeinsamen Frühstück packte ich den alten Sack und haute wieder ab.

Gabi steckte mir noch einen Hundertmarkschein zu und fragte, was ich nun machen wollte. Das war das Einzige, das sie die ganze Zeit über mit mir gesprochen hat. Ihre Stimme klang so schrecklich fremd.

 „Weggehen“, sagte ich. Wohin, wusste ich selber nicht. Es würde sich finden.

 Sie erzählte mir noch, als ich fast schon aus der Tür war, dass meine Oma gestorben wäre. Das ließ mich gleich noch mal in die Knie gehen.

 Beinahe hätte ich ihr alles erzählt, von meiner Odyssee durch` s halbe Land, meinem Zusammenbruch, meiner Trauer darüber, dass ich so ein beschissener Vater war, meiner Obdachlosigkeit und meiner kompletten Hoffnungslosigkeit dazu.

 Ihr kühler, distanzierter Blick ließ mich lieber schweigen. Ich denke, alles, was mit mir Loser zusammenhing, war ihr schlichtweg egal geworden. Und ich konnte ihr das nicht mal verübeln. Hatte ich schließlich nicht ihr halbes Leben kaputt gemacht.

 Ich bin also raus da, winkte Henry noch mal zum Abschied, aber der kuckte sich irgendeinen Weihnachtsfilm im TV an und registrierte mich nicht.

„Meld dich nur mal“, sagte Gabi. Ich nickte und war schon durch die Tür. Meine Zeit im schönen Bottrop war wirklich zu Ende. Ich marschierte wieder mal zum Bahnhof. Reiseziel unbekannt.

 

 So kam ich dann nach Frankfurt. Bin einfach irgendwo ausgestiegen, wo ich noch nie gewesen war. Ich hatte keinerlei Erwartungen. Es konnte ja eigentlich nur besser werden.

Hatte ich gedacht.

Ich fuhr zuerst kreuz und quer durch die Innenstadt, die ich gleich ausgenommen hässlich fand. Das war mein erster Eindruck und er war bleibend.

 Auf der Haupteinkaufsstrasse angekommen erblickten meine entzückten Augen zwischen den geschlossenen Kaufhäusern endlich eine ganz ansehnliche Meute bunthaariger Gestalten. Die sich mit Kassettenrekorder, Dosenbier und allem Drum und Dran nach Leibeskräften Mühe gaben, die Feiertagsruhe zu stören.

 Gut die Hälfte von denen war bereits sturzbesoffen, die andere haute Passanten nach Kohle an. Es ist echt in jeder Stadt das Gleiche. Eine irre Kontinuität. Diese Szene ist wie ein verdammter Krake mit hundertsieben Armen. Sogar zu Weihnachten.

 Auf jeden Fall war ich froh, die Typen zu treffen und bin da gleich mal rüber. Einige hübsche, junge Mädchen waren auch dabei, wie ich alsgleich feststellte. Vielleicht etwas sehr jung, okay. Die älteste von denen war zirka im Alter meines Sohnes. Also mal gerade Fünfzehn. Aber wir müssen ja alle mal irgendwann anfangen oder etwa nicht. Und mir stand der Sinn ganz dringend nach ein bisschen was Hübschem.

 

 Wie überall wurde ich beifällig in der Szene aufgenommen. Vor ein paar Jahren, die das alles ja nun auch schon her ist, hab ich tatsächlich immer noch an so was wie die große Punkrockfamilie geglaubt. Alles, was mir schon immer an dem ganzen Gesockse missfallen hat, hatte ich völlig verdrängt. Ich glaube, ich war auf dem Gipfel meiner Einsamkeit.

Jedenfalls bis dahin.

 Die Punks nahmen mich also mal wieder in die Mitte und abends dann auch gleich mit zu sich nach Hause. Das hieß in diesem Fall Männerwohnheim Moselstrasse.

 Es lag direkt am Hauptbahnhof, und zwar an der allerstinkigsten Ecke, die man sich nur vorstellen kann. Mein neuer Kumpel Tobi wohnte da, und ein paar von den anderen Kerlen auch. Also war` s für mich die Option des Tages. Und endlich wieder ein Dach über dem Kopf.

 Es wäre ja nicht so gewesen, dass es im Ruhrgebiet so was nicht gab. Ich Dussel hatte in meinem Tran bloß nicht dran gedacht. Kann man mal wieder sehen.

 Die Sozialarbeiter da stellten mir auch gleich alle nötigen Anträge für Sozikohle, Klamottengeld und so weiter. Arbeitsamt. Und für `ne Wohnung. Denn in dem Heim durfte man nicht endlos residieren. Sagten die. Meine Kumpels allerdings versicherten mir, da gäb` s erst mal keinen Stress.

 Ich atmete auf. Und ging sofort daran, mich, deprimiert und sozusagen gestrandet wie ich war, mal wieder so richtig zu amüsieren. Ich wollte nur noch vergessen. Und hatte ich nicht allerhand wilde Sachen über diese Metropole des Lasters gehört.

 Tobi, ein Typ namens Jingo, der auch neu war, und ich gingen noch am gleichen Abend zusammen aus, um zu kucken, ob die auch stimmten.

 

 Tobi schleppte uns sofort in seine Stammdisko namens „Grave“, das klingt nach Schwarzfickern und so war es auch.

 Das ganze Ding war stockdunkel und alle Gestalten, die drin saßen auch. Aber die Musik war knallhart, Hardcore und Metal. Und das Bier billig.

 Nach ein paar Runden war` s, als wäre ich immer schon da gewesen. Ich fühlte mich auf Anhieb wohl. Und ließ das Auge streifen, es blieb an einer groß gewachsenen aschblonden Frau hängen, die irgendwie einen grausamen Zug um den Mund hatte und einen leichten Silberblick. Aber zweifelsohne einen tollen Körper. Sie bemerkte meine Blicke und kam sofort rüber zu uns. Nikola. Wir begannen noch in der gleichen Nacht eine wilde Affäre.

 Es war ein teuflisches Auf und Ab, das mir diese Dame die nächsten Wochen über bereitete. Es konnte gut passieren, dass sie mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss, um mich in den Klub zu bestellen. Aber kaum, dass ich angekommen war, redete sie kein Wort mit mir. Und ich Trottel bin auch jedes Mal wieder da hingerannt.

 Meistens bin ich ohne sie und völlig deprimiert wieder abgezogen. Kaum, dass ich wieder in meinem Bett lag, klingelte sie erneut durch.

 Wir trafen uns nachts in irgendwelchen öffentlichen Parks. Auf Toiletten. In Torbögen.

Fragt mich nicht. Das kam deshalb, weil ich keinen Damenbesuch mitbringen durfte, strenge Auflage vom Wohnheim. Meinen Zimmergenossen, einen dauerbesoffenen und ständig furzenden Polen, mochte ich auch wirklich niemandem zumuten.

 Zu ihr durfte ich nicht mitkommen. Wegen der Kinder, von denen sie drei Stück von drei verschiedenen Kerlen hatte. Und die keinen Schock kriegen sollten wegen einem wie mir. Kam mir irgendwie bekannt vor.

 Woanders konnte ich sie auch nicht treffen, denn sie arbeitete in einer Nachtbar und wünschte nicht, da besucht zu werden. Nikola war ziemlich eigen. Schwer kokainsüchtig war sie noch dazu. Und irgendwie schizophren. Eigentlich hasste ich sie. Sie war kaltherzig.

Aber ich kam trotzdem nicht so einfach wieder los von ihr. Ich wusste nicht mal so genau warum. Aber hatte ich in diesen Dingen jemals Durchblick gehabt.

 

 Die nächste, die mich anquatschte, war sehr jung, eigentlich noch ein Mädchen. Jenny.

Mit Nikola war gerade mal wieder Eiszeit, also kam mir` s gerade recht.

 Sie war bildhübsch, eine Tochter aus gutem Hause, die irgendwie auf Abwege geraten war. Diplomatenfamilie. Was weiß ich.

 Jenny wollte mich auch nicht außerhalb von Klubs, Parks und dem Auto ihres Bruders treffen. Und tagsüber sowieso nicht.

 Da war ich aber eh immer mit den Straßenpunks und den Obdachlosen zusammen. Ich hatte immer den Verdacht, sie wollte sich nicht öffentlich sehen lassen mit solchen Leuten und vor allem nicht mit einem wie mir. Aber ich hab nicht nachgefragt. Mit der Zeit hatte ich die Fragerei eingestellt.

 Eigentlich war das alles nur Sex. Aber davon eine ganze Menge. Diese Kleine quetschte mich aus wie eine Zitrone. Sie wollte es sieben Mal die Woche haben. Mindestens. Sie zahlte mir dafür mein Bier und alles übrige. Das hatte Nikola auch immer gemacht. Immerhin das kam mir sehr entgegen, pleite wie ich war. Langsam kam ich mir vor wie ein Gigolo. Zum Totlachen. Aber mir war nicht wirklich nach Lachen zumute. Trotzdem latschte ich jeden gottverdammten Abend ins Grave.

 Alles war eine Abfolge von routinemäßigen Geschehnissen, immer die gleiche Musik, immer die gleiche bescheuerte Konversation, die gleichen Gesichter, die Sauferei, das gleiche Ende, das solche Nächte immer nahmen.

 Manchmal lernte ich jemand Neuen kennen. Aber es machte nicht wirklich einen Unterschied. Ich langweilte mich halb zu Tode, aber nichts konnte mich dran hindern, da weiter abzuhängen. Es gab mir etwas zu tun, schätze ich.

 

 Bis zu diesem einen Abend dann, an dem alles anders wurde. An dem ich Kira traf.

Eigentlich war es schon spät in der Nacht, als sie und ich auf der Tanzfläche aus Versehen mit den Köpfen zusammenstießen. Sie ließ irgendwas fallen, wir bückten uns gleichzeitig. Und dann knallte es. Ich sah kurz Sterne. Und roch ihr Parfüm.

 Ich kannte keine Frauen, die so rochen. Und so einen harten Schädel hatten. Ich war betrunken und sie wie` s aussah ziemlich stoned von irgendetwas.

 Ich hatte sie schon vom Tresen aus beobachtet. Die klassische Nummer. Ihre schönen langen Haare und die tollen Klamotten.

 Sie war eine von denen, die mir niemals einen zweiten Blick gönnten. Wenn überhaupt. Was Besseres. Selbst in so `nem miesen Schuppen wie dem Grave gab` s eine Art Klassengesellschaft. Und Kira gehörte auf jeden Fall in die erste Klasse. Ich mehr zum Fußvolk.

 Ich hasste und bewunderte Leute wie sie gleichermaßen. Was musste man machen, um zu denen zu gehören. Und vor allem: um eine solche Frau zu kriegen. Ich fühlte mich mal wieder wie der letzte Dreck und erwartete meinen sofortigen Rausschmiss, aber nichts dergleichen geschah.

 Sie lächelte mich an und schüttelte den Kopf, als ich mich entschuldigen wollte. Sie zeigte Richtung Tresen und stöckelte los. Ich kuckte verstohlen hinter mich. Aber da stand keiner, ich war gemeint.

 Meine Güte, ich machte, dass ich da hinterherkam. Auf einmal war ich fast nüchtern.

Aber nicht lange, das kann ich guten Herzens versichern.

 Wir soffen und lachten die ganze Nacht, sie sagte mir ihren Namen und ließ mich ihre Hand halten. Und sie konnte eine Menge trinken. Sie musste nicht mal dafür bezahlen.

 Mir war langsam grottenschlecht, aber ich ließ mir nichts anmerken. Kira sprach mit niemand anderem mehr an diesem Abend, jedes Mal, wenn irgendwer ankam bei ihr, wischte sie das einfach weg. Sie musste nichts sagen. Ich wurde nicht wieder. Wer war das, zum Teufel.

 Aber ich will hier nicht von Teufelei reden, denn ich vermeinte, das genaue Gegenteil davon gefunden zu haben. Meinen Engel. Endlich war sie da. Man kann so was fühlen, wisst ihr.

Und gnade euch Gott, wenn ihr so was wisst.

 

 Als sie uns am Morgen rauskehrten, redete ich kurz mit Nikola, die da zusammen mit Tobi am Eingang lehnte, und als ich mich umdrehte, war Kira weg. Ich schlug mir vor die Stirn. Ich rannte die Straße auf und ab. Ich hatte sie verloren. Ich war völlig verzweifelt.

 Auf einmal rief jemand meinen Namen und ich fuhr herum. Da saß Kira auf dem Bürgersteig, eine riesige Sonnenbrille auf der Nase. Sie winkte mich rüber und ich ging in die Knie. Buchstäblich. Ich glaube, ich liebte sie vom ersten Augenblick an.

 Ich bot an, sie heimzubringen. Das brachte mir ein sarkastisches Lächeln ein, aber sie schlug ein.

 Wir stiegen in eine U Bahn. Wir fuhren und fuhren. Ich wollte, diese Fahrt hätte noch erheblich länger gedauert. Wann und vor allem wie würde ich sie wieder sehen?

Danach war es noch eine ganze Strecke Weg, wir kamen durch ein nettes, gutbürgerliches und trotzdem irgendwie abgefahrenes Wohnviertel, in dem ich noch nie gewesen war.

 Die Sonne kam hoch. Es ging einen verwilderten Gartenweg lang und schließlich standen wir vor einer Tür. Sie kuckte mich lange an, über diese Sonnenbrille hinweg. Und schließlich bat sie mich herein.

 

 Die folgenden Stunden verbrachte ich wie im Rausch. Sie hatte eine nette Wohnung.

Sehr sauber. Und trotzdem cool. Überall Fotos an den Wänden. Von ihr. Diese Frau war entweder sehr von sich überzeugt, oder sie hatte ein Egoproblem. Wahrscheinlich beides.

Ich wollte später drüber nachdenken.

 Wir setzten uns auf das Sofa in ihrem Wohnzimmer, sie schmiss die Stereoanlage an und wir tranken und erzählten munter weiter.

Kira kannte da anscheinend keine Gnade. Ich hoffte inständig, nicht kotzen zu müssen. Irgendwann hab ich sie dann geküsst. Oder sie mich. Ich weiß es nicht mehr genau.

Auf jeden Fall dauerte es nicht lange, bis keiner von uns mehr größer was anhatte.

 Wenn ich mich recht erinnere, trug sie noch die Stiefel und mein Hemd. Und ich meine Boxershorts. Ich dankte den Göttern, dass ich die schicke mit dem Leopardenmuster angezogen hatte. Da sah man auch die Löcher nicht so.

 Und dann kam dieser Moment. Sie saß etwas zusammengesunken auf diesem Sofa, die Haare vorm Gesicht. Aus den Boxen dröhnte irgendeine Punkrockballade.

Ich reichte rüber, und strich ihr sanft die Haare aus der Stirn. Ein Sonnenstrahl, der durch die verschlissenen Rollos fiel, traf in eben der Sekunde ihr Gesicht. Wunderschön.

Ich musste das sagen. Sie fuhr herum und starrte mich an. Ihr Make up war um die Augen rum total verwischt. Sah echt dramatisch aus. Wie eine aus so `nem alten Film.

 Sie schlang die Arme um sich rum, als würde sie frieren. In dem Moment sah sie ungeheuer einsam aus. Wo waren ihre Kerle, verdammt. Was hatten sie falsch gemacht.

 

 Ich fasste mir ein Herz und hob sie einfach hoch. Beim Reinkommen hatte ich gesehen, wo der Durchgang zum Schlafzimmer war. Sie leistete keine Gegenwehr. Sie starrte mich nur weiter mit aufgerissenen Augen an. Und als ich sie auf ihr breites Doppelbett legte, machte sie sie zu und schlief einfach ein. 

 Ich zog ihr die Klamotten aus und legte mich daneben. Ich wollte nicht mit ihr schlafen. Nicht so. Ich schmiss uns die Decken über und nahm sie in den Arm.

Steckte die Nase in diese Masse Haare. Fühlte ihren warmen Körper an meinem.

 Die Morgensonne schien hell durch einen Spalt zwischen den Vorhängen. Und ich schlief an ihrer Seite, ganz so, als sei das der mir zuerkannte Platz auf dieser Welt. Ich spürte zum ersten Mal seit undenklich langer Zeit so etwas wie Frieden. Ich war wahr und wahrhaftig glücklich.

 

 Nun wäre eigentlich der Teil mit Kira und mir dran. Wie ich sie für mich gewann. Und wieder verloren hab. Denn ich weiß, dass sie mich auch geliebt hat. Ausgerechnet mich. Ich weiß das, tief innen drin. So sehr kann man sich nicht verstellen.

 Aber diese Geschichte erzähle ich hier nicht. Kira hat sie schon aufgeschrieben. In ihrem ersten Roman, den sie mir mal in so was wie grenzenlosem Vertrauen zu lesen gab. Damals, als sie mein Herz noch nicht in Stücke gerissen hatte. Und ich wünsch mir, dass sie damit was anfängt. Ihren lang ersehnten Durchbruch hat am Ende. Vielleicht ist sie dann glücklich. Bei ihr weiß man ja nie.

 Ich für meine Teil mach einfach weiter mit diesem Leben, was soll ich auch sonst machen. Ich bleibe bei Andi. Ich versuche, ein besserer Kerl zu sein. Und ich muss Kira vergessen.   Dennoch würde ich alles für sie tun.

 Nur das eine, das ich hätte tun müssen, das hab ich nicht geschafft. Ein Anderer zu sein. Den Sumpf hinter mir zu lassen, aus dem ich nun mal komme. Und in dem ich mich mein Lebtag lang auch ganz gut eingerichtet hab.

 Ich gehöre nicht in ihre Welt. Und sie nicht in meine. Weil ich einfach die verkehrte Einstellung hab. Mir bleiben oftmals bloß meine Träume. Und diese Geschichte hier.

 

Epilog:

 

Izmail starb zwei Wochen nach seinem vierzigsten Geburtstag. Die Begleitumstände konnten niemals wirklich geklärt werden. Ich wünsche ihm Frieden.

 

Copyright: Christina Mertens, 2007-2009