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 Halloween

Von Christina Mertens

Ich kann mich erinnern an Halloween.

Nicht diese abgeschmackte Kostümnummer, die die Leute mit wachsender Begeisterung abziehen mit falschen Drakulazähnen und amateurhaften Besäufnissen. Nee, ich meine etwas anderes.

 Den Grund dafür, dass ich seit nunmehr drei Monaten in so nem Kämmerchen mit weichen Wänden sitze und mein Essen mit dem stumpfen Löffel reinschaufele.

 Dafür, dass ich den Mond nicht mehr ankucken kann und beim Anblick meiner eigenen Visage im Spiegel schreien könnte. Meistens tu ichs, es ist egal. Die glauben mir eh nicht, was ich denen versucht hab zu erklären. Also hab ichs aufgesteckt.

 Ich rede nicht mehr viel, meine Stimme ist mir sowieso fremd. Fremd und brüchig, genau wie die Haare auf meinem Kopf, und meine schmerzenden Gelenke.

 Ich bin ne alte Schachtel, genau seit drei Monaten und sieben Tagen. Heute schreiben wir den achten Februar. Den Kalender haben sie mir gelassen.

 O ja, ich kann mich erinnern an Halloween. Und ich bin fünfundzwanzig Jahre alt.

Heute ist mein beschissener Geburtstag.

 

 Eiskalt ists an dem Abend, als ich über den Parkplatz renn, wie immer zu spät, den fast leeren, sackdunklen Hof von Fattys Pick, so nennen wir das, die Belegschaft von Fattodinos Bestattungsinstitut, alle Klassen, alle Kassen.

 Ich hör schon, kaum dass ich richtig durch die Tür bin, die Nörgelstimme vom Johnny, dem Einbalsamierer und unglücklicherweise meinem Sektionsschef, so heißen hier neuerdings die lausigen Vorarbeiter.

 Ich konnte noch nie besonders auf diese bekackte autoritäre Tour, fünf Minuten, Boneshakerbaby, allen Ernstes, wer kann Respekt haben vor nem Einsfünfzig großen Glatzkopf in Metzgerschürze, der den lieben langen Tag toten Leuten Chemikalien in die Ärsche pumpt.

 Ich zuck die Schultern und wisch mir die Nase am Ärmel ab, weil ich immer vergesse, ein Taschentuch einzustecken, meine Mom hat mal gesagt, aus mir würde nie was werden, wegen dem Scheiß mit täglich frische Wäsche anziehen und so weiter. Ich gebe zu, so was war mir nie besonders wichtig.

 

 Kann auch sein, dass es ein Fehler war, die Schule zu schmeißen und mit der Band rumzuziehen, was weiß ich denn, sicher würde sie wieder mal die Hände überm Kopf zusammenschlagen, wenn sie wüsste, wo ich seit drei Wochen arbeite. Kann sie aber nicht mehr, denn sie ist genauso mausetot wie unsere sehr verehrte Kundschaft.

 Ich lass also den Sermon vom Johnny über mich ergehen wie immer und zwäng dabei meine Gummihaube über die Haare, von der Tür aus kann ich sehn, wie Al von der Spätschicht hinter seinem Rücken Kopulationsbewegungen mit seinem Schrubber ausführt, noch dazu hat der so `ne Wolfsmaske auf mit Spitzohren und allem Drum und Dran.

 Ich muss laut lachen, was das hallt in dem gekachelten großen Raum. Dreiundzwanzig Uhr zehn. Die ziehen mir ne halbe Stunde ab, da geh ich jede Wette ein.

 

 Hey, ist doch Halloween, Al schlittert samt Schrubber rüber zu uns und seine Gummistiefel hinterlassen eine schöne, fette Schmierspur auf den grünen Fliesen. Die lange, rote Zunge von dem Wolf wippt langsam hin und her.

 Johnny kriegt sich wieder, kneift den Hintern zusammen und spart sich den Rest. Hier, sieben auf einen Streich, Zillie, er deutet rüber in den Frischfleischraum.

Das ist da, wo sie die Neuankömmlinge rein tun, zum waschen, schneiden, legen, wie Gingerbread immer sagt. Das ist mein Job. Ginger macht die Maske. Zillie, das bin ich.

 

 Ich latsche wortlos in die Umkleide hoch, kick die Pumps von den Füßen, zieh die Galoschen an und bind meine Schürze um. Zwänge die Haare unter die Gummihaube. Die Lackhosen lass ich an, die sind abwaschbar.

 Al und ich warten ab, bis sich Johnny verpisst hat, dann hau ich ein Tape in den Rekorder, auf dem normalerweise die Trauermärsche, oder was auch immer fürn Sound die wollen, für die Hinterbliebenen laufen, die kommen, um das Werk unsrer fleißigen Hände zu bewundern.

 Henry Mancinis goldene Klassiker dröhnen durch unsre ehrwürdigen Hallen, do not forsake me o my darling, das Ding aus dem Westernfilm.

 Schande, Nachtdienst am Halloweenabend, wo überall geile Parties laufen, ich knips meinen Strahler überm Tisch an, wo schon der erste bereitliegt.

 Scheiße, n Kind. Ein Junge, ich kuck auf die Karte, die da beigeliefert ist. Sieht nicht nach Gewaltverbrechen oder Unfall aus. Liegt bloß so da, der kleine Kerl, blau und kalt und ziemlich steif.

 

 Ally ist fertig mit Wischen, winkt zum Abschied, dream a little dream of me, ich sehe durch die trennende Glasscheibe, wie ers mit den Lippen formt, der Wolf steckt sich ne Kippe an und ist raus.

 Babyboy und ich sind allein, ich seufze, krempele die Ärmel auf und mach mich an die Arbeit, während die Kassette abläuft.

 Sieht richtig gut aus, der kleine Mann, als ich ihn gewaschen, mit dem Balsamierungsmittel vollgepumpt, in die Begräbnisklamotten gesteckt und bisschen Rot auf die bleichen Wangen gezaubert hab. Ginger hat frei über die Feiertage, die hats gut. Muss ich das auch noch machen.

 

 Ich hauch Baby nen Kuss auf, say nightynight and kiss me, schieb ihn ab ins Kühlfach und leg ne Zigarettenpause ein. Weil jeder, der hier raucht, sofort gefeuert wird, marschier ich raus auf den menschenleeren Parkplatz, in voller Montur.

 Wenns geht, ists noch kälter geworden, ich steck mir eine an und lausch auf den Sound, der durch die angelehnte Tür kommt, jetzt läuft Nusrat Fateh Ali Khan, auf dem Soundtrack zu Natural Born Killers. Ist heut glaub ich auch tot.

Gruselt mich jedes Mal, die Zusammenstellung. Wahrscheinlich weil ich den Film Klasse finde.

 Überm Hof hängt ein blutroter Mond, wasn Klischee, ich schling die Arme um mich und hopse auf der Stelle. Dann trete ich die Kippe aus, auf den Pfützen hat sich ne dünne Schicht Eis gebildet.

 Happy Halloween, ich nick mir drinnen im Spiegel zu, hier kommt dein Date, mein Schatz.

 

 Ich hol mir Nummer Zwei rein, auweia, bei dem ist mehr zu tun, ich sehs schon durchs Laken, ganz blutig. Aus den Lautsprechern ballert Rock and Roll Nigger.  Ich zieh das Laken weg und fahr zusammen.

 Da liegt der schönste Kerl, den ich seit langem gesehen hab, dunkle lange Haare, edles Profil, ein Körper wie Marmor. Und vorne drin ein fettes, fransiges Loch. Der ganze Typ ist blutverkrustet, als hätte ihn einer hingerichtet. Wie bestellt wechselt der Sound wieder, ne langsame Nummer, ich glaub, es ist Bob Dylan. Ich dreh den Schlauch an, da hilft nur abspritzen, Ally wird mich hassen morgen.

 Als ich den Kerl rumdrehe, damit er auch von hinten schön sauber wird, merk ich, der ist noch nicht lange tot. Ganz weich und biegsam ist er, kommt wohl von dem heißen Wasser, fast könnt man meinen, in dem Körper sei noch Leben. Ich trockne ihn ab, greif mir die Karte.

 Wie heißt du, mein Schöner, Mickey Vineyard lese ich. Okay Mickey, ich setz mich an Gingers Schminktischchen und roll mirn Joint.

 

 Es ist genau dreiundzwanzig Uhr fünfundvierzig, als ich wieder auf den Parkplatz latsche.

 Zillie und Mickey, flüstere ich und inhaliere tief, warum treffe ich `nen A-Klasse Kerl wie den erst, wenn er hinüber ist.

 Ich starre den Mond an und denk an Ally, ich wette mal, der muss sich heut Nacht nicht mit nem Besen begnügen. Scheiß Wolf, ich trete gegen die Mülltonnen. Prompt fällt eine um und verstreut ihren Inhalt im ganzen Eingangsbereich, verflucht noch mal, das muss ich nachher alles wieder einsammeln.

 

 Ich renn wieder rein, bevor ich hier festfriere. Hau die ollen Trauermärsche rein und stöbere bisschen in Gingers Zeug rum.

 Wahnsinn, was haben wir denn da, ich setz ne blaue Sonnenbrille auf und stülp nen Hut mit Federn über die Haube, Mickey wird mich nicht verpetzen, soviel steht mal fest.

 Anschließend stolpere ich wieder in die Umkleide hoch und hol meinen Flachmann aus dem Spind. Zieh die hohen Hacken wieder an. Ist cooler so, und wer solls schon sehn außer dem schönen toten Mann auf meinem Tisch da unten. Mitten zwischen Marsch Drei und Vier hör ich ein Geräusch.

 

 Ich steh da wie festgewachsen, den Whiskey in der Rechten, meinen Baseballschläger in der Linken. Sicher ist sicher, den hab ich immer mit auf Nachtschicht. Ist ganz schön einsam hier draußen.

 Ich genehmige mir noch nen guten Zug, verstau die Flasche ordentlich in der Schürzentasche, reiß die Tür auf und spring die Treppe runter, immer zwei Stufen auf einmal. Der verdammte Johnny macht mich fertig, wenn er rauskriegt, was ich hier treib.

 Hände hoch, ich schieße in die Halle, den Prügel in beiden Händen. Keiner da, bloß die Uhr springt mit nem leisen Plopp auf Zwölf. Die Tür ist verschlossen, wie ich sie in Erinnerung hab.

 

 Geisterstunde, Mickey, ich grinse mir eins und stell den Schläger weg. Ich hab sie doch auch nicht mehr alle. Leg ein neues Tape ein, von den Märschen krieg ich Kopfweh. Das ist was für Creeps aus Louisiana. John Carpenters Filmmusikensammlung, das Thema aus der Klapperschlange.

 Ich sneake rüber zu Mickey und nehme das Gummidings vom Kopf, den Hut setz ich wieder auf. Unterwegs komm ich am Spiegel vorbei, ich seh selber aus wie Geisterbahn.

Streich mir die Haare zurück und beug mich über ihn drüber. Hauch ihm nen kleinen Kuss auf die Lippen, mit Zunge. Scheiße, das gibts doch nicht, der Typ ist warm. Er atmet, ich fühls.  

 Ich denk an Poe, die Story von der Lady Ligeia, die vom Tod ins Leben zurückkehrte, was zum Teufel läuft hier.

 

 Na los, sag ich zu Mickey, heut ist Nacht der reitenden Leichen, das ist deine Chance, Kumpel.

 Ich zünd mir eine an, ist mir scheißegal jetzt, dann zieh ich meine Gummihandschuhe wieder an. Ob lebendig oder tot, ich muss den Körper herrichten, dafür werd ich bezahlt.

 Und dann erhebt er sich in seiner ganzen Pracht, von der Wunde trieft es sofort runter auf den Boden. Er blutet.

 Mir fällt förmlich die Kinnlade runter, ich steh da und starre ihn an. Meine Zigarette brennt friedlich bis auf den Filter runter, ich lass sie fallen, als ich mir die Pfoten verbrenne. Die Uhr zeigt Null Uhr Fünfundvierzig.

 Im Nebenzimmer hebt ein Mordsgetöse an, verdammt noch mal, das ist die Kühlwand mit den ganzen Schubfächern und es hört sich an, als ob gegen jede Tür einzeln geschlagen würde. Und zwar von Innen.

 

 Ich sollte wohl weglaufen, aber ich brings nicht hin. Da steh ich also wie festgenagelt, Mickey, schnapp ich schließlich, ich werd verrückt.

 Und da macht er die Augen auf und lächelt, ich merk, wie meine Hose nass wird. Ich hab mich voll gepinkelt.

 Scheiße, dieser Trichter in seiner Brust, wenn das nicht wäre, man würde gar nicht merken, dass der tot ist. Ich reiß mich mühsam von dem Anblick los und geh zur Kleiderstange. Da sind seine Klamotten.

 Ich halts ihm hin, hier, ziehs an, das haben die ausgesucht für dich. Warst bestimmt n beschissener Rockstar oder so was.

 Ich schlottere vor Kälte, man kann den Atem sehn hier drin, muss unter Null sein. Die Tür zum Kühlhaus steht offen, sperrangelweit.

 Nicht das auch noch, ich schau mich um, die in den Schubladen waren, haben sich befreit, und schlurfen fröhlich heran. Babyboy lächelt ein blaues Lächeln und hält den Kopf schief. Gebrochenes Genick, hab ich gar nicht gemerkt vorhin. Weil er da steif war. Jetzt ist er anders.

 

 Mickey, ich dreh mich um. Er hat die Sachen angezogen, in seinen Augen leuchten blaue Funkelsterne. Natürlich wird er mich früher oder später in nen Zombie verwandeln, aber derlei hat mich noch nie von irgendwas abgehalten. Der Typ ist Gott.

 Ich setz meinen Hut ab und schüttele die Haare, er tritt vor und nimmt mir die Sonnenbrille runter. Farblich kommts noch viel krasser jetzt, es weicht schon durch seine frische, weiße Hemdbrust, dennoch ist er wunderschön, ich möchte, ach was, ich muss ihn zurechtmachen, das ist mein Job. Und ich möchte ihn auf der Stelle in meinem Bett haben, ob er nun blutet oder nicht. Ich werd ihn verbinden. Ich werd ihn heilen.

 

 Auf meinem Rücken kriecht die Haut umher, ich glaub, ich hab nen Schock oder so was. Die Uhr springt auf halb Zwei. Ich hoffe bloß, es fallen keine Teile von ihm ab.

Die Kriechenden sind um uns, ich bin umgeben von Totem in allen möglichen Verfallsstadien und meine einzige Option ist, einen Leichnam zu bumsen.

 Ich muss lachen, meine Stimme hallt unnatürlich laut von den Wänden wieder, genau wie vorhin. Es scheint eine Ewigkeit her zu sein.  Die Kassette ist lange aus.  

 

 Dann haben wir Kontakt, seine Hände legen sich auf meine Schultern, sie geben leicht nach, als sich die Finger in meine Haut graben. Ein Monstertrip ist das, er lacht von ganz nah. Und zischt mich an.

 Ich seh, seine Zunge ist gespalten wie bei einer Schlange. Und von ihr tropft etwas, das ich trinken möchte, ich schlag die Hände vors Gesicht undschau ihn an durch die Finger, heimlich, und bemerk zu meinem Entsetzen, dass ich geifere. Ich habe Hunger.

 

 Die vergammelten Gestalten drängen auf uns ein, auf einmal liegen Mickey und ich auf dem Tisch, der Abfluss drückt mir schmerzhaft in den Rücken, allein daran merk ich, dass dieser abgefahrene Scheiß hier Wirklichkeit ist, Mickey riecht etwas, wie abgestandenes Wasser. Nach welkem Zeug. Und nach Blut.

 Ich atme das tief ein. Fühl Warmes an mir dran. Urplötzlich springt die Musik wieder an, keins von meinen Tapes. Und dann hab ich Fleisch von ihm im Mund, ich reiß Stücke aus ihm raus, während er mir den Kittel von den Schultern zerrt und die Hosen runter schiebt.

 Die Wanduhr steht auf Drei Uhr Dreißig, ich sehs im Augenwinkel. Es ist warm auf einmal. Die Luft kocht und es riecht verdorben. Dann fühl ich es, ich merk, wie er in mich eindringt. Etwas.

 

Wie das in mir herumwühlt. Sucht. Findet. Sich festbeißt. Und dann langsam anfängt zu zerren, Zoll um Zoll mein Leben aus mir raus, in meinem Bauch sind glühende Kohlen, Mickey wirft den Kopf zurück und drückt mir die Arme runter, ich möchte schreien, aber es geht nicht.

Meine Zunge fühlt sich an wie fest gepappt hinten am Gaumen. Ich schau ihm ins Gesicht, der ganze Raum ist blaues Funkeln.

 Ich sehe meine Hände auf Mickeys Brust, sie sind voller Flecken. Meine Nägel sind gewachsen. Ich schau an mir runter. Ich fühl meinen Körper zusammenfallen.

Meine Haut sieht aus, als wäre sie mir zu groß geworden. Ich verdorre, sein Körper auf meinem macht Geräusche wie Papier, das man zerknüllt.

Die Uhr, ich kann die ganze Zeit die verdammte Uhr sehn, sie bewegt sich jetzt und die Zeiger drehen sich rückwärts. Hände schieben sich über den Tischrand. Viele Hände. Es tut nicht weh, denk ich, das tut überhaupt nicht weh.

 

 Durchs Fenster bemerke ich erstes Tageslicht, als ich wieder zu mir komm, ich lieg noch immer auf dem Waschtisch und das verdammte Ablaufsieb drückt mir immer noch ins Kreuz. Es ist kurz vor Sieben. Halb Acht kommt die Frühschicht.

 Ich beuge den Kopf übern Tischrand und kotz mir die Seele aus dem Leib. Na Klasse, ich hab mich zugedübelt im Fatty` s. Auf Arbeit.

 Verdammte Sauferei, den Job hab ich geschmissen. Die Leichen sind alle verdorben, das Kühlhaus steht sperrangelweit offen. Es stinkt im Raum, alles ist voller Blut und Geschmier.

 Hab ich nen Blackout oder was. Kann mich an nen völlig abgefuckten Traum erinnern. Ich spring vom Tisch und schlag der Länge nach hin, die Beine sind wie Gummi.

Zerr mich an der Tischkante hoch. Und dann kann ich mich in der Trennhglasscheibe sehn, eine schwache Reflexion in dem fahlen Dämmer, der durchs Deckenfenster sickert.

 

 Meine Haare sind weiß geworden und gehen bis zu den Knien. Ich schwanke zum Spiegel und seh tiefe Furchen, mein Gesicht ist das einer Hundertjährigen.

 An meinen vertrockneten Lippen klebt Blut und was unter meine langen, krummen Nägeln ist, will ich gar nicht erst wissen. In meinem Mund ist der Geschmack von verfaultem Fleisch.

 Ich hab Schmerzen jetzt, meine Hose ist blutgetränkt, ich spür, wies aus mir raus läuft. Die Beine geben wieder nach, ich verkriech mich in die Ecke, gleich neben den Abflüssen im  gekachelten Boden.   

Und kann endlich schreien.

 Als ich keine Schreie mehr hab, steck ich den Daumen in den Mund und summ vor mich hin. Ein Song, Mickey, wie findest du das. Ich erinnere mich, Baby. Fünfundsiebzig verdammte Jahre. Durch die Tränen kann ich das Madengewimmel unten im Auffangbehälter sehn. Ein kleines Gedicht fällt mir ein, das von dem Totenwurm, der klopft und tickt. 

 

 So haben sie mich dann gefunden, die Kollegen von der Frühschicht. Pünktlich um Halb Acht Uhr, ich hab genau gesehen, wie die Uhr umgeploppt ist. Sie haben mirs nicht geglaubt. Niemand hat mirs geglaubt. Aber das werden sie noch, keine Bange.  Ich weiß es schon seit einiger Zeit. Und bald werdens alle wissen.

 Mickey hat mir mein Leben weggenommen in dieser Nacht. An Halloween. Aber er hat auch was hinterlassen. Ich hoffe, dieser Körper hält lang genug zusammen, um das fertig auszubrüten. Es wächst schnell. Und es hat Hunger.

 

Mertens 2005