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Das Reptil-Star-Kollektiv- gelebte Kunst.

Ein Stück Hardcore namens Paul

Von Christina Mertens

„Der Weisheit letzten Schluss“, erklärt mir der Paul feierlich und pellt dabei säuberlich die oberste Schicht seines Bierdeckels ab, so dass man seine mindestens ebenso säuberlich drauf notierte Zeche nicht mehr erkennen kann, „kann man genau so gut in den Furchen von einem herkömmlichen Stück Kürbis erkennen.“

 Der Satz platzt unvermittelt in den trüb sonnendurchfluteten Schankraum. Schwebt ein Weilchen von rechts nach links, dann wieder ein Stück nach rechts und nimmt dann zwischen uns am Tresen Platz.

Ich hebe den Kopf von meinen auf der Tischplatte gefalteten Händen und versuche, Pauls Blick zu fangen. Das gestaltet sich schwierig, denn das trübe Licht dämmert immer mehr, was an den schlecht geputzten, dunkelgelben Butzenscheiben liegen mag, oder an den vierzehn Bier mit Schnaps, die ich in mich hineingeschüttet habe, seit wir hergekommen sind.

Vielleicht war das am späten Vormittag, ich meine, mich erinnern zu können, aber was den Tag angeht, hab ich den Überblick verloren. Irgendwas Ende Oktober.

 Richtig, wir sind vor ein paar Tagen losgegangen, Halloween feiern, daher das ganze Kürbisgesülze.

Die Bedienung hat seither dreimal gewechselt, zumindest in dem Punkt bin ich mir sicher.

Und was sollte das auch, die Zeit scheint hier drin still zu stehen, die wenigen Gäste außer uns bewegen sich in Zeitlupe, selbst die Dartpfeile fliegen so langsam, dass ich direkt ausmachen kann, wie sich die verrauchte Luft davor auftut und hinter ihnen wieder schließt.

Und einen kurzen Moment lang kann ich in den Zwischenraum reinkucken.

„Luft kann sich nicht auftun“, denk ich, und ich bin froh, dass ich das nicht gesagt hab, denn das ist nicht nur mindestens genauso bescheuert wie Pauls Kürbistheorie, sondern auch noch physikalisch unmöglich. Jedenfalls das mit den Zwischenräumen. Und was ich da drin gesehen hab, erst recht.

Der vergammelte Kalender an der Wand zeigt auf alle Fälle immer noch Juli.

Mit einem hübschen Pin- up Bildchen.

 Pauls Blick lässt sich auf alle Fälle nicht fangen. Nicht von dem Pin- up und nicht von mir. Nicht, wenn der Paul das nicht will.

Ich starre dennoch unbeirrt weiter, denn ich kann ihn immer schlechter erkennen, zur Sicherheit greife ich in die Richtung, in der ich ihn vermute. Er haut mir eins auf die Finger, wodurch ich sicher sein kann, dass er da noch sitzt. Ich hab ihm direkt ins Auge gefasst, zumindest erklärt er mir das auf mein beleidigtes Schnaufen hin.

„Streu noch Salz rein, Kürbiskopf“, sag ich und der Paul lacht. Paul lacht immer, und das macht er so umwerfend, dass man gefährlich nah dran ist, zu vergessen, dass er einen auslacht.

Ich zeig ihm den Vogel und lehne mich über die Theke, um zu bestellen.

 Die Bedienung hat während dieses kleinen Vorfalls wieder gewechselt, ich kneife die Augen zusammen, aber das Bild bleibt, da steht Godzilla und trägt unsinnigerweise ein kleines, weißes Rüschenschürzchen. Und ein rot und weiß gewürfeltes Spültuch in der rechten, klauenbewehrten Pranke. Ich lasse mich nicht beirren, und ordere eine weitere Runde für den Paul und mich, Dartpfeile pfeifen gefährlich nah an meinem Ohr vorbei, dabei beobachte ich ein Mädchen, das an dem Flipper in der Ecke rüttelt.

Das Ding leuchtet wie ein verdammtes Raumschiff, ganz zu schweigen von den Geräuschen, die es macht, aber ihr Hintern, der bei jeder Bewegung schlingert und sich schüttelt, ist wirklich sehenswert.

Ich stoße den Paul mit dem Fuß an, er dreht sich kurz, winkt ab, dreht sich wieder um und starrt weiter in die aufgeschlagene Zeitschrift vor sich. Ich wollte, ich hätte jetzt diesen Kürbis hier. Der hätte wenigstens noch sein Teil Weisheit zu verkünden.

 In der Ecke vis-a-vis kloppt eine ältere japanische Reisegruppe seit Stunden mit großem Hallo Karten, dabei scheinen Staubsauger, ein Pümpel, Regenschirme, sowie eine Spule Stacheldraht eine wichtige Rolle zu spielen.

Jemand, der als Michael Myers verkleidet ist, filmt alles auf Super Acht. 

 Godzilla wischt die Theke sorgfältig mit dem rot karierten Lappen ab und stellt je ein Bier mit Schnaps vor den Paul und mich, wobei auf Pauls Deckel wieder die vormals so exakt entfernte Zahlenreihe erscheint. Und die leuchtet exakt im Takt von den Birnchen am Flipper.

 „Paul“, setz ich an, ich merke meiner Stimme Verzweiflung an, hasse mich kurz dafür, aber ich hab das dringende Gefühl, was sagen zu müssen, weil ich sonst zu Staub zerfallen könnte, gleichzeitig fürchte ich mich davor, dass, wenn ich was sage, die ganze Welt um mich herum in Stücke geht.

 Die Japaner brechen in begeisterte Beifallsrufe aus, was Godzilla mit einem missbilligenden Schnauben quittiert.

 Ich nehme zur Kenntnis, dass hinterm Tresen ein ebenfalls mit Stacheldraht gerahmtes Bild vom Osterhasen hängt, als ich den Kopf wieder auf die Hände sinken lasse, meinen Ausschnitt runter- und die Sonnenbrille hoch schiebe, wobei ich drauf achte, dass das gut aussieht. Der Scheißhase ist Rosa, der Teufel soll ihn holen.

 Bis ich den Paul getroffen hab, war ich eigentlich gar nicht da. Ich meine, natürlich war ich da. Und weniger getrunken hab ich auch nicht, Gott helfe mir. Aber ich säße normalerweise ruhig und friedlich in meinem Raum- Zeit- Kontinuum, und nicht in solchen komischen Kneipen herum. Müsste mich nicht mit diesen bekloppten Zwischenräumen auseinandersetzen, und wer weiß mit was sonst noch. Mit dem Paul in der Hauptsache.

 Ich kuck ihn mir von der Seite an, das heißt, wenn sich der wabernde Nebel lange genug teilt, um ihn zu sehen. Er schaut immerhin vage in meine Richtung.

 Und würgt mich wieder ab, weil er mittlerweile einen Helm trägt wie den von Darth Vader, und als wäre das noch nicht genug, aus diesen Schläuchen an den Seiten kommt nicht die verbrauchte Atemluft raus wie beim Original, sondern eine Substanz, die man offensichtlich trinken kann, denn er saugt gierig an einem von den Dingern, was ziemlich blöd aussieht.

Dazu trägt er ein mehr als authentisches Cape aus schwarzem Satin.  

Er bietet mir mit einem freundlichen Kopfnicken und einem Grunzen, das ich mit Mühe als „Schvärrzuchhmaaah“ übersetze, das andere Ende an.

 Godzilla lehnt sich über die Theke, zeigt auf den Paul, flüstert „Saufmaschine“, und verpasst uns noch einen Schuss Nebel aus seinen gewaltigen Nüstern.

Ich nicke wissend, greif mir den Schlauch und fang an zu süffeln. Das, was da rauskommt, schmeckt eigentlich nicht schlecht. Es ist rot, heiß und außerordentlich aromatisch. Und schmeckt dickflüssig, sehr herb und nach vielen, vielen Oktan.

Ich fantasier kurz, dass das Blut vom Paul ist, und die Idee gefällt mir, allein deswegen, weil der Paul für solche Scherze nicht zu haben ist. Ich wollte gern Pauls Blut trinken. Schließlich ist ja auch Halloween.

 Der kurz darauf einsetzende Schub fegt mich fast von meinem Hocker, ich klammere mich am Tresen fest, der sich schräg gestellt hat wie die „Titanic“ kurz vorm Absaufen, dabei stell ich fest, dass der Flipper mitten im Raum schwebt und die Musik gewechselt hat, aus der Jukebox dröhnt seltsamerweise der „Humpty Song“ anstatt des Thin Lizzy- Klassikers, den wir uns zuvor zu Gemüte geführt haben, aber ich hab keinen Sinn dafür, denn die Kleine, die vorhin knapp dran war, den Highscore zu knacken, jedenfalls für mich, sitzt mitten drauf, und zwar splitternackt.

 So was von Show, ich setz mich rittlings auf den Tresen, damit ich besser sehen kann und greif nach meinem Glas, bevor es da runterrutscht, im Augenwinkel registriere ich ein Rudel Zombies hinter der verstaubten Biegung von der Theke, die ich die ganze Zeit nicht bemerkt hab. Wahrscheinlich, weil sie nicht da waren.

 Einer winkt fröhlich rüber, dabei fliegen ein paar Fleischfetzen in alle Richtungen, Baby auf dem Pinball winkt zurück, ich kuck nach dem Paul, denk kurz dran, was Phil Lynott immer für schöne, enge Hosen anhatte, vergesse das aber wieder, weil ich auf einmal was in der Hand hab, und das ist der dritte Schlauch, der aus dem Paul rauskommt.

 Er ist auf einmal ganz nah, setzt den blöden Helm ab und zerrt meine andere Hand, die sich nicht verzweifelt an der Theke festhält, unter sein Cape. Ich wisch das weg, denn ich hab mittlerweile größte Probleme mit der Gravitation hier drin, außerdem kann der Paul mich mal, schließlich hab ich dem den lieben langen Tag meine mehr oder weniger fruchtlosen Avancen gemacht.

 Als hätte er meine Gedanken gelesen, lässt er mich los, lächelt verführerisch und zieht wie ein Zauberer eine riesengroße grüne Gurke unter seinem schwarzen Poncho hervor, dicht gefolgt von einer gigantischen Ananas, einem Korb mit Äpfeln, Birnen, Karotten und Sellerie und, endlich, dem größten Zuchtkürbis, den man je gesehen hat. Ich liebe den Paul, wenn er so was macht.

 Alle Anwesenden applaudieren begeistert, besonders die Zombies sind nicht mehr zu halten, einer schwingt die Nationalflagge, Konfetti flattert durch den Raum, Baby tanzt einen flotten Cancan auf dem Flipper, sogar Godzilla sieht verdrossen von der Patience auf, die er sich auf dem Tresen gelegt hat. Die Dartspieler nehmen nur mäßig Notiz von allem, denn sie haben soeben begonnen, ihre Pfeile auf einen quer übers Dartboard gefesselten Teenager zu schießen.

Ich halte den Atem an. Und bestelle eine Lokalrunde Tequila.

 Der Paul setzt schließlich seinen Helm wieder auf, Godzilla schließt die Schläuche an, anschließend verbeugen sich beide, wobei Paul das Gleichgewicht verliert und auf die Schnauze, beziehungsweise über seine Schläuche fällt, weil er immer noch diesen Riesenkürbis im Arm hält. Das bringt beiden Standing Ovations seitens der Japaner ein.

 Die Zombies beginnen eine Polonaise, Baby wirft Kusshände und Luftschlangen von ihrem Flipper aus, ich kappe einen von Pauls Schläuchen mit Godzillas Zitronenmesser, nehme einen tiefen Zug, rutsche von meinem Barhocker und zieh endlich die Jacke aus.

Der Paul rudert ein wenig hilflos zwischen den Barstühlen herum, denn der Boden ist glitschig und der Schankraum stellt sich immer schräger, paradoxerweise in Gegenrichtung zur Theke, ich helfe ihm auf und übergebe ihn der Obhut einiger Schlammonster, die soeben die Szenerie betreten haben und ziemlich durstig aussehen. Dabei wird er etwas schmutzig, aber das fällt niemandem auf.

 Ich hangele mich an der Blair- Witch- haften Dekoration an der Wand lang zur Jukebox, tipp willkürlich ein paar Nummern ein und stell befriedigt fest, dass die da ausschließlich Zeug von toten Rockstars drin haben. Was kommt als nächstes, frag ich mich.

 „Die Reisäääh zu dähn Stährrnen“, knurrt mir jemand ins Ohr und etwas krallt sich schmerzhaft in meine Schultern, ich fahr herum, und da steht Graf Dracula, ich stell erleichtert fest, dass wenigstens der heute nicht in ein Cape gekleidet ist, sondern einen goldenen Anzug trägt, wie Elvis in seiner Las Vegas- Phase. Und er ist auch ebenso dick. Dracelvis verliert keine Zeit, sondern zerrt mich an seine gewaltige Glitzerbrust, bevor ich mich auch nur vorstellen kann.

Gleichzeitig ballert die Jukebox los und Drac und ich auch. „Endlich mal einer, der tanzen kann hier“, denk ich, denn ich hab schon gedacht, ich müsste mit einem der Zombiebrüder vorlieb nehmen.

 Als wir bei mindestens Nummer Siebzehn immer noch den Boden fegen, die Japaner und die Zombies haben mittlerweile nicht nur Brüderschaft getrunken, sondern eine Art Jury formiert, denn alle halten Bierdeckel hoch, auf denen geschlossen „Zero Points“ steht, sehe ich im Augenwinkel, wie die Schlammonster dem Paul die Kleider vom Leib reißen und gierig seine Physis befingern.

 Ich stoße einen Schrei aus und Dracelvis von mir, worauf der sich wütend auf Baby stürzt, die sich mittlerweile an den Luftschlangen vom Flipper heruntergehangelt hat, was sich als ein ziemlich blöder Fehler erweist.

Der Raum steht nun beinahe vertikal, was aber niemanden weiter zu irritieren scheint. Alles konzentriert sich auf den mehr als ungleichen Kampf in der Mitte der improvisierten Tanzfläche, Baby kreischt, Dracelvis fletscht die Zähne, der Jury ist das immerhin fünf Punkte wert.

Zwei Surfer betreten die Kneipe und stellen ordentlich ihre Bretter ab.

 Drac reißt Baby schließlich mit einer glatten, eleganten Bewegung den Kopf von den Schultern, Godzilla springt brüllend mit einem Baseballschläger in der linken und einem Feuerlöscher in der rechten Klaue über den verbliebenen Rest vom Tresen und ich nutze die Gelegenheit, mich zum Paul durchzuschlagen, die Schlammonster mit Hilfe der liegen gebliebenen Dartpfeile zu blenden, um sie anschließend mit Godzillas gutem, alten Messer zu erstechen.

Dabei kann ich durch eins der Fensterchen erkennen, wie draußen nicht nur ein bleicher Vollmond aufgeht, sondern auch der Wasserpegel immer höher steigt.

Ein Hai schwimmt vorbei und zwinkert mir schelmisch zu.

Ich winke zurück und werfe dem Paul Dracs Glitzerumhang über, was dieser nicht ohne Protest zulässt, aber ich muss ihn dringend an die Sache mit dem Kürbis erinnern, der vergessen am Eingang zur Herrentoilette liegt.

 Paul nickt, wir verschwinden kurz hinter der Theke, kapern die Saufmaschine, einen Kasten Bier und einige Flaschen Sambuca, während Godzilla im Schankraum damit beschäftigt ist, die verbliebenen Gäste zu atomisieren, wobei die Zombies begeistert mitmachen. Ein Sprühregen aus Blut und Fleischfetzen sprenkelt uns, was den halbnackten Paul außerordentlich sexy aussehen lässt.

 Ich putze meine Brille mit dem Rotkarierten notdürftig sauber, dann rollen wir den Kürbis unauffällig zum Notausgang.

 Ich schaue kurz über die Schulter zurück und schaudere, denn ich kann erkennen, dass nun Dracelvis und Godzilla sich wechselseitig mit Laser beziehungsweise einer fluoreszierenden Substanz beschießen, die große Löcher im Godzilla reißt, ich wette insgeheim auf Drac, denn ich hab beim Tanzen gemerkt, dass der einwandfrei mehr Schwung in den Hüften hat, aber Godzilla ist sympathischer, das sagt zumindest der Paul.

Ich gebe ihm recht, aber wir haben wenig Zeit für derlei Diskussionen, wenngleich ich ihm heute Nacht noch allzu gern die Runen in einem Teller abgegessener Fischgräten gelegt hätte und noch allerhand mehr.

 Der Wasserstand ist mittlerweile mehr als kritisch, aber die beiden Surfer versichern uns, es sei genau das richtige Wetter.

Ich zucke die Schultern, gebe doch noch meinen Tipp bei den nun arbeitslos gewordenen Dartboys ab, die hinter der Theke Wetten annehmen, aus dem Schankraum dringt wildes Geschrei, denn die Japaner haben ihre Schwerter gezückt und sich ins Getümmel gestürzt.

 Als wir die Geheimtür oben auf dem Kürbis geöffnet haben und über die Garderobe im Begriff sind, da hineinzuklettern, steht es 7 : 423. Für die Zombies. Alle anderen Teams scheinen vernichtend geschlagen.

Bis auf Godzilla natürlich, der bindet sich neben uns an der Garderobe eine frische Schürze um, und ist so freundlich, uns die aktuellen Spielstände mitzuteilen, während er fieberhaft nach etwas zu suchen scheint.

 Als der Paul, ich und die Surfer im Kürbis Platz genommen, die Surfbretter als Ruder installiert, alle notwendigen Schläuche angeschlossen und die zum behelfsmäßigen Antrieb umfunktionierte Saufmaschine gestartet haben, mahne ich zur Eile, denn Godzilla watschelt eifrig zurück ins Gebäude. Und womit er uns zum Abschied freundlich zuwinkt, scheint kein Feuerwerk zu sein, sondern die dicksten Dynamitstangen, die ich je gesehen hab, wenn sich durch den neuerlichen Input des roten, heißen Gasolins nicht wieder meine Wahrnehmung komplett verzerrt hat.

 Paul grinst fröhlich in die Runde und drapiert sein Cape schief, was cool aussieht zu dem Schottenrock, den er mittlerweile trägt, um seine Blöße zu bedecken. Ich erinnere mich, das Ding vorhin an einer der krummbeinigen, japanischen Samurai- Omas gesehen zu haben, aber am Paul sieht es ganz reizend aus.

 Er setzt seinen Helm wieder auf, lehnt sein Breitschwert an die blinkende Konsole, wir alle nehmen uns ein Bier, stoßen an, geben uns Fünf und beobachten dann ergriffen, wie der Paul „Banzai“ ruft und feierlich den Hebel für Schub umlegt. Dies adelt ihn auf der Stelle, so dass die Surfer und ich beschließen, ihn ab sofort „Käpt` n Koma“ zu rufen.

 Ein sanftes Vibrieren durchdringt das Schiff, ansonsten passiert nicht viel, ich rutsche nervös auf meinem Sitz und nehme sicherheitshalber noch einen Schluck aus der Treibstoffleitung, setz die Kopfhörer auf und signalisiere dem Tower Warteposition. Zur Steigerung der Moral lege ich ein Motörhead- Tape ein, jage die Surfer wieder vor die Tür, damit sie uns anschieben, im Rückspiegel sehe ich Godzilla mit einem Feuerzeug hantieren, und auf dem großen Bildschirm vorne schwimmt mein Freund, der Hai, Runde um Runde.

Er hat eine ordentliche Serviette um das, was bei einem Hai der Hals sein mag, gebunden, und in den Flossen Messer und Gabel. Weiter hinten beginnen ein paar Polypen ein Fußballspiel.

 Der Käpt` n und ich sehen uns tief in die Augen, daraufhin versichert er mir, wie fantastisch ich mit den ganzen Pilotenklamotten aussehe, die ich auf einmal anhabe, ich nicke ihm huldvoll zu, dreh die Musik lauter und spring ihm unerachtet der ganzen Schnallen und Gurte auf seinen tartangemusterten Schoß. Ein paar leere Bierflaschen auf der Kommandokonsole kippen dabei um und gehen in Scherben.

Ich zerre ein paar Schläuche beiseite und fang an, nachzuforschen, ob der Mann etwa noch mehr Gemüse unter seinem Röckchen versteckt hat, es fühlt sich nach einer ziemlich kapitalen Zucchini an, während wir in einem Gewirr aus Kabeln, Glasbruch und paradoxerweise Fischkonserven erst in den Clinch und dann zu Boden gehen.

Das Breitschwert piekt mich schmerzhaft in den Hintern und irgendetwas fängt an, hektisch zu piepen, als der Käpt` n mir meine Jacke samt beiden Pistolenhalftern runterreißt, auf dem großen Schirm haben es sich der Hai, die Polypen und diverse andere Meeresbewohner mit Popcorn und Bier gemütlich gemacht und schauen uns zu.

 Gerade, als wir uns mitten auf der Zielgeraden befinden, steigert sich das Piepen zu rasendem Crescendo und ich registriere begeistert, dass nicht nur die Vibrationen stärker werden, sondern dass es auch komisch riecht hier drin, irgendwie nach verbranntem Kürbis.

Ich klammere mich am Käpt` n fest, der schnappt nach Luft, weil ich seinen Hals erwischt hab, verheddere mich erneut in den Kabeln und suche irgendwo Halt, denn die Kabine schleudert wild hin und her, gleichzeitig versuche ich das bescheuerte Piepen abzustellen.

Ich drücke willkürlich Knöpfe, der Commander wirft sich auf mich, dabei drücke ich versehentlich den Schubhebel auf Maximum, woraufhin uns eine Explosion mit beträchtlichem Kawumm endlich vorwärts katapultiert und aus der Tür von Godzillas Kneipe und höchstwahrscheinlich quer durchs halbe Universum. Auf dem Bildschirm klebt jede Menge toter Fisch.

 Als ich wieder aufwache, sitze ich zusammengesunken an einer Theke, ich fahr hoch, klopp den Paul, der, wie ich erleichtert feststelle, nichts als der Paul zu sein scheint, in die Seite, der mit einem Fluch die Augen aufreißt und mich entsetzt ankuckt.

In der Ecke kloppen ältere japanische Geschäftsleute Karten. Das Dartboard gibt komische Geräusche von sich. Eine dicke Frau mit weißem Schürzchen um zapft Bier und zündet sich eine Zigarette an. Mein Blick fällt auf das scheußliche Bild von diesem Osterhasen direkt vor mir, der kneift ein Auge zu und grinst dreckig. Draußen geht der Mond auf.

Wir springen auf und verlassen fluchtartig die Kaschemme. Dabei fällt mir auf, dass der Paul immer noch diesen karierten Rock anhat. Ich beschließe, ihm nichts davon zu sagen.

 

Copyright C. Mertens 2006