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Die schwarze Witwe

Von Christina Mertens

 

 Dunkelheit ist hier und überall in mir. Draußen vor den großen Fenstern meines kleinen Hauses dämmert es, und hier im Zimmer ballen sich die Schatten zu wabernden Gebilden zusammen, ich hör sie tuscheln miteinander. Sie schließen mich aus, aber das macht nichts. Im Laufe der Nacht werden sie schon noch reden, das tun sie immer. Auf die Schatten ist Verlass.

 Ich mache kein Licht, noch nicht. Wer käme schon, mich zu sehen und wen wollte ich empfangen heute Nacht. Ich krieg nicht mehr viel Besuch, auch wenn heute der letzte Oktobertag ist, die Nacht vor Allerheiligen. Das Samhainfest. Oder von mir aus Halloween.

 Früher war das ein Feiertag, ich hatte immer einen großen Korb Süßigkeiten für die vielen Kinder parat, die an die Tür klopften und einen guten Kessel Punsch auf dem Ofen für die anderen Gäste. Im ganzen Haus brannten Kürbislaternen und meine Tür stand immer offen. Ich führte früher ein immer geschäftiges und fröhliches Haus. Nicht so wie heute.

 Mein Name ist Alannah Kronfeldt, aber den haben die Leute vergessen. Ich hab auch das Messingschild an der Haustür abmontiert. Zuviel unangenehme Post und zu viele dumme Fragen. Wer mich finden will, der tuts auch so. Ich warte nun schon so lange. Ich bin achtundsiebzig Jahre alt geworden auf die Weise.

 Für die Leute bin ich nur noch die Witwe Lanna. Wahrscheinlich ist das so, dass eine alte Frau, die alleine lebt und jeden Tag des Jahres Schwarz trägt, auf ewig eine Witwe ist. Ich hab sogar ein Haus auf dem Hügel. Und das sollte was wert sein.

 Die Kinder klopfen schon lange nicht mehr an meine Tür, was ich sehr bedauere. Ich hab Kinder gerne, wenn mir eigene auch nie vergönnt waren.

 Mein erster Mann Richard hat mir drei davon gemacht, aber alle sind sie mir weggestorben. Auch Richard selbst ist kurz nach dem Letzten gegangen, und er hat mir dieses Haus vermacht. Und einen guten Teil der Schatten mit dazu. Richard hat mich in die sogenannte Gesellschaft eingeführt. Außerdem erbte ich seine obskure Bibliothek und das Laboratorium. Richard war eine Art Chemiker und ein gütiger Mensch. Früher nannte man so was einen Alchimisten. Und er war sehr begabt. Ich verdanke ihm alles.  

 

 Ich stehe mühsam auf, das Stehen verursacht Übelkeit erregende Schmerzen in meinen arthritischen Gelenken, aber ich achte nicht darauf. Das Alter ist eine wahrhaftige Pest und ich will verdammt sein, sollte ichs beklagen, wenn das dereinst einmal von mir genommen werden wird.

 Früher hatte ich Angst vor dem Tod wie vor dem Leibhaftigen selbst, aber mit dem Vergehen der Jahre kann ich versichern, dass sich die Perspektive allmählich ändert.

Ich hab keine Angst mehr. Ich denke, ich kann meinem Schöpfer guten Mutes gegenübertreten und sagen: „Das alles hab ich getan. Richte, wenn du kannst“. Ich lache diesen Dingen heute ins Gesicht.

 Nichtsdestotrotz benötige ich einen Drink. Einen gut gemischten. Da ich den Butler vor einiger Zeit entlassen musste, weil ich wenn auch widerstrebend mit der Barschaft haushalten muss, werde ich das selbst erledigen müssen. Auch gut.

 Ich gehe an der alten, eisenbeschlagenen Tür vorbei, die zum Kellergewölbe führt und ein weiterer Schatten streift mich, vielmehr ich muss durch ihn hindurch. Er leistet Widerstand, aber es ist mir egal. Ich kann Schwefel riechen. Richard, gib Ruhe. Schatten. Ich nehms auf mit dir. Warte noch ein Weilchen. Ich weiß, was hinter dieser Tür ist.

 

 An der Bar schenke ich mir einen strammen doppelten Whiskey ein, beim Trinken durchfährt mich ein Schmerz wie mit dem Messer durch die Mitte.

 Ich weiß, auch da ist etwas nicht in Ordnung. Ich glaube, der Krebs hat sich eingenistet. Jeden Morgen spuck ich Blut. Ich denke, ich weiß auch, was da nachkommt. Na was denn. Ich werd nicht schwach.

 Soll mich doch der Teufel holen, von mir aus gleich heute Nacht. Es ist mir egal. Dann wird mir wenigstens an Halloween noch was geboten. Ganz entgegen aller bisherigen Erwartungen.

 Ich trinke das tapfer runter und mir wird etwas wärmer. Nicht warm genug.

Ich schenke mir nach und ziehe meine Altfrauenstola, die ich nicht mag, weil sie unmodisch und muffig ist, aber nichtsdestotrotz bequem und eben wärmend, was man in diesem zugigen Gemäuer auch gut gebrauchen kann, um mich.

Ziehe die Schultern hoch, wie ichs bei allerlei Defensiven im Leben seit Jahr und Tag getan hab und trete ans offene Fenster im Flur, gleich neben das verstaubten Telefonbänkchen.

 

 Draußen ist es Nacht geworden und es riecht süß vom Garten her nach Laub und Erde und aufkommenden Nebel. Ich starre hinaus und versuche, nicht zurückzudenken.

 Ich sehe durch die kurze Spiegelgalerie in Richtung Salontür, die nur angelehnt ist und seit geschätzten fünfzig Jahren immer aufspringt, wenn man nicht abschließt.

 Die meisten Möbel sind mit Laken abgedeckt, denn es macht mir zuviel Mühe, alles sauber zu halten und zu bewirtschaften dieser Tage. Ich benutze ihn kaum mehr, den Salon.

Ein schwacher Lichtschein von der Straßenlaterne unterm Fenster scheint durch die fadenscheinigen Stores und ich kann selbst in dem schwachen Licht auf dem Staub am Boden Mäusedreck erkennen.

 

 Wie anders sah dieses Zimmer aus an jenem Tag, als Johnny Dandridge mich hier hereinbrachte, ganz als wär das sein Haus, obschon es natürlich längst meins war. Aber das war egal, denn es war unser Hochzeitstag.

 Draussen sang die Nachtigall oder oder sonst ein Vogel, es war eine laue Mainacht und wir waren so glücklich.

 Johnny Dandridge, ich erinnere mich an sein Gesicht. Er sah so gut aus und so jung. Johnny, der mich schließlich zum Brautbett führte, ganz als käme ihm das zu. Und für diese Nacht ging es in Ordnung.

 Gott, was kann ich dafür, dass Johnny am Morgen danach nicht mehr aus den schönen blauen Augen in die Welt schaute, die ich ihm Nachts zuvor geschlossen hatte. Johnnys Herz werde ich immer als diesen Vogel erinnern. Trällernd. Flatternd. Zuckend. So schön und dabei so zerbrechlich. Aber ich nahm seine Jugend und wärmte mich dran, so viele Jahre.

 

 Ich schließe das Fenster und gehe mit meinem Glas zurück zu meinem Sessel. Auf dem Weg umgehe ich den neu hinzugekommenen Schatten, der sich neben dem kalten Kamin aufgeblasen hat und da nun schwankend steht. Vor, zurück, dann wieder nach vorne. Wenn man da durchgeht, wird es noch kälter und das kann ich nicht gebrauchen.

 Ich sollte Feuer anzünden. Es wird immer kälter hier drin. Aber ich hab kein Holz gehackt. Also muss ich ohne auskommen.

 Johnny könnte mir behilflich sein, aber er denkt nicht einmal dran. Bald schon werde ich mich nicht mehr um derlei Unsinn kümmern müssen. Ein tröstlicher Gedanke.  

 

 Ich muss an Dr. Steven Rivers denken, den ich kurz nach Johnnys tragischem Unfall auf der alten Kellertreppe im Bestattungsinstitut kennenlernte.

 Dr. Steven mit den lieben, klugen Augen, der mir die Tränen so fachkundig trocknete wie nur ein wahrhaftiger Gentleman es kann. Und die sich himmelhoch türmenden Rechnungen für das Haus, das ich vor der Hochzeit hatte umbauen lassen, die Beerdigung und was weiß ich sonst noch bezahlte er auch. Was hätte ich ohne den guten Doktor nur getan.

 Eine Frau wie ich war einfach nicht dazu geschaffen allein zu schlafen, nicht eine einzige Nacht. Nach guten drei Monaten war ich Mrs. Steven Rivers und das blieb ich immerhin für ein halbes Jahr.

 

 Bis der Doktor eines Nachts über seinen Aufzeichnungen einnickte und nicht mehr aufwachte. Vorher hat er mir allerdings noch eine ganze Menge über Spiritismus beigebracht.   Der Doktor war ein begeisterter Anhänger von allerlei Grenzwissenschaften, vor allem von der Faszination, Totes ins Leben zurückzubringen war er regelrecht besessen.

 Oh die Nächte, in denen wir zusammen studierten bis zum Morgengrauen, der Doktor in seinem Lehnsessel und ich stand immer dahinter, die Hand auf seiner Schulter.

Ich lernte sehr schnell. Und mehr und mehr gerieten wir in Streit darüber, wie weit solche Experimente gehen durften. Er beschwor mich immer, der Himmel müsse die Grenze sein. Ich hab das nie so gesehen. Wozu sind Grenzen gut, wenn nicht zum Übertreten.

 Die Leute nahmen mir Dr. Stevens Tod natürlich übel, aber es bedeutete nichts. War das etwa meine Schuld. Die bedeuteten mir nie etwas. Sie verstanden nicht, und bis heute ist das so geblieben. Ich glaube, sie fürchten sich vor mir. 

 

 Ich denke immer noch an Dr. Steven, als ich mich mühsam die Treppen hoch schleppe. Es wird Zeit, sich zum Abendessen umzuziehen.

 Auch wenn ich allein lebe, besteht keinerlei Grund, sich gehenzulassen. Ich habe trotz meines Alters und aller damit verbundenen Gebrechen noch immer die gleiche Kleidergröße wie früher. Und die passenden Kleider dazu hab ich auch noch.

 Für diese Nacht wähle ich das Grüne aus, ich will ein letztes Mal das ewige Schwarz ablegen.

 So oder so liegt die Zukunft im Dunkeln und ich bin mir sicher, wenn alles vorbei ist, wird sich das Geschehen auch nicht bunter und fröhlicher gestalten als es im Innern einer Grabkammer gemeinhin so üblich ist.

 Sie werden mir das Kinn hochbinden und die Füße zusammen, wie es Brauch ist in der alten Heimat Irland, das machen sie, damit die Toten nicht umgehen und die Lebenden beschwätzen. Ich bezweifle allerdings, dass ich so etwas tun würde, denn das hab ich nicht einmal zu Lebzeiten und es besteht kein Grund, im Tode damit anzufangen.

 

 Als ich gerade die passenden grünen Satinschuhe zum Kleid über meine geschwollenen Füße gequält habe, streift mein Blick im halbblinden Frisierspiegel eine Gestalt.

 Sie steht da mit ein paar grünen Bändern in der Hand und halbaufgelösten Haaren, die noch immer Nachtschwarz sind wie in meiner prachtvollen Jugend. Keiner soll behaupten, die Witwe Lanna wäre neuerdings zu nachlässig, sich die Haare zu färben.

 Das Kleid geht in Ordnung, vielleicht etwas locker um die Brust, aber was solls. Die Haare sind auch noch voll und lockig und müssen nur noch aufgedreht werden.

 

 Aber oh, das Gesicht. Ich hasse diese tiefen Furchen und Gräben. Aber ich habs immer abgelehnt, an mir rumschnippeln zu lassen. Es ist entwürdigend. Männer tun so was nicht, warum also sollte eine stolze Frau das nötig haben, die es immer mit allem aufgenommen hat. Ich tu das nicht.

 Ich trete näher an das Glas und schaudere. Vielleicht brächte es mir den ein oder anderen jungen Liebhaber ins Bett zurück, wenn ichs täte.

 Ich muss lachen, trotz meiner Schmerzen im Bauch, die auflodern wie Feuer. Ich trinke noch etwas. Dann beginne ich mit den Haaren.

 Zeit tut Not, schließlich muss ich auch noch kochen und servieren. Ich glaube Maria, die dreimal die Woche kommt, hat nichts vorbereitet, das säumige Luder. Fühlt sich in letzter Zeit nicht, komisch, bevor sie bei mir anfing, war sie das Leben selbst.

 

 Als ich noch darüber nachdenke und dabei meine knotigen Hände beobachte, das stetige Auf und Ab der Bürste, und meine Gedanken gerade zu Reinhardt Lane abschweifen wollen, Dr. Stevens baldigem Nachfolger, der auch dieses grüne Kleid für mich gekauft hat, die Schuhe, Bänder und alles was sonst noch dazugehört, sehe ich etwas hinter mir im Spiegel.

 Reinhardt, der sich so gut mit Bankgeschäften auskannte. Und mich alsbald in die wundersame Vermehrung von Fremdkapital zu unseren Gunsten einweihte. Endlich konnte ich das Kellerverlies ausbauen. Es war eine schöne Zeit. Reinhardt, bist du das? Wie stehen die Bilanzen. Ich muss lächeln.

 

 Es kommt keine Antwort, aber da ist ein neuer Schatten, der vor dem breiten Doppelbett mit den Vorhängen steht. Sich drohend über mich an meiner kleinen Frisierkommode neigt. Und mit langen Fingern nach mir greift.

 Ich winke das ab. Mein Herz krampft sich in der Brust zusammen. Es wird eine Zusammenkunft geben. Lasst mich nur zuvor irgendetwas zu mir nehmen. Die Schmerzen werden geradezu grotesk. Ich möchte gewappnet sein und in etwas besserer Verfassung.

 Schwankend stehe ich auf und hangele mich an der Kommode und den langen Samtdraperien, die die Wände dieses Zimmers bedecken entlang bis zur Tür zum oberen Korridor. Die Schatten zischen boshaft, aber sie weichen in die Ecken zurück. Diesmal noch werden sie warten.

 

 Ich trete hinaus auf den Gang und schaue schon wieder in den Spiegel, den mannshohen Kristallspiegel, den Viktor Kronfeldt da auf mein Geheiß hat anbringen lassen.

 Lannas Eitelkeit war ihm immer willkommener Grund zum Spott. Viktor konnte nicht verstehen, dass ich dieses Zimmer niemals anders als perfekt verlassen wollte, wenn wir ausgingen. Aber seine Blicke hab ich gespürt, wie sie Lanna folgten, wohin sie auch ging. Und genau registrierten, wer ihr hinterher schaute.

 Einen oder zwei dieser armen Burschen, die zu lang irgendwo hingesehen haben, wo sies besser nicht getan hätten, fand man ein paar Tage später mit ausgestochenen Augen in irgendeiner Gosse. Und ich schwöre, dabei hatte ich keine Hand im Spiel.

 Die Leute starrten mich trotzdem wieder so an, mit diesen Blicken. Und ich hörte sie flüstern über mich, böse Worte, ungesagte Worte. Anklagen. Von diesem Zeitpunkt an sprach niemand mehr ein Wort mit den Kronfeldts.

 

 Den Namen hab ich trotzdem behalten, egal, wen ich danach noch alles geheiratet habe.   Viktor war wenn schon nicht der beste Mann, so doch der stärkste von allen. Er schenkte mir seine prachtvolle Wildheit. Er lehrte mich zu kämpfen und vor nichts zurückzuschrecken. Und das tat ich dann auch.

 Ich sehe mich von oben bis unten in diesem Spiegel, vielleicht ist es heute Nacht das letzte Mal. Das bodenlange grüne Kleid und mein bleiches Gesicht. Grün ist die Farbe der Hexerei, sagt man. Hinter mir im Zimmer strudeln die Schatten und einer davon scheint an meinem Arm zu zerren. Ist gut, Viktor. Ich komm ja schon.

 

 Ich gehe am Spiegel vorbei und betätige die Lichtanlage im oberen Korridor, die das ganze Haus mit sanftem, hintergründigem Licht aus Nischen, Kandelabern und hinter Vorhängen heraus versorgt. Das war auch Viktors Erfindung, ein ausgeklügeltes System. Viktor hasste helles Licht und ich tus heute auch. Es wird summend und zischelnd erst dämmrig, dann heller.

 Ich gehe den Gang entlang, mein Kleid flüstert raschelnd hinter mir her oder sind es die Schatten, die mir im Augenwinkel folgen. Als ich auf die Treppe zugehe, passiere ich erneut ein paar Spiegel. Es machte immer eine Menge Arbeit, diese ganzen vielen Spiegel zuzuhängen, wenn mir wieder einmal ein Mann gestorben war.

 Irgendwann hab ich mir schöne Überzüge extra dafür anfertigen lassen, aus dunkelgoldenem Brokat, passend für jeden der dreiunddreißig großen Spiegel im Haus. Dreiunddreißig. Genau so alt war Lanna, als ich ihr lebensgroßes Portrait anfertigen ließ, das mich nun lauernd vom Ende der Treppenflucht aus beobachtet. Und da steht sie nun, für immer eingefroren in ihrer stolzen Pose.

 

 Ich beginne die Stufen hinabzugehen und mein geschundener Körper wehrt sich bei jedem Schritt, aber ich registriere das nur am Rande.

 Lanna starrt mich spöttisch an von ihrem Treppenabsatz aus und natürlich trägt sie ihr grünes Kleid und die Haare aufgesteckt. Sie hebt stolz ihr Kinn und lächelt. Wir verstehen uns.

 Kronfeldts mächtige Standuhr unten in der Halle schlägt mit ihrem schönen dunklen Klang zehn Uhr. Es ist bald soweit. 

 Immer wenn ich diese verdammte Uhr höre, muss ich innehalten und an Viktor denken, an sie alle denken. Wie paralysiert stehe ich dann mitten im Raum oder eben auf den Stufen, völlig bewegungslos, unfähig irgendetwas zu tun.

 Ich bin sicher, auch unten im Kellergewölbe kann man diesen Klang gut hören.  Ich wollte sie immer anhalten, die alte Uhr. Aber ich konnte es nicht. 

 

 Der letzte Schlag verklingt und wie immer scheint eine Art Gewicht von meinen Schultern zu weichen, das Ganze hat mich stets an die Maske des roten Todes von Poe erinnert. Und jeder weiß, wie diese Geschichte ausging.

 Ich schleppe mich durch die Halle und an der Kellertür vorbei in Richtung Küche und registriere mit Erstaunen, wie warm es auf einmal hier unten ist.

 Im großen Kamin brennt ein freundliches Feuer und aus der Richtung meines seit vielen Jahren unbenutzten Speisezimmers sehe ich flackerndes Licht.

 Es gibt keinen elektrischen Strom da drin, denn ich pflegte immer bei Kerzenlicht zu dinieren, also wurde das Zimmer auch nie an die Anlage angeschlossen. Ich wusste nicht mal, dass die alten Leuchter noch da sind. Und ich frage mich, wer sie heute Nacht für mich angezündet hat.

 

 Als ich auf den Lichtschein zugehe, bemerke ich auf einmal, dass ich nicht länger hinke. Ich richte mich aus meiner vornüber gebückten Haltung auf. Die Magenschmerzen sind weg, genau wie das Zerren in meinen Gelenken.

 Ich starre auf meine verkrümmten, knotigen Hände und strecke vorsichtig die Finger. Keine Schmerzen. Meine Finger sind wieder lang und schlank wie früher. Ich meine noch vereinzelte Altersflecken auf den Handrücken ausmachen zu können, aber sie weichen zurück.

 Mit ein paar schnellen Schritten durchquere ich die Halle und stehe vor dem Silberspiegel gegenüber dem Eingang. Mein Herz hämmert, als ich hineinsehe.

 

 Ich kann Lanna lachen hören, sie wirft ihr schwarzes Haar zurück und lacht mir wie der Teufel aus dem Spiegel entgegen und ihre dunklen Augen blitzen vor Vergnügen.

 Ich berühre mein Gesicht. Die Furchen sind weg und die Krähenfüße um die Augen auch. Und meine Brust unter dem straffen grünen Mieder hebt sich wieder genauso anmutig wie auf dem alten Portrait an der Treppe.

 Ich werfe kurz einen Blick zurück, aber vielleicht ist das Licht in der Halle trotz des gewaltigen Feuers zu düster. Ich kann Lanna nicht mehr in ihrem Rahmen ausmachen.

 

 Als ich mich schließlich umdrehe und auf die Speisezimmertür zugehe, höre ich leise Musik. Zuerst denke ich, es ist der Nachtwind, der ums Haus heult, aber ich kann eine kleine Melodie ausmachen. Ich erkenne sie auf Anhieb, auch wenn es lange her ist, dass ich sie zum letzten Mal gehört hab.

 Charles, der auf Viktor folgte, als dieser eines Nachts unter schrecklichen Krämpfen an einer Fischvergiftung gestorben war, hat immer Klavier gespielt für mich, und manchmal oben im Schlafzimmer auf seiner alten Geige.

 Beides hab ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, ich dachte, seine Instrumente wären im Kellerverlies verrottet genau wie er selbst. Vorher nahm ich noch sein Talent, seine wundervolle musische Begabung. Ich hab sie immer geliebt, die Musik. Wie konnte ich sie über die Jahre nur so vollständig vergessen. Aber nun höre ich sie. Sie scheint von überall her zu kommen. Und sie wird lauter. Die Uhr schlägt Elf.

 

 Ich trete ins Zimmer und sehe den alten Eichentisch nicht nur blitzblank geputzt und geölt, sondern gedeckt wie für ein festliches Bankett. Der ganze Raum ist herausgeputzt wie früher nicht mal an den hohen Feiertagen, weder an christlichen, denen die meisten meiner Männer anhingen, noch an den anderen. Meine Religion ist nicht wie die ihre.  

 Im Kamin lodert auch hier ein Feuer und die alten Leuchter strahlen im warmen Glanz echter Bienenwachskerzen. Das kann man deutlich riechen, genau wie das Räucherwerk, das Richard früher immer angezündet hatte. An der Schmalseite des Raumes ist ein gewaltiges Buffet aufgebaut.

 Das Zimmer ist allerdings vollkommen leer, wie nicht anders zu erwarten. Mein alter Platz am Kopfende des Tisches ist bereit, der Stuhl mit der hohen Lehne zurückgezogen. Ich gehe darauf zu. Setze mich. Und wie von Zauberhand schiebt sich der Sitz währenddessen an seinen Platz. Ich rieche ein wohl vertrautes Eau de Toilette. Das ist Daniels Lieblingsduft gewesen, ich bin ganz sicher.

 

 Daniel, den ich mehr oder weniger von der Straße aufgelesen habe, wie Richard damals mich. Er war mein Lehrling, der dann schließlich dann mein letzter Gefährte wurde. Daniel schenkte mir etwas, das allen seinen Vorgängern trotz ihrer vielen vortrefflichen Talente fremd war. Daniel blieb bei mir nur um der Liebe willen. Und verlangte nichts dafür.  

 Er blieb ein gutes Jahr, bevor er unglücklicherweise von einem Auto überfahren wurde. Das war in der Zeit, als ich immer schlechter begann zu sehen. Und so eine schwere Limousine wie ich sie damals besaß hat einen großen Wendekreis.

 Ich spüre eine leichte Veränderung in der Luft, als ob etwas hinter mir materialisieren wollte und drehe mich langsam um. Aber natürlich ist niemand da. Noch nicht.

 Es sind sieben Gedecke aufgelegt. Ich zähle kurz durch. Richard, Johnny, Steven, Reinhardt, Viktor, Charles. Und Daniel. Alle sind geladen. Die Uhr schlägt halb zwölf.

 

 Mein Teller füllt sich ganz von allein. Es riecht verführerisch, aber ich habe urplötzlich keinen Appetit mehr. Zum Glück füllt sich mein Glas auf demselben Weg.

 Die Musik wird lauter, aber ich sehe noch immer wie bezaubert meine Hände an. Die kräftigen Handgelenke, die schlanken langen Finger, die gepflegten Nägel. Ich trage sogar wieder meinen Ehering aus schwerem dunklen Gold. Den hab ich für sie alle getragen. Und mit Daniel für immer vom Licht der Welt getrennt, wie ich dachte. Aber hier ist er wieder. Er schimmert wertvoll im Kerzenlicht. Und als ich aufsehe von diesem fast schon hypnotischen Glimmern, sehe ich ihm direkt in die Augen.

 Daniel sitzt mir gegenüber, in tadelloser Abendkleidung. Er trägt den Smoking, den ich für ihn habe machen lassen. Spielt lächelnd mit seiner Serviette, eine blonde Haarsträhne fällt ihm in die Stirn. Und dann reicht er mir die Hände. Die alte Uhr schlägt Mitternacht.

 

 Ich kann sein heißes Fleisch fühlen, als er mich mit einer eleganten Bewegung hochzieht von meinem Stuhl, oder mein eigenes ist allzu kalt geworden. Ich weiß es nicht.

 Daniel führt mich auf die Tanzfläche, die sich auf einmal in der Halle befindet, direkt vor dem riesigen offenen Kamin. Es ist heiß im Raum.

 Charlie steht im Frack vor dem Feuer und spielt, eine schwarze Silhouette nur, aber ich kann erkennen, dass er das ist, mein Teufelsgeiger, und er spielt heute Nacht ein letztes Mal für mich.

 Ich winke ihm zu und er verbeugt sich galant, ohne sein Spiel zu unterbrechen. Seine Augen glühen rot im Halbdunkel, oder ist das der Widerschein der Flammen.

 Aus irgendeinem Grunde steht die Kellertür weit offen. Von dort unten her scheint sich eine Art dicker, weißer Bodennebel auszubreiten, ich kann meine Füße nicht sehen, wie ich dahinwirbele, der Nebel hat eine gewisse dicke Konsistenz. Lähmend und trotzdem treibend, weiter, immer weiter. Es riecht seltsam hier, süß und abgestanden. Nach alten Kleidern, Herbstlaub und ungeträumten Träumen. Aber es ist nicht unangenehm.

 

 Ich sehe im Augenwinkel, dass Johnny und Richard in zwei Sesseln am Rand der Fläche Platz genommen haben, Reinhardt kommt soeben mit einem Tablett voll Brandies von der Bar und setzt sich dazu. Als ich sie bei der nächsten Drehung erneut im Blick habe, stehen alle drei auf und neigen die Köpfe in meine Richtung.

 Rich trägt sein blausamtenes Dinnerjackett und raucht Zigarre, ganz Hausherr und Gediegenheit, die er immer zu geben pflegte. Reinhardt hat einen eleganten dreiteiligen Anzug an, sein Monokel blitzt im Kerzenschein. Und Johnny sieht irgendwie sehr blass aus. Aber das tat er schon immer, heute Nacht erinnert er an feinstes Porzellan, durchscheinend und schimmernd.

 Auch Dr. Steven ist gekommen, er lehnt lässig an Kronfeldts Uhr und beobachtet das Geschehen, ein Champagnerglas in der Hand, sein dunkles Cape noch über dem Arm.

 Und soeben sehe ich Kronfeldt an der Garderobe seinen Mantel ablegen. Ich hab auch gesehen, wie er durch die Tür kam. Er trat einfach durch sie hindurch, ohne sie auch nur zu öffnen. Und das scheint ihn irgendwie zu erheitern.

 Er lächelt mich blitzend an, als er näher tritt um mich zu begrüßen. Guten Abend, Viktor. Sie sind alle gekommen. Und sie kamen wegen mir.

 

 Mein Herz schlägt wie ein Presslufthammer, das enge Mieder nimmt mir den Atem, aber der Tanz geht immer weiter. Mir ist schwindelig, aber es ist so gut. Es ist schön, von allen geliebt zu werden.

 Daniel tritt zurück und im nächsten Moment drehe ich mich mit Viktor im Kreis, dann mit Reinhardt, mit dem schönen Johnny, schließlich mit dem Doktor, schneller und schneller, bis alle an der Reihe waren. Nur Richard nicht, denn der konnte noch nie tanzen. Aber er steht lächelnd am Rand und hält eine Art Zeremonienstab in der Hand. Ich kann mich erinnern an dieses Ding, aber ich weiß nicht mehr in welchem Zusammenhang.

 Die Musik schwillt an, ich kann sehen, wie die Herren in ihren Sesseln mir zuprosten, ich tanze und tanze, manchmal sehe ich den Mond, der durch die schwarzsamtenen Vorhänge blitzt vorbeihuschen, eine Art roter Schleier scheint darüberzuliegen. Am frühen Abend sah er aus wie ein blanker Taler, jetzt gleicht er einem blutigen Ball.

 

 Alles wird immer seltsamer, ich scheine zu schrumpfen, eben reichte ich meinem Tanzpartner noch bis über die Schultern, nun muss er sich förmlich niederbeugen mir ins Gesicht zu sehen. Aber er lächelt fröhlich, alle lächeln sie. Was ist passiert, frage ich mich.

 Als ich zufällig in einen der vielen Spiegel, die in der Halle angebracht sind sehe, bekomme ich eine Ahnung davon. Ich werde immer jünger. Und zwar mehr als ich mir je erträumt habe, denn was ich sehe, ist ein Kind, das in den Armen eines Mannes herumwirbelt, es hat ein viel zu großes grünes Kleid an und tritt auf die Säume beim Tanzen.

 Das kleine Mädchen ist ungefähr zehn Jahre alt und ihr schwarzes Haar geht ihr bis zu den Knien. Die warme Luft scheint zu flüstern. Der pulsierende Nebel zieht sich langsam zurück. Die Musik wird leiser, eine verträumte Melodie, verstummt schließlich ganz. Der Tanz ist vorbei.

 

 Man setzt mich in der Mitte der Halle ab und Richard steht auf vor mir, groß wie ein Felsen, den seltsamen Stab hoch über den Kopf gehoben, die anderen bilden einen Kreis.

 Sieben Seelen, sieben Tode, sieben begraben, sieben erwacht. Ich werde immer kleiner, kauere mich nieder in diese Massen von grüner Seide. Mein schwerer goldener Ring rutscht mir vom Finger, ich umklammere ihn mit der linken Hand, so lange ich kann. Er wird heiß, ich muss ihn fallen lassen. Richard hebt ihn auf.

 Sieben Leben, fährt er fort, sieben Lieben, siebenmal Schmerzen und siebenmal Blut, wir kommen zu nehmen, was uns gehört. Die Uhr schlägt eins.

 Ein schneidender Wind weht urplötzlich durch die Halle, alle Türen fliegen auf, Herbstlaub wirbelt herein, Regen durchnässt mein Kleid. Die Lichter flackern und verlöschen, das große Feuer lodert noch einmal auf und geht aus. Die Uhr schlägt Eins.

 Ich liege nackt und allein auf dem kalten grauen Steinboden, alle Teppiche und Möbel und das ganze Drum und dran sind weg. Ich höre das alte Haus ächzen, vielleicht stürzt es nun über mir zusammen. Soll das das Ende sein. Kommen sie mich jetzt holen.

 

 Ich höre Lachen, aber es ist nur in meinem Kopf. Wird schwächer, als ob ein Funksignal langsam verlöscht. Ich fühle all meine Kräfte aus mir heraus fließen, ein Strom von Krankheit, Wut, Schmerzen, Fäulnis, Eiter und schließlich rotem, rotem Blut. Richard, was soll das. Tu mir das nicht an! Seine Stimme wird immer leiser, ich kann sie kaum noch verstehen. Fange also noch einmal an, Alannah. Geh durch diese Tür. Und alles möge dir vergeben sein.

 Ich stehe langsam auf und gehe zur Tür. Trete hinaus in den kalten Wind. Und kaum, dass ich über die Schwelle getreten bin, erzittert das alte Gebäude bis in die Grundfesten und seine Mauern stürzen krachend in sich zusammen.

 

 Es ist heller Tag. Ich stehe mitten auf der alten Straße in der ich fast mein ganzes Leben zugebracht habe. Ich bin nackt bis auf einen schmutzigen Kittel, mein langes schwarzes Haar weht im Wind. Es ist ein schöner warmer Tag. Ich bin zehn Jahre alt.

 Ein älterer Mann mit einem Stab in der Hand kommt die Straße entlang und bleibt vor mir stehen. Er hat gütige Augen. Und er sieht sehr müde aus.

 Ich lege meine Hand vertrauensvoll in seine und wir gehen zusammen die Straße hinab. Ich drehe mich ein letztes Mal um und sehe einen kleinen Park mit Rosenhecken und einem steinernen Grabmal.

 Was ist das, Vater. Dort liegt eine Hexe begraben, Lanna. Alte Geschichte. Ich nicke. Geweihter Boden. Wir können eines Tages hingehen und Blumen auf ihr Grab legen, meinst du nicht. 

 Wir wenden uns zum Gehen und ich denke nicht mehr an das alte Haus der Kronfeldts, das an dieser Stelle all die vielen Jahre seine Türmchen und Erker in die Luft gestreckt hat. Ich habe es genaugenommen schon an der Straßenecke völlig vergessen.

 Weil es niemals da war.

 

 

Mertens 2010