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Die schwarze Natter und das Geheimnis des räudigen Hundes

 

Ein schwäbisch-hessischer Spaghettiwestern 

von Christina Mertens unter kreativer Mithilfe von Dr. Haas

 

Ort der Handlung:

 

Ein so gottverlassenes Nest mitten im Nirgendwo, dass es nicht einmal einen Namen hat.

Aber einen Kreuzweg, eine Kneipe, eine Einkaufsstraße und ein Eisenbahngleis.

 

Die Charaktere:

 

Die schwarze Natter alias Dr. Haas, designierter Indianerhäuptlingsanwärter im Exil, Grund: wiederholte Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz.  

Zweiter Berufsweg und letzter Ausweg: Landarzt. Mit der Lizenz zum Pillendrehen.

 

Der räudige John, Gesetzloser und Revolverheld, alias Rüdiger Hund, Kfz- Mechaniker. Seine Herkunft (Dreileichenstein im hessischen Hinterland) sowie seinen wahren Namen hält er seit der Grundschule lieber geheim. Er kann mehr Kugeln fangen als jeder andere lebende Mensch (30 Stück), jedoch liegt ein Fluch auf ihm: er muss sie in regelmäßigen Abständen immer wieder loswerden, damit die magische Zahl nicht erreicht wird. Deswegen ist er durchlöchert wie ein Teesieb, was ihm einen Aushilfsjob als Sprinkleranlage im Saloon der coolen Kitty einbrachte.

 

Die coole Kitty, Wirtin des heruntergekommenen, aber einzigen Gasthauses am Platz „Zum räudigen Köter“, alias Bandida Pendecha, Pistolera und Betrügerin alias Fräulein Hühnerbein, Sprechstundenaushilfe bei Dr. Haas.

Heimlich und gleichzeitig verliebt in jeweils die schwarze Natter und den ahnungslosen Dr. Haas.

 

Der Henker, gleichzeitig Barbier, Bestattungsunternehmer und Pfandleiher am Platz.

 

Die blaue- Bohnen- Bande: bestehend aus Eisenfresser- Elli, Schubkarren- Sue und ihrer Anführerin, der blaue- Bohnen- Betty, Saloonhuren und Thekenkräfte im „räudigen Köter“.

Spezialitäten: Neppen am Tresen (Elli), Schleppen (Sue) und Bauernfangen beim Pokerspiel (Betty). Zuvor als Bankräubertrio berühmt und berüchtigt, aus Mangel an Banken im Nirgendwo am Tresen gelandet.

 

Der dreckige Jimmy, bester Freund und Waffenbruder (an der einzigen aufzutreibenden Waffe) vom räudigen John. Führt stets seinen alten Esel Schweinehund mit sich und hüllt sich dabei in Schweigen, weil er lispelt, was ihm peinlich ist.

 

Der durstige Ringo, Hausgespenst des „räudigen Köters“ und Schrecken jeder Pokerrunde.

Soff sich dereinst im „Köter“ zu Tode und spukt nun dort allabendlich. Lebt in der Wanduhr und kommt immer pünktlich um 0.00 heraus, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Wer auch nur ein Wort mit ihm spricht, muss ihn untern Tisch saufen, um den Bann zu brechen. Was ziemlich schwierig ist bei einem Geist. Verpasste dem räudigen John vor dreizehneinhalb Jahren die ersten Löcher sowie den Fluch.

 

Der rallige Django, Playboy und Cousin von Ringo, allerdings noch am Leben, wenn auch vielleicht nicht mehr lange, denn sowie die Natter, als auch Gringo-Johnny, Lumpen-Jimmy (nicht mit dem dreckigen Jimmy verwechseln) und deren Kumpels Komantschen- Karlo, Fummel- Frankie und der schielende Steve sind hinter ihm her,  

weil er jedem von ihnen schon mal die Frau ausgespannt hat.

 

Die entsprechenden Damen (Pressluft- Priscilla, Wasserstoff- Wilma, sowie die komplette Blaue- Bohnen- Bande) haben es ebenfalls auf Django abgesehen.

Weil er sie alle sofort wieder sitzen ließ und nach Mexiko abgehauen ist.

Man hat ihn schon so lange nicht mehr gesehen, dass seine Existenz mittlerweile angezweifelt wird. Es vermisst ihn auch niemand besonders.

 

Pianist „Shaker Charlie“ Panzer, kloppt jede Nacht im „räudigen Köter“ das Piano, und zwar so laut, dass er darüber stocktaub wurde und die Kundschaft ebenso.

Kitty jedoch ist froh, dass sie ihn hat, denn die Jukebox ist seit 15 Jahren kaputt, niemand repariert sie, und selbst wenn: Pianist Panzer ist billiger und kann ebenso viele schmutzige Lieder. Oder sogar mehr.

Einziger Freund vom durstigen Ringo: weil er ihn nicht hören kann, trifft ihn nämlich dessen Fluch nicht. Und selbst wenn, es wäre ihm auch egal.

 

Oma Fusel, Betreiberin des einzigen Lebensmittelgeschäftes an der Hauptstraße. Ihr Laden wurde so oft ausgeraubt, dass sie inmitten der leeren, verstaubten Regale in den Sitzstreik ging. Die Räuber brachten aus Mitleid alle Sachen wieder zurück. Leider manchmal nicht die Gleichen, die sie genommen hatten, sondern hauptsächlich schwarz gebrannten Whiskey der Marke „Inferno“.

Das brachte der guten Oma das Saufen bei und ihren Namen ein.

 

Sheriff Locke, bekennender Transvestit und Gesetzeshüter mit eisernem Lockenstab und stets auf Hochglanz poliertem Stern. Betreibt im Gefängnis der Polizeistation heimlich einen Saunaklub für Männer, weil sowieso niemals ein Verbrecher gefasst wird.

 

Die mexikanischen Hilfssheriffs Denyo, Amigo und Conchita Gracias verbringen ihren Dienst damit, „Gesucht“ - Plakate zu malen. Leider sehen sich die Verbrecher niemals darauf ähnlich, und die Namen stimmen auch nicht.

Das versetzte besonders den räudigen John schon in so große Wut, dass er die Polizeistation in Schutt und Asche legte.

Nun operiert man von der direkt daneben liegenden Garage des bankrotten jüdischen Rübenfarmers Remo Schnitzl aus.

 

Des weiteren spielen ein paar kleine, pelzige Gesellen mit dem putzigen Namen „Hohlblockertierchen“ eine wichtige Rolle.

Und ein sprechender magischer Busch.

 

Und natürlich unser Erzähler, der pensionierte Indianerchief Aua Zahnweh, dessen persönliches Geheimnis hier noch nicht gelüftet wird.

 

Erster Teil

 

Erstes Kapitel: Die heilige Hooka

 

Vor langer Zeit begab es sich an einem fernen Ort namens Dreileichenstein im hessischen Hinterland, dass der einsame, aber gut gewachsene Kfz- Mechaniker Rüdiger Hund den Auftrag bekam, den 67- er Bentley einer ortsansässigen Halbweltgröße neu auszuwuchten und auch gleich Öl und Reifen zu wechseln.

Als er unter dem Wagen lag, entdeckte er ein seltsames Päckchen, das zwischen Radlager und Karosserie steckte. Er schnüffelte kurz daran und befand es als Marihuana bester Qualität.

Gerade, als er sich eine ordentliche Portion für den Eigengebrauch abzweigen wollte, stolperte sein Kollege Olli Katz über Rüdigers unter dem Wagen hervorschauende Beine und verbrühte sich an seinem mitgeführten heißen Kaffee.  

Auf Rüdigers freundliches „Kannse net uffbasse, Debbscheff“ hin ballte Olli die Fäuste und zerrte unseren Helden unter dem Fahrzeug hervor.

Im Zuge der darauf folgenden Schubserei biss Rüdiger seinem Kontrahenten ins Bein, woraufhin dieser ihm eins mit dem 15- er Schraubenschlüssel überzog.

Die letzten Worte des Meisters („Katz und Hund, raus aus meiner Werggstatt!“) und das Hohngelächter der Kollegen im Ohr ging Rüdiger - sein Brecheisen in der einen, den Beutel noch immer in der anderen Hand und öl- und blutverschmiert, wie er gerade war- zu Boden und verlor das Bewusstsein. Als er erwachte, fand er sich in einer völlig fremden Umgebung wieder:

 

Rüdiger saß mitten auf einem Kreuzweg im Nirgendwo, in alle vier Himmelsrichtungen führten verstaubte Straßen durch eine endlose Steppe ohne jegliche Vegetation, außer kleinen, rollenden Dornenbüschen, auch Staubteufel genannt. Die Sonne brannte von einem wolkenlosen Himmel und in der Ferne heulte ein Kojote. Er hatte Kopfschmerzen.

Er sah an sich herunter und bemerkte, dass er nicht länger seinen Blaumann trug, sondern in einem langen, dreckigen Ledermantel, zerrissenen, ebenso dreckigen Hosen und uralten Cowboystiefeln steckte. Er trug einen Hut.

Ein komischer Geruch lag in der staubigen Luft, nach kurzem Schnüffeln registrierte er, dass er das war, der so stank. Und es juckte ihn erbärmlich am ganzen Körper.

Als er sich kratzen wollte, bemerkte er, dass er mit der rechten Hand noch immer den Marihuanabeutel umklammert hielt. Das Brecheisen hatte sich eigentümlicherweise in ein Skateboard verwandelt, das er unter dem linken Arm trug.

Rüdiger musste lächeln, zuckte die Schultern, stellte das Skateboard ab und beschloss, auf den Schrecken erst einmal einen zu rauchen und dann weiter zu sehen.

Denn Rüdiger sah das Leben in der Regel locker.

Eins jedoch durchkreuzte seine Pläne aufs Unangenehmste: er hatte kein einziges Blättchen dabei!

 

 

Zeitgleich ( 13 Uhr mittags) ereignete sich in einer kleinen, altmodischen Arztpraxis im verschlafenen schwäbischen Örtchen Segglfingen folgendes:

 

Dr. Haas schloss mit einem resignierten Seufzen die quietschende Praxistür zur Mittagspause ab.

Er vergewisserte sich, dass seine mitunter etwas aufdringliche Sprechstundenhilfe Frl. Hühnerbein nach dem letzten Patienten die Praxis verlassen hatte, anschließend setzte er sich hinter seinen großen, unaufgeräumten Schreibtisch und ließ den Kopf in die Hände sinken.

Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass das anscheinend etwas unausgelastete Fräulein urplötzlich und noch dazu unbekleidet in seinen Mittagsschlaf geplatzt wäre.

Der Doktor war kein Kostverächter und hatte das Fräulein auch recht gern, in letzter Zeit fühlte er sich allerdings etwas blutarm und gestresst, besonders, wenn er sich unversehens in solchen verfänglichen Situationen wieder fand.

Sicherheitshalber nahm er sich zum dritten Mal an diesem Tag ein wenig Blut ab, eine Kopfschmerztablette ein und maß Fieber und Blutdruck.

 

Sein müder Blick streifte das gegenüber dem Tisch zwischen Skelett und Anatomietafel angebrachte lebensgroße Portrait des Indianerhäuptlings und großen Medizinmannes „Mächtiger Bulle“, welchen der gute Doktor seit Jahr und Tag verehrte.

Im Geheimen zählte er sich zu dessen Nachfahren, zumindest im Geiste, er zwirbelte sein schütteres, aber nichtsdestotrotz zu zwei langen Zöpfen geflochtenes Haar und klapperte dazu ein wenig mit den Zähnen.

Ihm war kalt, denn die Heizung war kaputt, und obendrein schwer ums Herz. Die Patienten wurden täglich weniger und die Behandlung bezahlen wollte oder konnte auch kaum jemand.

Der Doktor hatte den Bedürftigen gegenüber schon immer ein weiches Herz gehabt und schenkte freimütig auch noch die letzten selbst gedrehten Pillen her, was ihm obendrein den Hass der ortsansässigen Apothekerin eingebracht hatte. Und den der Krankenkasse auch. 

Dr. Haas war schlichtweg pleite.

 

Er griff daher wiederholt zu seiner Pillendrehmaschine, denn deren Gebrauch beruhigte ihn obendrein sehr. Er stellte folgende Arten von Pillen her:

Die Gelben wirkten gegen Schmerzen, die Blauen gegen Schmerzen und Zahnschmerzen. Dann gab es die Grün/ Orangefarbenen, welche er bei Depressionen verschrieb, sie halfen auch bei Verstopfung.

Die kleinen Schwarzen waren gegen Herzkrankheiten, die Violetten für den Wuchs von Haaren und Fingernägeln und die ganz normalen Weißen ein Placebo. Die wurden am meisten verlangt, da sie angeblich die Potenz stärkten. Er konnte es sich selbst nicht erklären.

Er fühlte sich noch immer schlecht, daher nahm er unverzüglich zwei von den Blauen, eine Gelbe, eine halbe Schwarze und zwei Placebos ein.

Zur Sicherheit injizierte er sich zwei Gramm Morphium.

Er seufzte tief, anschließend verstaute er sein Stethoskop ordentlich in der Tasche seines verschlissenen Arztkittels. Und wartete ab.

 

Im nächsten Moment riss es ihn nicht nur von den Füßen, sondern er fiel zudem äußerst unsanft auf den Hintern, weil sich sein bequemer Sessel aus irgendeinem Grund in Luft aufgelöst hatte.

Dr. Haas fluchte „Himmelherrgottsakramentkreizneignageltes!!!“ und erhob sich verdrossen.

Er rieb sich seine magere Kehrseite und dazu die Augen, denn er befand sich nicht mehr länger in seiner Praxis, sondern in einer Art Wildwestszenerie.

Er stand mitten an einem Kreuzweg, in alle vier Himmelsrichtungen führten staubige Wege ins Nirgendwo, die brennende Sonne stach ihm in die Augen, Dornenbüsche rollten umher und ein Kojote heulte in der Ferne, was nach einer Weile in ein trockenes Husten überging.

 

Der Doktor langte geistesabwesend in die Tasche, um ein paar Kodeinpillen gegen Heiserkeit anzubieten, dabei bemerkte er, dass er nicht länger seinen Kittel trug, sondern in einer Art Lederanzug steckte, der an allen Seiten geschnürt war. Um seinen Hals hingen Ketten aus Hirschzähnen, und in seinem Haar, welches durch wundersame Weise voll und schwarz geworden war und in zwei prächtigen langen Zöpfen auf seine Brust fiel, steckten jede Menge Federn.

In seiner Jackentasche befand sich ein seltsamer Gegenstand, er dachte an sein Stethoskop und wollte es hervorholen, um sich sicherheitshalber erst einmal abzuhören, aber weit gefehlt:

Seine Augen weiteten sich und er hörte ein Lachen, als er eine wunderschöne Pfeife hervorholte, die ebenfalls mit einer Menge Federn versehen war und in der Sonne grellrot leuchtete.

Er fiel unverzüglich auf die Knie und zurück in den Staub: „Oh mein Gott, es ist...die heilige Hooka!“

Er konnte es nicht glauben, dankte dem großen Geist sowie dem mächtigen Bullen für die Erfüllung seines täglichen Gebets. Und musste gleich darauf furchtbar niesen.

Dr. Haas war nämlich Allergiker und die vielen Federn zollten allmählich ihren Tribut.

 

Aber das war ihm egal, genau wie die unheimliche Gestalt, die sich in diesem Moment quer über die Kreuzung auf ihn zu bewegte. Wegen dem vielen aufgewirbelten Staub hatte er sie bislang einfach nicht bemerkt.

Der Fremde trug einen langen, schmutzigen Mantel, einen ebenso dreckigen Hut und unaussprechlich vergammelte Stiefel. Um seinen Kopf schwirrten ein paar Insekten und unter seinem linken Arm klemmte seltsamerweise ein Skateboard. Seine Hautfarbe war vor lauter Staub und Schmutz nicht richtig zu erkennen. Um seine gegen die Sonne zusammengekniffenen Augen waren etwas hellere Ringe, daraus war zu schließen, dass er ein Weißer war. Oder wenigstens ein bisschen.

Mit seiner Rechten kratzte sich der Mann zuerst an den Eiern, als er auf den Doktor zutrat, um sie ihm dann schließlich mit den Worten „Guude Alder, hasse man paar Pehbers?“

entgegenzustrecken.

Dr. Haas stand auf und schüttelte entsetzt den Kopf, während er noch versuchte, die ihm unbekannte Sprache des Fremden in seinen Heimatdialekt zu übersetzen. Aus lauter Verlegenheit und weil er die dreckige Hand des anderen nicht ergreifen wollte (Dr. Haas hatte eine extreme Bazillenphobie) schüttelte er ihm schließlich den Ellbogen und grüßte ihn mit den Worten:

„ Heilandsack, was bischn du für e komisches Bürschle? Jetz leck mi no am Arsch, wo kommschn du jetz hähr?“

 

Rüdiger kuckte verdutzt und antwortete „ Ei wenn isch des wüßt. Is mir auch wurscht. Isch brauch Pehbers, Alder! Sonst rauchts hier gleisch fürschderlisch!“ Der Fremde vergrub die Hände in den Hosentaschen und starrte den Doktor herausfordernd an.

Dieser antwortete: „ I hann au keine Pehbers, du Henneseggl! Was solln des fürn Scheißdreck sei? Un wie hoischn du überhaupt, du bleder Hund?“

Rüdiger holte tief Luft und setzte an „Rüdiger Hun... ähh...“, er räusperte sich schnell, lief rot an, rang um Fassung und ergänzte dann schnell und knochentrocken: „ John mein isch. Isch heiß John. Der räudige John!“. Der Kojote begann auf dieses Stichwort hin wieder mit seinem asthmatischen Geheul.

 

Dr. Haas musste schmunzeln und erwiderte: „So, räudiger Hund hoischd du. I bin der Doggder Ha....“, er zögerte. In einer solchen Situation schienen akademische Titel nicht besonders von Bedeutung. Und es war auf alle Fälle besser, inkognito zu bleiben. Am Wegesrand sah er eine geschäftige kleine Schlange ihrer Wege kriechen. Also sagte er munter: „ I bin die schwarze Natter. Un wo isch jetz des Problem?“

„Des Problem liescht dadedrin, des isch en Haufe zum Kiffe mithab, aber kaa Pehbers, Mann!

Wo kommst du dann her, du Simbel?“

„Aus meiner Praxis, du Seggl. I bin doch der Doggder! Bis vor e paar Minudde hab I noch mei Praxis keht. Mit ner hübsche Schbreschschdundehilfe, Batziende  un Giftschrank un allem Drum un Dran. Un jetz sitz i da auf so ner dumme Greuzung rum, überall flieget so komische Sträucher durchd Gehgend un i kenn mi überhaubt nemmer aus, Heilandsack nochemal!“

Der Doktor hüpfte vor Wut ein paar Mal auf und ab. Seinen Blutdruck hatte er darüber zum ersten Mal seit Jahren komplett vergessen. Er fühlte sich großartig! 

 

Der räudige John musste über diesen Ausbruch so lachen, dass er sein Skateboard fallen ließ und dem Doktor nur seinen wertvollen Beutel unter die Nase hielt: „ Hier, Alder, des mein isch. Rieschemal!“ „Ach du liebe Zeit, du bisch mer doch net son Haschbruder! Da hauts mir doch glei den Vogel naus!“

Der räudige John schnappte nach Luft: „De Voschel hauts dir rischdisch raus, wenn mer uns erstemal des Zeusch hier in de Kopp geklobbt habbe! Weisste was isch mein, du Pfeifereinischer! Un übberhaubt, du Nachtkäppsche, was guggt dir denn da aus de Jack raus , des sieht ja aus wie e Röhrsche , zeische mal was de da unner de Kutt hast..“

Der räudige John griff  beherzt unter des Doktors Lederwams und frohlockte: „Isch glaubs ja net des is doch ..a Rauchgerätsche und isch Debb frach disch noch nach Pehbers...  Mann, Mann Mann, Kerle naa!“ Er hielt die heilige Hooka triumphierend in die staubige Luft und schickte sich sogleich an, eine ansehnliche Portion Gras aus seinem Medizinbeutel hineinzustopfen.

 

Der Doktor stieß einen markerschütternden Schrei aus: „Gib sofort des Deng her! Da schdopfst du mir net son Scheiß nei!“ „Ei, warum dann net? Isch will endlisch ein kiffe!“ 

Der Doktor richtete sich zu seiner vollen Größe auf, entriss dem räudigen John die Pfeife und warf sich in die Brust: „Weil des die heilige Hooka isch! Heilandsack, was schwätz i da fürn Scheiß! Des isch mei heilige Pfeif! Da wird koi Dope drin graucht!“ „Wird es doch!“ „ Ha noi!“

„Hanoi is immer noch in Schina!“ „Korea!“ „Is mir scheißegal!“

Während des immer weiter eskalierenden Streits zerrten die Beiden an den Enden der bereits arg mitgenommenen Hooka, von der mittlerweile fast der ganze Federschmuck abgerissen worden war, es ging hin und her, bis die Sonne hinterm Horizont versunken war und die ersten Sterne über der Steppe hingen. Einige Wüstenbewohner, darunter mehrere Kojoten, ein Skorpion, der Wüstenfuchs und eine stattliche Anzahl Erdhörnchen hatten sich eingefunden, um zuzusehen.

 

Schließlich kam es, wie es kommen musste: die heilige Pfeife fiel zu Boden und zerbrach in zwei Teile. Der räudige John rief wütend aus: „Verfluchte Hooka!“ Die schwarze Natter jammerte gleichzeitig: „Verdammte Hooka!“. Beide starrten deprimiert auf die Bruchstücke. Die Wüstenfüchse mussten darüber furchtbar lachen und zwei Kojotenbrüder gaben sich fünf und schlugen sich auf die mageren Schenkel.

Die schwarze Natter fing unvermittelt an zu heulen und der räudige John holte seinen Colt hervor um den Kojoten gehörig eins auf den Pelz zu brennen, als ein gewaltiges Donnern alle Köpfe in Richtung eines der mittlerweile stehen gebliebenen rollenden Dornenbüsche lenkte:

 

Dieser brannte lichterloh und sonderte zugleich einen fürchterlichen Gestank ab, dazu vernahmen sie eine zeternde Stimme aus seinem Innern: „ Jetzt habt ihrs geschafft, ihr elenden Spinner! Ihr habt die heilige Hooka kaputtgemacht und damit den Zorn aller eurer Vorfahren auf euch gelenkt, zumindest von deinen, heulender Wurm!“

„I bin aber die schwarze Natter!“ wandte diese schüchtern ein und suchte verzweifelt nach einem Taschentuch. Er fand keines, also rotzte er diskret in den Sand.

„Halts Maul, ich bin der Geist des mächtigen Bullen und gebe euch folgende Aufgabe: Ihr müsst die verfluchte verdammte Hooka wieder in den Lieferzustand zurückversetzen. Und ich will keinen einzigen Kratzer sehen!“

Die schwarze Natter hörte auf zu heulen und der räudige John steckte seinen Colt weg. Die Kojoten zogen winselnd ihre Schwänze ein.

Die Stimme fuhr fort: „ Von nun an seid ihr Weggefährten. Man wird euch „Die sagenhaften Hookabrüder“ nennen und euer Name wird gefürchtet sein in allen vier Himmelsrichtungen.

Ruhm und Gold werden euer sein, wenn ihr euch nicht allzu blöd anstellt, und die schönsten Frauen werden euch zu Füßen liegen...“

„Escht jetz?“, unterbrach der räudige John. „ Ja, verfluchter Hookabruder“, donnerte die Stimme, „und wenn du mich noch mal unterbrichst, wird dich auf der Stelle der Blitz treffen.

So sucht euch nun eine Richtung aus und zieht eures Weges, Jungs. Welche ist egal. Ihr könnt auch das Skateboard benutzen, wenn ihr nicht laufen wollt. Und ich will keinen von euch weder sehen noch hören, bis die Hooka wieder heil ist. Ist das klar?“  Der Busch loderte ein letztes Mal drohend auf und zerfiel dann zu einem Häufchen Staub.

 

Der räudige John und die schwarze Natter sahen sich an, keiner traute sich was zu sagen, also nickten sie stumm. Jeder nahm eines der Bruchstücke der Hooka an sich, verwahrte es ordentlich, anschließend bestiegen sie das Skateboard, das sie zuvor noch aus dem Sand ausgraben mussten, denn es war Wind aufgekommen, erwiesen dem Geist des mächtigen Bullen ihre Reverenz und winkten den Kojoten zum Abschied.

Sie warfen Johns letzten Silberdollar, um eine Richtung festzulegen, hofften, dass der Westen auch wirklich da war, wo sie ihn vermuteten, denn beide hatten seinerzeit bei den Pfadfindern oft und gerne geschwänzt, und machten sich schließlich auf, um sich ins Abenteuer zu stürzen.

Und wie zumindest der räudige John hoffte, auch die ein oder andere Kneipe aufzutun. Er hatte nämlich einen fürchterlichen Durst, denn er hatte es nicht lassen können, heimlich eine Handvoll des geklauten Marihuanas aufzuessen.

 

 

Zweites Kapitel : Die Saloonlöwen

 

Nach vierzehn langen, beschwerlichen Tagen und wie es zumindest der schwarzen Natter - die sich immer schrecklich im Dunkeln fürchtete- erschien, mindestens doppelt so vielen Nächten tauchte am Horizont endlich ein Zeichen der Zivilisation auf.

Die Reise hatte die Hookabrüder auf eine erste schwere Probe gestellt. Nicht nur die Tour auf dem Skateboard, welches in der gänzlich unbetonierten Steppe ziemlich schwer gängig war, und das sie alle zehn Minuten aus den vielen Sandverwehungen wieder ausgraben mussten, hatte sie ziemlich geschwächt, auch Hunger und Durst zollten ihren Tribut.

Gottlob hatte die schwarze Natter in einem aufmerksamen Moment (oder war es diese Fata Morgana in Gestalt einer reizenden Bardame mitsamt Tresen davor gewesen, die seinen Blick dahin lenkte) einen kleinen Hain Peyotekakteen entdeckt, welchen sie nicht nur mit Johns Buschmesser komplett abholzten, sondern auch größtenteils sofort einnahmen.

Der räudige John hatte eigentlich keine Lust auf zusätzliche Schufterei, aber auf die ermutigenden Worte seines Weggefährten hin „ Schaffe jetz, des Zeig törnt, o mein dreggadder Bruder...“ machte er sich doch murrend an die Arbeit.

 

Mit einem guten Jahresvorrat Peyote in ihren improvisierten Satteltaschen machten sich die Hookabrüder frisch gestärkt und immer noch kauend wieder auf den Weg. 

Sie wählten die Richtung, in der die schwarze Natter die Vision der hübschen Bardame erblickt hatte. Der stets durstige räudige John hatte ausnahmsweise nichts dagegen einzuwenden, denn er kombinierte folgerichtig, dass wo sich solche Damen herumtrieben, auch die dazugehörige Tränke nicht mehr weit sein konnte.

Und tatsächlich, nach zirka einer halben Stunde Weg durch die laut dem räudigen John „Dreckische Pampa, dreckische, isch flipp noch aus hier, isch schwörs!“ tauchten allmählich ein paar seltsame Silhouetten am Horizont auf.

Die schwarze Natter sprach: „ Heilixblechle, jetz simmer do!“, woraufhin der räudige John seinen müden Blick hob und vom Skateboard stieg. „Fraacht sisch bloß wo, Alder...“, seufzte er und legte seine Hand als Sonnenschutz über die Augen, um besser sehen zu können.

 

Er konnte die Skyline einer Stadt erkennen und erwiderte: „Also, wenn misch net alles so verwirre däd, würd isch grad saache, des rechtz is Offebach und in de Mitt der Turm sieht aus wie de beklobbde Commerzbanktower,  isch kann misch aber aach täusche“.

Die schwarze Natter reckte den Kopf, nur um ihn sogleich wieder einzuziehen: „Un da sin so zwoi Türmle in der Midde, i glaub, des muss jetz no vorm 11. Sebtember soi!“

„Spinn net rum, Alder, des is bloß de Ginnemer Sparschel. Un du siehst dobbelt!“

Die schwarze Natter sah den räudigen John entsetzt an: „Soll i dir ma was sage, Räudi?“ „Was!“

„I han oifach nur noch Angscht.“  „Debbscheff, des kommt doch von dem Kacktus! Da muss mer doch immer nach kotze!“

Daraufhin stöhnte die schwarze Natter: „ Schtimmt. Mir is au scho ganz schlescht!“

Auf den verständnislosen Blick seines Kumpels hin ergänzte er schüchtern: „ Woisch was i moin?“

 

„Naa, du Schisser. Waaß ich net. Un jetz mach, das de beikimmst, mer habbe net de ganze Daach Zeit! Un nenn misch net Räudi, sonst gibts was uff die Raffel!“ „ Okay, Räudi. Aba i hann koi Luscht! I will hoim na Segglfingen! .“

Der räudige John schüttelte den Kopf, entgegnete aber nichts mehr, sondern marschierte lieber behenden Schrittes auf die immer näher kommende Stadt zu, wobei er mit der einen Hand das Skateboard, das mittlerweile alle vier Räder verloren hatte und mit der anderen die sich sträubende schwarze Natter hinter sich herschleifte.

Nach zirka fünf Minuten meldete sich die schwarze Natter wieder zu Wort: „ Dauerts no lang?“

„ Natter, nerv net! Un mach endlisch die Handbrems los!“ „Was?“ „Ei die Brems! Mer komme doch gar net gescheit vorwärts hier!“ „Aba des Brettle hat do gar koi Roife mehr drauf!“

 

Der räudige John explodierte daraufhin: „Jetz basse ma acht, du Weischei! Du gehst mir uff die Nüss mit deim Gejammer! Wenn du net sogleisch die Fress hältst, dann setz isch disch midde zwische dene Türm da ab, dann kannste disch mit dene Padschacke an de Konschtablerwache rumschlaache. Oder die sisch mir dir...“, der räudige John kratzte sich am Kopf und ergänzte: „Un falls du den Kampf gewinne dust, dann bringste gleisch was zum kiffe mit, des des klar is!“

Als daraufhin keine Antwort kam, hakte er nach: „Is des klar odder net!“

Die schwarze Natter nickte zerknirscht: „Ja, isch klar, Bruder. Aba drotzdem han i en saumäßige Hunger, mi frierts, i will nahause un überhaupt: wie weit isses denn noch?“

„Jetz reischts, Alder!“, mit diesen Worten zog der räudige John der schwarzen Natter das Skateboard über den Kopf, welche daraufhin ohnmächtig zu Boden sank.

Der räudige John seufzte und kratzte sich am Kopf. „ Isch glaabs net, Alder. Jetz muß isch den Kaputte aach noch schleppe! Herrgott, was haste misch gehaage! Un immer uff de Kopp!“

Als Antwort erklang ein leises Hohngelächter aus einem emsig vorbeirollenden Busch.

John zog sofort seinen Colt, überlegte es sich aber anders, als er in der Ferne Donner vernahm. Er wusste, was folgen würde, wenn er die Geduld verlor.

 

Nach einer kurzen Zigarettenpause schulterte der räudige John alle sieben Satteltaschen, fesselte die schwarze Natter mit seinem stets mitgeführten Gaffertape (auch bekannt als Panzerklebeband) an das arg mitgenommene Skateboard und zog das Ganze mit Hilfe seines Gürtels hinter sich durch die Wüste auf die nun rasch näher kommende Stadt zu.

Seine Hose rutschte nun und er musste sie die ganze Zeit festhalten, aber das war ihm egal, denn seine müden Augen hatten etwas erblickt, was alle Müdigkeit und Frustration von ihm abfallen ließ.

Es war ein Schild, das vermutlich auf den Ortseingang hinweisen sollte, aber es war bereits so verwittert und kaputt, dass nur noch ein einziges Wort darauf zu lesen war:

„Saloon“. Und ein Pfeil, der ihm die Richtung wies.

 

Der räudige John wischte sich Schweiß, Dreck und Motoröl von der Stirn, seufzte und kratzte sich an seinem immer schlimmer juckenden Kopf. Die schwere Last des vielen Gepäcks nebst der schwarzen, gefesselten Natter auf dem Board schien Tonnen zu wiegen.

Aber es ging ihm gut, denn er hatte soeben eine Art – wenn auch völlig menschenleere – Hauptstraße betreten. Ganz hinten an ihrem vermeintlichen Ende meinte er eine einsame, spindeldürre Gestalt auszumachen, die Dinge vom Boden aufzuheben und auf eine bereits hoch und schwer beladene Schubkarre zu stapeln schien.

Rechts und links des Weges befanden sich verwitterte Holzhäuser, die allesamt unbewohnt aussahen, allerdings erblickten seine schmutzumrandeten, so doch scharfen Augen immer wieder weitere Hinweise auf den „Saloon“.

Und die dazugehörigen Pfeile, manche davon fast völlig verwittert und halb im Wüstensand vergraben. Er zog seine rutschende Hose hoch und pfiff sich ein Liedchen.

Der einsame Kojote, der ihn aus Langeweile das letzte Wegstück begleitet hatte, hielt sich die Ohren zu, kniff den Schwanz ein, winkte ab und verschwand in einer Seitenstraße.

 

Der räudige John winkte ihm zum Abschied, hatte jedoch keinen rechten Gedanken mehr an ihn zu verschwenden, denn er war – nach Auskunft des letzten erkennbaren Pfeils – vor einer klapprigen Schwingtür angekommen. Das musste der „Saloon“ sein.

Ein kaum noch lesbares, an einer rostigen Kette schief vom Dachfirst baumelndes Schild verkündete: „Gasthaus zum räudigen Köter“.

Er leckte sich die Lippen vor lauter Vorfreude, wenn auch die vor dem Gebäude geparkten Fahrzeuge ziemlich fragwürdig aussahen und eventuell seltsame Rückschlüsse auf die Gäste des Etablissements geben mochten.

Dort standen sauber aufgereiht ein zerfledderter Besen, ein paar weitere Skateboards, eine Schubkarre, ein oder zwei Bonanzaräder, ein Kaugummi kauender Esel, ein Sackkarren, ein komplett verschissener Vogelkäfig, ein Gummiboot und ein eingerollter Teppich. Jedes dieser Vehikel war ordentlich am Halfter an einem eigens dafür angebrachten Haken an der Wand vertäut.

John schüttelte den Kopf und dachte: „Alles Bekloppde hier, was will mer aach anneres erwatte. Awwer is mir scheißegal jetz. Isch will endlisch en Schobbe!“

Er klopfte der immer noch besinnungslosen Natter so vorsichtig er konnte auf die Wange, das heißt, er verpasste ihr eine saftige Ohrfeige. „Ey Alder, uffwache, mir sin endlisch angekomme!“, sein Freund jedoch rührte sich nicht. Also stellte der räudige John ihn einfach samt Brett und Satteltaschen neben den Bonanzarädern ab, band alles ordentlich fest, zog seinen Hut tief ins Gesicht, klopfte sich etwas Staub vom Mantel, was aber ziemlich sinnlos war, und stieß mutig die quietschenden Schwingtüren auf.

 

Was er sah, ließ ihn vor Ehrfurcht zuerst erstarren und dann auf seine räudigen Knie fallen:

Direkt vor ihm befand sich eine riesige Theke, hinter der sich einige vollbusige, halbnackte Mädchen tummelten, ein oder zwei auch darauf. Davor saßen zwei extrem abgerissene Cowboys auf wackeligen Barhockern und schütteten in enormer Geschwindigkeit Getränke in sich hinein. Doch viel wichtiger: er erblickte Flaschen über Flaschen vollen Likör, Whiskey und Rum, Schnaps in Hülle und Fülle, dazu ein paar mächtige Bierfässer, die eine ganze Längsseite des Schankraumes einnahmen. Er roch den ihm vertrauten und heiß geliebten Duft nach Fusel und altem, abgestandenen Rauch, atmete tief ein, hob die Hände zur Decke, und noch während er zu Boden sank (in extremer Zeitlupe, sein dreckiger, langer Mantel wehte effektvoll hinter ihm her und kam erst zirka eine Minute später unten an), breitete er die Arme aus und rief inbrünstig: „Danke!!!“  Er zerquetschte irgendetwas bei seinem Kniefall, hatte aber weder Lust noch Zeit nachzusehen, was das gewesen war. Es roch ein wenig, aber das war ihm egal, denn er stank so oder so zum Himmel.

 

Der räudige John stand schließlich wieder auf, schritt zügig zum Tresen, zeigte auf ein Bierfass und griff sich eine der Whiskeyflaschen. „ Des hätt isch gern, Mädelsche. Fürs erste!“, sprach er herausfordernd und schaute der Bedienung tief in Augen und Ausschnitt, die die Nase rümpfte, aber nichts sagte, sondern das Gewünschte servierte.

Sein versifftes Auftreten war ihm zuerst etwas peinlich, aber ein Blick durch den Raum überzeugte ihn davon, dass das unnötig war. Das Interieur war genau so vergammelt, wie es von Außen den Anschein gehabt hatte. Er war erleichtert.

 

Als er zirka die Hälfte des Fasses und die erste Flasche geleert hatte, fand er etwas Muße, sich weiter in der Kneipe umzuschauen: in der einen Ecke befand sich eine gigantische, halb vermoderte Wanduhr, direkt daneben standen einige wacklige, aber mit allerhand zwielichtigen Gestalten vollbesetzte Pokertische. Am Boden lag ein so durchgescheuerter Teppich, dass man den fleckigen Boden hindurch sehen konnte.

Die gegenüber liegende Ecke war mit einer ebenfalls uralten Jukebox belegt, der räudige John wunderte sich etwas, denn wozu braucht man eine Jukebox, wenn es keinen elektrischen Strom gibt. Er konnte keine einzige künstliche Lichtquelle entdecken und schloss daraus, dass hier die Elektrizität noch nicht erfunden war.

Es spielte trotzdem Musik, denn neben der Jukebox stand ein beinahe auseinander fallendes Piano, auf das ein vierschrötiger, dicker schwitzender Kerl einprügelte, was das Zeug hielt. Auf dem Klavier stand ein bei jedem neuen Tastenhieb überschwappender Bierkrug, so dass der Klavierspieler fast völlig durchnässt war, aber das schien ihm egal zu sein. Die anwesenden Gäste ignorierten ihn sowieso.

Einzig ein paar rattenartige kleine Tiere, die blitzschnell in die Ecken schossen und sich versteckten, wenn die riesigen Stiefel der Pokerspieler, die allesamt außerordentlich nervös zu sein schienen, ihnen zu nahe zu kommen drohten, hörten ergriffen zu und tuschelten miteinander.

 

Der räudige John rülpste laut, kratzte sich am Hintern und murmelte zwischen zwei tiefen Zügen aus seinem Bierkrug: „Eklisch, Alder. Wenn des des Gesundheitsamt mitkriesche tut, dann is hier awwer aach Schluss mit lustisch, ey...“

Die Bedienung warf ihm einen mitleidigen, dennoch hasserfüllten Blick zu und polierte weiter mit einem dreckigen Lappen an einer völlig verkrusteten Bratpfanne herum.

Der räudige John warf sich in die Brust, kniff die Augen zusammen (er hatte das einmal in einem Western gesehen und glaubte, es sähe cool aus), tippte sich an den Hut und drehte sich zu ihr um:

„ So Mädelsche, und jetz saache ma ebe aa, wann de hier Feieraambd hast unn was mer dann mache, mir zwaa beide!“

 

 

Währenddessen vor der Kneipe:

 

Die schwarze Natter hob mit letzter Kraft den übel zugerichteten, dreck- und blutverkrusteten Kopf und schlug langsam und vorsichtig die Augen auf. Aber nur um sie sofort wieder entsetzt zuzukneifen:

Er war mit Klebeband und einem extrem übel riechenden Ledergurt an eine Art Brett gefesselt, und zwar so fest, dass er kein einziges Glied rühren konnte. Das wäre aber bei mindestens einem davon dringend nötig gewesen, denn er musste ganz dringend pinkeln.

Vor sich sah er eine vergammelte, löcherige Bretterwand, die dann und wann furchtbar wackelte, das geschah immer in Verbindung mit einem Quietschen und lautem Gegröle, das von dem kommen mochte, was jenseits der Wand lag. Die schwarze Natter folgerte messerscharf, dass da eine Tür sein musste. Doch wo führte sie hin? Er schauderte und ihm wurde noch ein wenig schlechter, als es eh schon war. Er war sich ziemlich sicher, dass er da nicht hinwollte. Er wollte immer noch heim. Nach Seggllfingen. Und er hatte fürchterliche Kopfschmerzen.

 

Nach einer Weile vernahm er ein leises Kichern und Flüstern, und ihm war, als huschte irgend etwas an ihm vorbei, um ihn herum und schließlich sogar auf ihm herum.

Mit einem gequälten Stöhnen riss er die Augen wieder auf, denn die schwarze Natter hatte nur vor einem noch mehr Angst als vor der Dunkelheit: Ratten!

Er wand sich verzweifelt auf seinem Brett und fantasierte über von Nagetieren übertragbare Krankheiten wie Pocken, Pest und am Ende noch die Syphilis (die schwarze Natter war sich da nicht völlig sicher, aber es konnte ja immerhin sein) und versuchte, wenigstens den Kopf ein paar Zentimeter zu drehen.

Das klappte zumindest so weit, dass er ein paar seltsame, kleine Wesen erkennen konnte, die geschäftig, aber anscheinend völlig planlos umherwuselten und sich aufgeregt miteinander zu beraten schienen. Komischerweise schienen sie auch noch auf dem Kopf zu stehen.

 

Er schüttelte den Kopf, versuchte zurückzuweichen soweit möglich, was aber nicht besonders viel brachte, und bemühte sich, seinen Magen unter Kontrolle zu behalten, als ein mutiges Exemplar der kleinen, pelzigen Tierchen auf seine Schulter sprang und an seinen Zöpfen herumzuknabbern begann. Und weil das so kitzelte, musste die schwarze Natter erst niesen und dann kichern.

Das Tierchen rief herunter zu den anderen: „Hö, Gummbels, der löbt no, der Gerrl!“, woraufhin diese in laute Jubelrufe ausbrachen. Darauf folgte wieder eine ausgedehnte Diskussion, als deren Ergebnis die Pelzigen wie auf Kommando auf die schwarze Natter sprangen und begannen in Sekundenschnelle das ganze Gaffertape und die stinkenden Lederriemen nicht nur durchzunagen, sondern komplett aufzufressen.

 

Die schwarze Natter fiel kopfüber in den Dreck, rieb sich den nun noch schlimmer schmerzenden Schädel und freute sich über die Tatsache, dass die Welt auf wundersame Weise wieder richtig herum gedreht worden war. Auch die kleinen Pelztiere wirkten nun wesentlich weniger bedrohlich, nun, da sie sich weiter unten befanden und obendrein gerade angefangen hatten, eine Art lustiger Parade aufzuführen. Manche trugen kleine Pelzmützen und Abzeichen, andere sogar Armbinden. Viele schwenkten Fahnen mit einem seltsamen kleinen militärisch anmutenden Emblem darauf.

 

Ha noi, was ischn des für` n komischer Verein!“, die schwarze Natter rieb sich die Augen und vergaß sogar für einen Moment seine Kopfschmerzen und alles andere.

Sofort kam die fröhliche und einstimmige Antwort aus gut hundertunddreizehn Kehlen: „Yö, mer sin die Höhlblöggerdierschn!“

 

 

Drittes Kapitel: Der durstige Ringo und die Hohlblockertierchen

 

Während die schwarze Natter sich noch immer wunderte, was es mit den komischen kleinen Armeetierchen, die aus irgendeinem Grund nicht nur sprechen konnten, sondern auch noch auf Sächsisch, einem Dialekt, von dem er immer Ausschlag bekam, seiner plötzlichen Befreiung und noch viel wichtiger, wie um alles in der Welt er überhaupt schon wieder in so eine Situation gekommen war, auf sich hatte, wischte sich der räudige John ein wenig Spülwasser aus den Augen, leerte seinen Hut und wrang seinen Ledermantel aus.

„Ei was is die dann so stinkisch“, murmelte er und schüttelte sich kräftig, so dass die gesamte Pokerrunde vor dem Tresen nass wurde und diverse Fäuste in seine Richtung wiedergeschüttelt wurden.

 

„Jetz reescht eusch bloß net so künstlisch auf, ihr Debbe“, rief der räudige John hinüber und kratzte sich ausgiebig. „Ab un zu muß mer sich aach emal wasche, wißt ihr des dann net, ihr Drecksäu?“

Er leerte dabei seine Stiefel aus und schnippte sich geistesabwesend ein paar Zigarettenkippen vom Revers. Die hübsche Bedienung hatte nämlich dem räudigen John soeben nicht nur einen Eimer Spülwasser ins Gesicht geschüttet, sondern auch gleich den Aschenbecher über seinem Kopf ausgeleert. „Isch kann eusch nadüürlisch aach aane uff die Fress haage!“, setzte er freundlich hinzu.

 „Die Leut sin hier escht zickisch, leck misch am Arsch“, murmelte er bei sich. „ Kaa Humor net, un schtändisch so en Stress“, schimpfte er weiter und zog seine Stiefel wieder an. „Awwer der Schobbe schmeckt. Mädelsche, noch zwaa!“, rief er frohgemut und duckte sich für den Fall, dass hinter der Theke noch weitere Eimer parat stünden. Er fand, es sei genug mit der Körperpflege für diesen Tag und zündete sich eine Zigarre an.

Die Pokerspieler beschlossen, dass es kein Glück für die Partie brächte, sich mit einem Verrückten anzulegen, der obendrein so komisch redete und dermaßen stank, dass es so oder so schwierig war, sich auf die Karten zu konzentrieren. Alle – auch der räudige John- setzten sich wieder.

Die Wanduhr in der Ecke schlug Zwölf.

 

Die uralte Tür der Uhr öffnete sich mit einem gequälten Quietschen ihrer rostigen Scharniere. Langsam streckte sich ein langer, faltiger Hals durch den Spalt, auf dem ein empört dreinblickender gnomiger Knopf saß. Einige in der Nähe herumkrabbelnde Hohlblockertierchen zuckten ängstlich zusammen, als sich auch noch ein paar spindeldürre, krallenartige Hände hinterher schoben und eine hohle Stimme erklang: „ Was issen des für en jeesesmeesische Krach hier midde am Dach! Herrgottsjeesesgreizsagramendnochemal, des is doch zum Haarölsoische, so kann i net arbeite!“

Die Hohlblockertierchen sahen sich schuldbewußt an und zuckten die Schultern. Da keiner für den Moment wußte, was er sonst machen sollte, nahmen sie auf Geheiß ihres kleinen mutigen Anführers mit der Armbinde „ Lingszwodrei, ein Lied! Höhlblöggermarsch!“ Formation ein und begannen eine Parade. Vorsichtig und immer den diversen Stiefeltritten und Stuhlbeinen ausweichend, die so oft ihre Reihen erheblich ausdünnten.

 

Ein paar Köpfe am daneben liegenden Pokertisch drehten sich irritiert, als auf einmal laute Marschmusik erklang, darunter der vom dreckigen Jimmy, was dessen Sitznachbarn, dem ralligen Django, Gelegenheit gab, ihm in die Karten zu kucken.

Django war inkognito unterwegs, daher nannte er sich an diesem Abend „El Toro“, trug einen Sombrero mit langen Plastikhörnern, einen angeklebten Schnurrbart und einen Poncho. Das kam daher, dass er bereits allen anwesenden weiblichen Thekenkräften die Ehe versprochen, ihre kompletten Ersparnisse verspielt und sich anschließend aus dem Staub gemacht hatte, und zwar allen gleichzeitig.

Dummerweise war der „Räudige Köter“ das einzige Wirtshaus weit und breit. Und Django hatte fürchterlichen Durst. Die aus diesem Grund alle fünf Minuten in Richtung Tresen gebrüllte Bestellung „Zwansisch Tequilla, un zwar zackisch!“ verriet ihn jedoch bald.

Er warf die Karten hin, trat den ekligen Eddie, der links neben ihm saß, diskret vors Bein und sprach: „Isch bin raus, aber wenn du wissen willst, was der auf der Hand hat“, dabei zeigte auf den noch immer abgelenkten dreckigen Jimmy, „gibste mir fuffzich Steine!“

 

„Ja gut, was hatter denn“, wollte der eklige Eddie, der immer Pech im Spiel hatte, begierig wissen, denn er hatte noch mehr Schulden als der rallige Django. Und dazu ein schlimmes Hautproblem.

„Drei Asse, fünf Könige, und e Pärsche!“

Eddie schüttelte den Kopf und kratzte an einem Pickel: „Aber es gibt doch gar keine fünf Könige! Das sind ja dann auch neun Karten zusammen. Ich hab gedacht, wir spielen hier Poker und nicht Mau Mau!“

„Merkste was“, antwortete Django fröhlich und raffte mit geübter Hand an sich, was auf dem Tisch lag. „Die Drecksau spielt falsch!“  

Der rallige Django wünschte allen Anwesenden noch einen schönen Abend und trat eilig den Rückzug aus der brenzligen Situation und an die Theke an. Das sollte sich noch als eine ziemlich blöde Idee erweisen. Alle am Tisch zogen die Waffen.

 

Der durstige Ringo sah sich aufgrund des allgemeinen Chaos aller Aufmerksamkeit beraubt und schüttelte wütend den Kopf. „Oi verdammt nochemoi, was isch dann jetz wieder los! So kann i net...“, setzte er erneut an, die Blechbläsergruppe der Hohlblockertierchen spielte einen Tusch, in welchen Shaker Charlie, der Pianospieler in der Ecke, begeistert einstimmte.

Der eklige Eddie und der dreckige Jimmy sprangen daraufhin mit gezogenen Colts auf, um dem ralligen Django nachzusetzen, welcher schnell in Richtung Herrentoilette verschwand.

Die Damen von der Theke sicherten blitzschnell alle Notausgänge und die Eingangstür, allesamt bewaffnet mit Feuerlöschern, Hackmessern und Baseballschlägern.

Der durstige Ringo stieß ein schrilles Wutgeheul aus, der mittlerweile sturzbetrunkene räudige John drehte sich langsam auf seinem Barhocker, um zu verfolgen, wohin denn die Bedienung verschwunden war und was eigentlich hinter seinem Rücken vor sich ging.

Ihm war bloß der stetig ansteigende Geräuschpegel aufgefallen.

Als er des durstigen Ringos ansichtig wurde, der immer noch verzweifelt in der Tür der alten Wanduhr hing, rief er begeistert aus: „Ey! Was bist dann du für einer!?“ und brach in wildes Gelächter aus.  

 

Alle Köpfe fuhren herum, urplötzlich war es totenstill im Raum. Bis auf das falsche Pianospiel aus Pianist Panzers Ecke, denn der hörte erst ab ca. 120 Dezibel.

„Oh weh...“, setzte der dreckige Jimmy an und der eklige Eddie ergänzte. „...er hat den durstigen Ringo angesprochen...“, woraufhin der sitzen gebliebene Rest der Pokerrunde im Chor deklamierte: „...und alle wissen, was das heißt...“, die Bardamen ließen ihre Waffen fallen, schlugen entsetzt die Hände vors Gesicht und jammerten „...er ist verloren...der schöne Fremde...“, nur die coole Kitty trat aus ihrem Separee, von dem aus sie bislang das Geschehen beobachtet und die Abrechnung gemacht hatte, griff sich nach einer wohl bemessenen Schrecksekunde eine Machete, die üblicherweise Dekorationszwecken diente sowie den Scheuerlappen und begann, die Theke abzuwischen.

Der räudige John zuckte seine räudigen Schultern, drehte sich wieder um, bestellte sich einen Whisky und fragte: „Ei wieso dann jetzt?“

Er achtete dabei auf respektvollen Abstand, denn seine Ohren waren noch immer voller Wasser. Die coole Kitty klatschte den nassen Lappen vor ihn auf den Tresen, stemmte die Hände in die Hüften und sprach: „ Nicht nur unverschämt, sondern auch noch bekloppt, der Kerl. Jeder weiß, dass den, der mit dem durstigen Ringo redet...“ „...dessen unabwendbarer Fluch trifft!“, vollendete der rallige Django den Satz, zog seinen Sombrero tief ins Gesicht und nahm auf dem Barhocker neben dem räudigen John platz. „Und zwansich Tequilla noch, bitte!“

Die coole Kitty schnaufte entnervt, verdrehte die Augen und stellte eine neue Flasche Tequila sowie zwei Gläser vor die beiden. Urplötzlich materialisierte sich zwischen den beiden ein halb durchsichtiger dritter Barhocker mit dem durstigen Ringo obendrauf, der sie fröhlich grüßte:   „Gutabend, die Herrn! Jetz hemmer den Salat!“ Und tatsächlich, auch ein drittes geisterhaftes Glas war erschienen und alle drei füllten sich auf wundersame Weise.

 

„Na dann Prost“, meinte der räudige John ergriffen und stürzte seines herunter, woraufhin „El Toro“, alias der rallige Django und der durstige Ringo es ihm gleichzeitig nachtaten. Die coole Kitty schüttelte den Kopf, als sie verfolgte, wie beim durstigen Ringo der Schnaps einfach durch den Kopf nach hinten auf die schmutzigen Dielenbretter klatschte. „O Mann,“ seufzte sie, „was `e Verschwendung.“ Sie notierte alles dem räudigen John auf seinen Deckel und beschloss, es ihn später abarbeiten zu lassen. Auf möglichst effiziente Weise.  

Der räudige John und der rallige Django tauschten einen viel sagenden Blick aus. Worauf der rallige Django sagte:„Halt dei Raffel, des war eindeutisch, du zahlst die Rechnung!“ Er grinste breit. „Weil so kleine Deckelsche wie isch hab, da passt nämlisch auch gar nichts drauf.              Und...Miss Kitty.. meine zwansisch Tequilla  noch  bitte, der räudige Hund neben mir bezahlt alles!“ „Isch geb dir gleisch räudiger Hund“, schnaufte John und ballte die Fäuste.

 

Der durstige Ringo stieß ein kurzes „Oh- Oh!“ aus, und rutschte wie auf Geisterschienen einen halben Meter nach rechts. Denn da kam er auch schon geflogen. Der rallige Django krachte quer in den Raum.

Der durstige Ringo meinte verträumt lächelnd: „Meine Fresse, der Schlag war satt wie ich früher!“

,,Ei was dann, haste disch früher aach immer geprüschelt oder was?“, erkundigte sich der räudige John interessiert, und streckte seinen dreckigen Hals, damit er auch etwas sehen konnte.

 

Während dies geschah, tastete sich die schwarze Natter vorsichtig eine steile Kellertreppe hinunter.

Er hatte sich schließlich getraut und die vergammelte Brettertür geöffnet, die ins Innere des Gebäudes zu führen schien. Die kleinen pelzigen Tierchen waren durch ein Mauseloch in der Wand nach drinnen verschwunden, natürlich nicht ohne der schwarzen Natter gebührend zu salutieren. Mit einem Extratusch. Er war verwirrt und kratzte seinen Federschmuck.

Er wollte noch immer nicht wissen, was sich jenseits der Bretterwand befand, hinter der mittlerweile Kampfgeräusche zu hören waren. Aber er musste nun wirklich ganz dringend aufs Klo.

Von dem er verzweifelt hoffte, das es im Untergeschoß zu finden war, denn er hatte schreckliche Angst, in die Prügelei im Schankraum verwickelt zu werden.

 

Unten angekommen blickte er verzweifelt um sich, in dem funzeligen Licht einer dreckigen Sturmlaterne konnte er außer einigen Bierfässern und dem gigantischsten Haufen Leergut, den er je gesehen hatte, drei Türen erkennen.

Er rüttelte an der ersten, was nichts nutzte, denn sie war verschlossen.

Die schwarze Natter fluchte und kletterte über das Leergut, um zur zweiten Tür zu gelangen, die ein eindeutiges Brandzeichen aufwies: „Toilette“. Allerdings nur auf Kniehöhe.

Er schüttelte den Kopf, stieß sie mit letzter Kraft auf, stolperte in den dahinter liegenden stockdunklen Raum, fand den Lichtschalter nicht, fluchte nochmals, riß sich dabei die Hose herunter und schiffte einfach in die Finsternis. Auf seinem müden Gesicht machte sich ein breites Grinsen der Erleichterung breit.

 

Nach zirka fünf glücklichen Minuten ließ ihn lautes Geschrei herumfahren, er starrte in grelles Licht und eine wütende Stimme pöbelte: „Was hast Du in meinem Geldschrank verloren, du Depp?! Na warte, dir leucht ich eine ein!“, die Stimme wiederholte das mehrmals als eine Art Echohall, was die schwarze Natter schaudern ließ. Und das war auch das Letzte, worum er sich Gedanken machte, denn ein heftiger Schlag auf den Kopf, begleitet von Glassplittern und einem Funkenregen ließen ihn augenblicklich in Ohnmacht fallen.

Ein paar eilig vorbeihuschende Hohlblockertierchen, die einen kurzen Blick auf die am Boden liegende schwarze Natter warfen, tuschelten miteinander: “Gugge ma dö, der Gerrl is scho wieder dicht... mehr död wie lebendisch, der Dyp!“, und verschwanden kichernd in der Dunkelheit.

 

Als die schwarze Natter viele Stunden später erwachte, war noch immer stockdunkle Finsternis, nein, nicht ganz: eine einsame Laterne erhellte den dreckigen Kellerraum und die schwarze Natter fand sich in einer Art üblem Deja vu gefangen. Er lag noch immer am Boden und konnte sich schon wieder nicht bewegen. Im schwachen Lichtschein entdeckte er, dass er mit hunderten und aberhunderten Stückchen Panzertape an den Betonboden festgeklebt worden war.

 

Diese Geschichte ruht nunmehr seit ca. 2 Jahren. Und die arme Natter klebt noch immer am Boden fest. Eine Fortsetzung folgt demnächst. Es wäre ihm zu wünschen.

 

C. Mertens/ A. Haas 2007/2008