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Das Reptil-Star-Kollektiv- gelebte Kunst.

 Der kleine Satyr

Von Christina Mertens

 

 Vor einer langen, langen Zeit kletterte der kleine Satyr aus seiner Höhle, kämmte sein schwarzweißes, zerzaustes Satyrhaar zurück und setzte die Sonnenbrille gerade.

 Es war ein wunderschöner Tag, und er war fest entschlossen, hinauszugehen und Abenteuer zu erleben, schließlich hatte er sich nun so lange vor der Öffentlichkeit versteckt, dass er sich kaum mehr an die Sonne erinnern konnte.

Das war so, weil der kleine Satyr immer von Arbeit aufgefressen wurde, ihr wisst schon, das war ernsthafte Arbeit, dringende Arbeit, und wirklich sehr wichtig.

 Er war immer froh und glücklich, wenn er arbeitete, er liebte es, all die Instrumente allein und gleichzeitig zu spielen, alles aufzunehmen, es nochmals aufzunehmen und in einer anderen Sequenz abzumischen, Tonbänder mitzuschneiden und alles nochmals abzumischen. Den lieben, langen Tag saß er fröhlich zwischen hohen Verstärkertürmen vor seinem großen, blauen Bildschirm und klopfte den Takt zur Musik mit seinen kleinen, haarigen Satyrfüßen.

  „Musik“, dachte er bei sich und grinste durchtrieben – ein wenig, denn der Satyr war von Natur aus ein netter und umgänglicher Kerl- „lässt einen nie seine guten Vorsätze vernachlässigen“, er nickte: „nicht, wie das betrügerische Weibsbilder zu tun pflegen“.

Früher oder später entpuppten sie sich alle als Katastrophe, soviel wusste er.

Verschwendeten ihm Zeit und Geld.

Er hatte definitiv keine Verwendung mehr für Solcherlei, also hatte er sich entschlossen, lieber zu tun, worin er gut war: seine Sachen zu spielen und Freude in die Welt zu bringen.

Über Kabel, damit ihn keiner sah.

Der Satyr war über die Jahre hinweg ein wenig scheu geworden, und ziemlich desillusioniert dazu. Er überprüfte nochmals sein Spiegelbild und strich die weißen Streifen in seinem Haar zurück. Er zuckte die Schultern: „Verwegen.“

 Er lebte nun schon seit einer sehr langen Zeit auf diese Weise, und das nicht schlecht, denn seine Musik machte viele Leute glücklich und ließ (als Nebeneffekt) Ströme von Geld in seine Taschen fließen, welche eines Tages platzten, so dass er begann, ordentliche, kleine Haufen davon im Hinterzimmer aufzustapeln. Das mittlerweile auch schon ziemlich voll gestopft war. Er dachte darüber nach, ein Haus zu kaufen, oder vielleicht lieber einen Container, denn er war wirklich kein guter Haushälter. Derlei machte ihn nervös, denn war ein Hauskauf nicht die Vorstufe zum Sesshaft werden, was wiederum unweigerlich zu einer weiteren Satyrfrau führen würde, und natürlich zu einem Haufen quietschender Satyrkinder.

Auf keinen Fall“, er motzte ein bisschen herum, dann entschied er, zuerst noch seine alte Schubkarre und einige Müllsäcke zu füllen, und später über die Angelegenheit nachzudenken.

Vielleicht würde er hinausgehen und alles im Hinterhof vom Studio vergraben.

Schließlich vergaß er die ganze Sache komplett. Er war einfach zu beschäftigt.

 

 Als er einen letzten Blick über sein geliebtes Keyboard, die glänzenden, neuen Verstärker

(schlussendlich hatte er die Idee niedergekämpft, dass es Unglück bringt, Geld auszugeben, denn das war Technik und eine Ausnahme von der Regel), und seinen nun leeren Sitz (viele Jahre des ununterbrochenen Gebrauchs hatten darauf einen exakten Abdruck seines kleinen Satyrarsches hinterlassen) inmitten eines enormen Durcheinanders aus Bändern, Kabeln, Kaffeetassen und anderem Zeug schweifen ließ, seufzte er tief.

Er wusste bereits, er würde das später bereuen. Wie üblich.

Aber er konnte nichts tun, denn er hatte den Ruf der Wildnis vernommen!

 Genau genommen war er mitten in der Nacht auf seinem Stapel alter Langspielplatten und Tonbänder aufgewacht, den er für den Fall, dass er zu müde zum weiterarbeiten wurde, in der Ecke liegen hatte.

Er hörte eine komische, kleine Tonfolge kristallklar in seinem Kopf, also sprang er auf, stieß sich den Kopf, stolperte, fiel aufs Gesicht, fluchte, stieß sich wieder den Kopf und schaffte es dann schließlich ans Keyboard.

Nach ein paar Aufnahmen und Wiederaufnahmen schleuderte er das Gerät quer durch den Raum, schrie „Das ist es nicht!“, und schnappte sich seine Gitarre.

Und dann...er bemerkte, dass die sechste Saite, ihr wisst schon, die ganz links außen, angefangen hatte, zu glühen!

 „Verdammt noch mal“, dachte er bei sich und kratzte sich den Kopf, was seine wilden Satyrhaare in alle Richtungen zeigen ließ.

Dann fing das Ding auch noch an, mit ihm zu sprechen, es war wie ein Flüstern, zuerst dachte er, das sei eine böse Nachwirkung des Tinnitus, den er sich vor ein paar Wochen wegen - wieder einmal- viel zuviel Arbeit eingefangen hatte.

Aber nein, sie glänzte golden und blinkerte genau im Takt zu den magischen Worten, die dazu in seinem Kopf erklangen: „Wenn dir Reichtum und Ruhm zum Glück nicht mehr genügen , mach dich auf, Sohn, geh raus, stürz dich rein ins Vergnügen!

 Der kleine Satyr saß wie festgenagelt auf seinem Stuhl, die Gitarre in der Hand, und hörte sich das wieder und wieder an, irgendwann fanden seine Hände wie von selbst die richtigen Griffe und nach einer kleinen Weile hatte er sie:

die magische Melodie zu den magischen Worten!

 Der kleine Satyr war so aufgewühlt, dass er sie sofort in sein Mobiltelefon einprogrammierte, er pfiff sie den ganzen Tag und die darauf folgende Nacht lang, er installierte sie als Türklingel, Anrufbeantworter, Mikrowellensignal, Klospülung, einfach alles.

Das hätte er nicht tun müssen, um sich an die Melodie zu erinnern, die in seinem Kopf zu brennen schien, genau wie die Worte dazu, aber schließlich war er immer dafür zu haben, seinen Studiokollegen einen üblen Streich zu spielen, also konnte er nicht widerstehen.

Und wie sie das zu schätzen wussten.

 Nun, um die Wahrheit zu sagen, für sie war das natürlich nur eine Melodie und ein bescheuerter Reim, und niemand würde ihn dazu kriegen, sein Geheimnis preiszugeben, außer natürlich die geschwätzige Saite, die sich vielleicht einfallen lassen würde, alles herumzuerzählen, also nahm er sie von seiner Gitarre, installierte eine normale und trug sie fortan um den Hals wie eine goldene Kette. Sich in Sicherheit wiegend, was das anbetraf, ging er wieder an die Arbeit.

 

 Genau sieben Tage später konnte es der kleine Satyr nicht mehr aushalten, denn die Melodie summte nicht mehr nur in seinem Kopf, sondern schien eine Art Basstrommel zu schlagen, was ihm ernstliche Kopfschmerzen verursachte.

Die magische Saite hatte sich jeden Tag ein wenig fester um seinen Hals gezogen, ihm ins Ohr geflüstert und gesäuselt und ihn auf jede nur mögliche Weise umgarnt, so dass er sich schließlich auf der Türschwelle des Studios wieder fand.

Er zog die schalldichte Eisentür auf, was ein quietschendes Geräusch verursachte, denn sie war nun schon seit vielen Jahren nicht mehr geöffnet worden.

Für Lieferungen wurde immer eine Extradurchreiche untendrunter benutzt, damit das Licht nicht hereingelangen und den kreativen Prozess stören konnte. Müll wurde auf dieselbe Weise hinausbefördert, die Studiobetreiber hofften immer, dass ihn jemand aufheben und wegschaffen würde, aber niemand wusste das so genau, und niemanden interessierte es wirklich.

Spinnweben beiseite wischend trat der kleine Satyr schließlich vor die Tür und schnüffelte.

Oh“, sagte er und lächelte, „das also ist er wieder: der Duft der Außenwelt.“ Er zog die Nase kraus und schnappte nach Luft, „Ziemlich stinkig, nicht?“, murmelte er und schaute zu Boden.

Er stand inmitten eines gigantischen Müllhaufens.

Eine Ratte trippelte vorbei und grüßte freundlich. „He, Kumpel“, sprach er den pelzigen Gesellen an, „welche Jahreszeit haben wir?“ „Es ist Frühling, Dummkopf!“, die Ratte schüttelte ihren langen Schwanz und zeigte die Zähne.

Wirklich...“, der kleine Satyr war irritiert, denn er hatte letzthin nicht einmal mehr vom Wechsel der Jahreszeiten Notiz genommen, aber in der Tat, als er schließlich über den Müllberg geklettert war, konnte er sehen, dass die Bäume angefangen hatten, kleine, grüne Dinger hervorzubringen, was er als Beweis anerkannte.

Nun, darf ich höflich fragen, welches Jahr wir haben?“, fuhr er fort und die Ratte schlug sich vor die Stirn. „Na, die Neunziger hätten wir hinter uns!“, antwortete sie und brach in Gelächter aus. „Danke, mein Freund!“, der kleine Satyr winkte der Ratte zum Abschied und ging die Straße hinunter, geradewegs in die Richtung, in der er die Innenstadt und ihre ganzen Bars in Erinnerung hatte.

 

 Er stieg in einen Bus ein, was er sofort bereute, denn jemand fing eine Schlägerei an, sobald sich die hydraulischen Türen mit einem saugenden Geräusch geschlossen hatten. Das kam wegen der „Beförderung nur für Inhaber mit gültiger Fahrkarte“ – Sache, welche alsbald zum „Lynchen wir den Kontrolleur“ – Spiel führte, weil keiner der Fahrgäste bezahlen wollte.

Der kleine Satyr fühlte sich ein wenig unwohl, weil er bei solchen Spielen noch nie gut war, er vertraute lieber auf seine schnellen, kleinen Satyrfüße, die ihn immer wie der Wind aus jeder Art von Ärger heraus trugen, aber es hatte keinen Zweck, denn die Türen waren automatisch verschlossen. Und er hatte keinen Fahrschein.

 Doch die Göttin der Hoffnung, des Transportes und der immer sicheren Überfahrt wachte gütig über unseren Helden, und so kam es, dass er einen kleinen Gummihammer in seinen angstschwitzigen Händen fand, was ihm die Möglichkeit gab, das Rückfenster gleich über dem Auspuff einzuschlagen und bei letzter Gelegenheit zu entkommen.

 Er versteckte sich unter einem Busch gleich neben der Fahrbahn, wischte sich Blut, Schweiß und Diesel vom Gesicht und versuchte, Atem zu schöpfen.

Ihm war schlecht von den Abgasen, die er versehentlich tief inhaliert hatte, weil ihn das so sehr an seine guten, alten Rauchertage erinnert hatte.

 Hierbei muss erwähnt werden, dass der kleine Satyr vor einiger Zeit das Rauchen aufgegeben hatte, das war, als er die studioeigene Marihuanaplantage abholzen musste, um mehr Platz für die Geldsäcke zu haben. Er schüttelte den Kopf. Er hatte vergessen, Geld mitzunehmen!

 

 Es war nun zu spät, zurückzugehen und welches zu holen, er wagte es nicht mehr, Bus zu fahren, aber er machte sich keine Sorgen. Schließlich war er in einem weit entfernten Land aufgewachsen, in dem es nur ein existierendes Gesetz gab: „Geh auf die Rolle, aber spar deine Kohle!“, also bürstete er sich den Schmutz von den Klamotten – er war ein sehr reinlicher Kerl, weil seine Satyrmama ihm das eingeschärft hatte, und deshalb trug er immer eine Bürste mit sich herum, für Zähne, Schuhe, Kleider und alles übrige, es war eine Multifunktionsbürste- und machte sich wieder auf den Weg.

 Er war zuversichtlich, jemanden zu finden, der ihm ein oder zwei Drinks ausgeben würde. Der kleine Satyr war ein außerordentlich attraktiver Bursche, und er würde sich später erkenntlich zeigen, wenn er in der richtigen Stimmung war. Er rieb sich die Nase und entschied, dass er das bereits jetzt war. Und zwar sehr.

 

  Darüber brach die Nacht herein und die Sterne kamen heraus. Es war kalt und es war immer noch kein Zeichen von Zivilisation oder wenigstens eine Kaschemme in Sicht.

Er setzte sich seufzend auf eine einsame Türstufe, holte sein tragbares Keyboard heraus und fing an, ein kleines Lied zu klimpern. Es war ihm nicht bewusst, dass es schon wieder die magische Melodie war, er saß nur da und träumte, beobachtete die Sterne und fantasierte über ein Dutzend Mädchen ohne Namen, aber mit großen Brüsten und Ströme von Alkohol, die niemals versiegen. Bevor all das in einen psychedelischen Alptraum übergehen konnte, bemerkte er, dass die goldene Gitarrensaite um seinen Hals wieder zu glühen begonnen hatte, ihr Schein war so hell, dass er davon geblendet wurde, Sonnenbrille oder nicht, und die Musik war nun wirklich sehr laut.

 Plötzlich traf ihn etwas hart in den Rücken, katapultierte ihn auf die Straße zurück, und er fand sich Auge in Auge mit einem riesigen, ölverschmierten Kerl in Arbeitskleidung und Lederjacke. Er trug einen Werkzeugkasten unter dem einen und einen Kasten Bier unter dem anderen Arm. Und er war außerordentlich schlecht gelaunt.

 „Hör zu, Arschloch“, knurrte der Riese und zeigte mit seinem 75 Zentimeter langen Schraubenzieher auf den kleinen Satyr, „nicht genug, dass diese bekloppten Discotänzer sich jede verdammte Nacht besaufen, Schnaps und Kotze über die Installationen verteilen und meine Kabel ruinieren, nein, heute haben sie` s geschafft. Sie haben die San Francisco- Nebelmaschine kaputtgemacht! Kuck dir das an! Was sollen wir jetzt machen?“ 

Er warf dem kleinen Satyr einen klappernden Haufen Metallteile vor die Füße.

 „Hm...“, antwortete der kleine Satyr schüchtern „...ohne Nebel auskommen?“

„Falsch, Blödmann!“, der Riese schüttelte die Faust. „Ich werd` s reparieren! Wie alles in diesem Scheißladen. Letzte Woche waren` s alle sieben Plattenspieler und die Toiletten.

Diese Woche haben wir eine in Stücke gehauene Bar und zwei tote Barkeeper. Ich hab gerade das Stroboskop wieder angeschmissen, diesmal hab ich` s extrahoch angebracht, so dass keiner drankommt. Ist ziemlich dunkel jetzt, aber das macht denen nichts aus. Sie tanzen. Diese Idioten tanzen immer!“

„Wo?“, fragte der kleine Satyr. Der Riese deutete nach hinten durch zwei große Stahlschwingtüren. „Da. Es heißt „Das Höllenloch“. Der beste Club der Stadt.

Wo kommst du her, vom Mars?“

 „Oh.“ Der kleine Satyr berührte vorsichtig seinen schmerzenden Rücken und schaute sich um.

Sie standen in der Tat direkt vor einem großen Discocasino.

 „Warum ist da kein Werbeschild?“, fragte er. „Fick dich, es ist kaputt. Was sonst.“  

Und er hatte recht, da hing eine völlig zerbrochene, schmutzige Neonreklame auf halber Wandhöhe. „Ich verstehe...“, der kleine Satyr trat nervös von einem Fuß auf den anderen.

Der Riese sprach: „Nun, verschwende meine Zeit nicht länger. Geh da runter, sauf dir einen an, spiel Verstecken oder fall tot um, Kumpel.“

 Er öffnete seinen Werkzeugkasten, holte eine Kettensäge heraus und reichte dem kleinen Satyr ein Bier. „Sag, Larry schickt dich.“ „Wer?“ „Larry. Der Mechaniker. Das bin ich.“ Der Riese zog seine Mütze.

 Der kleine Satyr trank einen Schluck, verbeugte sich artig, lächelte und schüttelte Larrys große, dreckige Hand. „Freut mich, dich zu treffen. Ich hoff, du kennst meinen...hm, nein.

Ich bin bloß ein Satyr. Ein kleiner.

 Der Mechaniker nickte und zeigte noch einmal durch die Türen. „Runter da. Ganz runter.“

Er grinste teuflisch und startete die Kettensäge.

 „Danke sehr.“ Der kleine Satyr drehte sich um und begann, eine lange Treppenflucht hinunter zu steigen, an deren anderem Ende er nichts als Dunkelheit ausmachen konnte.

Er war aufgeregt.

 

 Die magische Gitarrensaite mit ihrem goldenen Schein würde ihm den Weg zeigen, soviel wusste er. Also vergaß er seine Angst und pfiff sich eins, als er die Treppen hinunterkletterte. Es war schon wieder die magische Melodie!

 Er war sich ziemlich sicher, dass einem netten Burschen wie ihm nichts wirklich Böses zustoßen konnte, war es nicht seine Mission, Freude in die Welt zu bringen, und sich selbst auch ein Bisschen.

 Er kratzte sich an den Eiern, weil es dunkel war, und das deshalb keiner sehen würde, lächelte ermutigt und zog den roten Samtvorhang am Ende der Treppe beiseite. Um das zu tun, benutzte er ein Seil, was ihn in seiner Dramatik unmittelbar an den schwulen B-Film Actionhelden erinnerte, dessen Filmdebüt er gerade im Studio vertonte.

Er fühlte sich so mutig, dass die Göttin der himmlischen Verwandlung und Transformation dreimal wohlwollend mit dem Kopf nickte, ausspuckte und ihn sofort zu einer Größe von 25 Metern anwachsen ließ.

 Weil aber ihre göttliche Schwester, zuständig für Rache, Zerstörung und Durcheinander

(keine Garantieleistungen, kein Regress)solche Dinge nicht leiden konnte, und stattdessen lieber Ärger machte, ließ sie ihn sich den Kopf böse an den Lautsprechern stoßen.

Larry hatte sie extra hoch angebracht, gleich neben dem Stroboskop, damit ihnen nicht wieder etwas passiert.

 Ein grellweißer Lichtblitz blendete das Publikum! Die Explosion drehte jeden Kopf im Raum in Richtung des kleinen Satyrs, der mittlerweile gigantisch groß war.

Die Musik brach ab, er bemerkte diverse Brände ringsherum, Leute kreischten, Glas splitterte, im Barbereich brach eine Schlägerei los, und er saß in der Mitte eines fürchterlichen Durcheinanders. Er bemerkte, dass er blutete, aber weit schlimmer, er vernahm ein wohlbekanntes Geräusch, das sich die Treppe herunter näherte.

 Es war Larry, und er hatte seine Kettensäge dabei!

 

 Zur gleichen Zeit erhob eine einsame Lady mit feuerroten Haaren im Hinterzimmer zum ungefähr fünfzigsten Mal ihr Glas. „Auf abwesende Freunde...“, sprach sie zu den beiden Kerlen auf dem Barhocker neben ihrem, sie konnte sich nur nicht entscheiden, welcher von ihnen wirklich war. „Keiner von euch“, fuhr sie fort und wandte sich dem chinesischen Barkeeper mit dem Drachenkopf zu. „Ihr Wichser spinnt sowieso alle!“, sprach sie und drohte mit einem klauenbewehrten Finger, lächelte großzügig und seufzte „Noch einen...“

 Der Barkeeper nickte verständnisvoll und begann, zu mixen, als eine seltsame Stimme quer durch ihren Kopf schoss, und sie mitten zwischen die Augen traf. Der Gesang ertönte zu dem allerdümmsten Lied, das sie in ihrem ganzen Leben gehört hatte, obwohl sie mittlerweile glaubte, sie alle gehört zu haben, und zwar so verdammt laut, dass sie darüber stocktaub geworden war. Aber das war ihr egal, denn dadurch hatte sie einen brillanten Sinn für Vibrationen entwickelt.

 Diese Fähigkeit  entpuppte sich in genau diesem Moment als außerordentlich nützlich, denn alle Lichter gingen urplötzlich aus, die Musik brach ab, irgendetwas explodierte im Bereich der Tanzfläche und die Schockwelle ließ Flaschen und Gläser ringsum zerbersten.

Dann brach das Chaos los.

 Die Lady wickelte sich ein wenig fester um ihren Barhocker, um nicht vom Sitz gefegt zu werden und griff in der Dunkelheit nach einer intakten Flasche. Sie hatte Glück.

 

 Man nannte sie das Pythonmädchen, weil sie halb eine Frau und halb eine Boa war.

Von ihrem dicken Hintern an nach unten lief ihr Körper in einen wunderschönen, rotgelben Schlangenschwanz aus. Und sie lebte größtenteils von Dieselkraftstoff, aber dazu kommen wir ein etwas später.

 Das Pythonmädchen pflegte früher in einem Wanderzirkus zu arbeiten, aber man hatte sie gefeuert, weil sie eines Nachts den Direktor erwürgt und Schnappschüsse davon ins Internet gestellt hatte. Nun hatte sie einen Job als Stripperin, sie wand sich allnächtlich auf dem Tresen, um den Getränkeabsatz anzukurbeln. Dies war ihr freier Tag.

 Sie hatte deshalb auch ihre Kamera dabei, und natürlich die Schreibmaschine, da sie immer auf dem Laufenden bleiben wollte und auf diese Weise zu Ruhm und Ehre zu kommen gedachte.

Mit der Liebe hatte sie es aufgegeben, seit der Echsenkönig sich eines traurigen Tages mir nichts dir nichts aus ihrem Leben geschlängelt hatte.

 „Liebe stinkt“, murmelte sie, reichte die Flasche an ihre beiden Sitznachbarn weiter, verfehlte in der Dunkelheit die Richtung und zerschlug sie irrtümlich auf jemandes Kopf.

Das Pythonmädchen war manchmal etwas ungeschickt.

 „Verzeihung“, sagte sie und hob den Kopf in die Richtung, aus der sie das Lied vernommen hatte. Es hatte aufgehört, deshalb glitt sie von ihrem Sitz, leckte sich die Lippen und bahnte sich in totaler Dunkelheit vorsichtig schlängelnd einen Weg durch die Menge.

 

 Der kleine Satyr war verwirrt und hatte Angst, üblicherweise hätte er sich in einer solchen Situation unter einem Tisch oder hinter dem Tresen versteckt, jedes winzige Loch wäre gut geeignet gewesen, allerdings nicht die Art Loch, über die er noch vor nur ein paar süßen Minuten nachgedacht hatte. Oder er wäre einfach weggerannt, aber es gab keinen Ausweg, denn er war einfach viel zu groß.

 Die ganzen Tische waren sowieso in Stücke gehauen, die Bar brannte, und der kleine Satyr (um Verwirrung zu vermeiden, nennen wir ihn einfach weiter so) bemerkte umher fliegende Körper, die an die Wände klatschten und zu Boden rutschten, um dort den Geist aufzugeben, der Boden selbst war blutgetränkt und sehr schlüpfrig.

 Larrys Kettensäge säbelte sich ihren Weg durch die Menge mit einem kreischenden Crescendo und wurde vom Wutgeschrei des Riesen begleitet: „ Ich kündige, verflucht!“, vernahm er, und Genug ist genug!“, gefolgt von „Wer war das!“ sowie „Ich schneid ihn in Stücke, und zwar sofort!“, und noch eine Menge mehr.

 Der kleine Satyr schwitzte und zitterte gleichzeitig, aber er konnte sich nicht bewegen, also stülpte er sich einen der zerbrochenen Lautsprecher über den Kopf und hoffte auf das Beste.

 Er hörte Menschen schreien und vernahm noch mehr Explosionen, die Wände des Gewölbes wackelten und er dachte „Das ist nun das Ende. Ist das  peinlich.“

Wiederholt wünschte er sich, er hätte niemals sein sicheres Studio wegen eines leichtsinnigen Abenteuers verlassen.

 Wenn er wenigstens eins erlebt hätte, aber nein, sein Pech hatte ihn direkt und ohne Umschweife mitten in den schlimmsten Ärger schlittern lassen. Wie immer.

Das Leben war einfach nicht fair.

 

 Er betete gerade für einen schnellen und möglichst nicht zu schmerzhaften Tod in der Dunkelheit, das Licht war mittlerweile wieder an, aber das bemerkte er nicht wegen der Bassbox, in der sein Kopf steckte, als er ein Zupfen an seinem Bein fühlte.

 Er versuchte, das zu ignorieren, aber es zog immer fester und fester, irgendetwas hatte sich überflüssigerweise um seine beiden Beine geschlungen, und versuchte, ihn wegzuzerren!

  „Das Lied, du Idiot, das magische Lied!“, vernahm er eine zischelnde Stimme und versuchte, sich an die Worte zu erinnern, schaffte es nicht, versuchte es weiter, bis ihm fast die Augen vor Anstrengung aus den Höhlen sprangen, und da war es endlich mit einem goldenen Schimmer: „Wenn dir Reichtum und Ruhm zum Glück nicht mehr genügen....“, begann er, und die Lautstärke des Massakers ringsherum sank sofort auf ein erträgliches Maß.

Die Stimme kreischte fast: „Weiter, Dummkopf, weiter...“, und er fuhr fort „..mach dich auf, Sohn, geh raus, stürz dich rein ins...“ „Ja, das ist es, schneller, verdammt noch mal!

 Es war nun fast völlig still, man konnte nur noch das weit entfernte Geräusch einer Kettensäge vernehmen. Der kleine Satyr fühlte sich krank und müde. Er wollte nur ausruhen. Mit letzter Kraft seufzte er „ ...Vergnügen!“ und wurde ohnmächtig.

Das Letzte, an das er sich erinnerte war, dass jemand vorsichtig die Bassbox von seinem Kopf nahm, seine Haare zurückstrich und ihm einen Kuss auf die verschwitzte Stirn drückte.

Gut gemacht, mein Junge. Hier bin ich.“ Dann wurde alles schwarz.

 

 Der kleine Satyr öffnete die Augen und sah direkt in den sternengesprenkelten Himmel, zumindest schien es so.

In Wirklichkeit lag er auf einer schäbigen, roten Brokatbank in einem schwarzen, dreckigen Raum und besah sich die winzigen Glühbirnen an der Decke.

 Jemand hatte sie in den alten Zeiten da angebracht, als dieser Ort noch ein Hurenhaus war,

um eine Art romantische Stimmung zu erzeugen, so dass niemand die Heruntergekommenheit des Etablissements sowie der Angestellten bemerkte, bevor es zu spät war.

 Dem kleinen Satyr in seinem schlimmen Zustand erschien es allerdings wie der Himmelstempel, soweit er davon eine Vorstellung hatte.

 Er befühlte seinen Kopf und verzog das Gesicht, als er etliche dicke Beulen ertastete, die mindestens die Größe durchschnittlicher Kürbisse hatten.

Und weiter wuchsen.

 Er kontrollierte sein Portemonnaie, erinnerte sich, dass er sowieso kein Geld dabei hatte und war erleichtert. Um so mehr, als er feststellte, dass seine Größe wieder die übliche war. So um die 1,30 Meter.

 Er richtete sich auf, um sich umzusehen, und sah...nichts. Der dunkle Raum kam ihm bekannt vor, aber er war völlig verwaist, obwohl irgendwo im Hintergrund leise Musik spielte.

 Er stützte die Ellbogen auf den Tisch vor sich und wartete ab.

 

 Mit einem klingelnden Geräusch entzündeten sich auf einmal sieben Kerzen, und mit einem Ploppen erschien eine Ansammlung von fünfundzwanzig Gläsern Whiskey vor ihm.

 „Unglaublich...“, dachte er und beobachtete weiter, als ihn eine fröhliche Stimme direkt neben seinem Ohr aufspringen ließ: „Abendessen ist fertig!“, verkündete sie.

 Seine Haare standen wieder einmal in alle Richtungen, als hätte ihn ein elektrischer Schlag getroffen. Nach allem, was er durchgemacht hatte, waren seine Nerven nicht mehr die besten.

 „Bleib sitzen, bitte“, fuhr die Stimme fort.

Er setzte sich also wieder hin und drehte langsam und vorsichtig den Kopf.

 Er sah eine seltsame, rothaarige Dame mit einer sehr großen Nase und einem leichten Silberblick neben sich sitzen, nein, sie bewegte sich vielmehr die ganze Zeit auf und nieder, weil sie auf ihrem gut gepolsterten, eingerollten Schlangenschwanz saß. Sie hatte vier bis fünf Arme mehr, als das normalerweise der Fall sein sollte, jeden mit zwei Händen am Ende, die Flaschen, Gläser, Teller mit Zitronenscheibchen, zerstoßenem Eis und einen Cocktail- Shaker hielten. Und sie schüttelte sehr gekonnt.

 

 Der kleine Satyr war wie hypnotisiert von all dem Auf und Ab und dem Effekt, den die vielen Tätowierungen auf den ganzen Armen der Dame zauberten, während sie schüttelte, es war wie im Film.

 Sie bemerkte sein Starren und musste lachen, während sie noch ein paar Zutaten in die Drinks mischte, eine Pfeife anzündete, tief inhalierte, sie dem kleinen Satyr reichte und sich dann bequem zurücklehnte.

 „Trink, mein Freund. Ich hörte, du kommst deswegen.“

Das riss den kleinen Satyr aus seiner Agonie und er erwiderte eifrig: „Jeder muss stoned werden!“, wobei er sich im Geiste an den Kopf fasste.

Wie bescheuert, so etwas zu sagen.

 Er stürzte zwei der Whiskeys hinunter, schauderte und sah sie wieder an.

 „Du hast sieben Fragen an dein Schicksal, mein Schatz, genau so viele, wie Kerzen brennen“, sagte sie lächelnd und strich ihm zärtlich das Haar glatt: „Also was ist dein Begehr?

 Sie hatte furchtbar lange Fingernägel und trug so etwas Ähnliches wie ein Korsett, aus dem ihre Brüste jeden Moment heraus zu fallen drohten, weil es ein wenig zu eng war. Oder sie waren einfach zu groß.

Der kleine Satyr versuchte, nicht allzu offensichtlich hinzustarren, denn selbst in einer solchen Situation erinnerte er sich seiner guten Manieren.

 „Hm, gut“, er räusperte sich. „Wo sind wir?

Im „Höllenloch“, alternative Version. Ein wenig früher“, sprach die Dame und schlängelte. Hoch. Runter. Nochmals.

 Er wurde allein vom Hinsehen so aufgeregt, dass er sich nicht helfen konnte und einige weitere Gläser leerte. „Nächste Frage, bitte!“ sagte sie.

 „Wie bin ich hier hergekommen?“, fragte er weiter. „Mit dem Bus“, antwortete sie und lächelte wieder. „Komm schon, verschwende nicht deine sieben goldenen Chancen mit Schwachsinn, den sowieso jeder weiß“, sprach sie und schüttelte ihren schönen Kopf.

 „Noch fünf...“ „Nein, nein, wie bin ich HIER hergekommen?“, hakte er nach.

 „Schicksal. Der Zeittunnel. Donnerschlag. Ich weiß es nicht. Fragen wir das Rad!“, schlug sie vor, und ein großes, glitzerndes Glücksrad materialisierte sich so plötzlich auf dem Tisch, dass ein Glas Whiskey dabei umkippte.

 Der kleine Satyr gab dem Rad einen Schubs, während die Dame das Glas nachfüllte.

 „Ist das ein Bonus?“, wollte er wissen.

Ja. Still jetzt...“sagte sie, denn das Rad war in Mittelposition stehen geblieben.

 Die Dame lachte und klatschte in die Hände: „Oh, ich wusste es!

 Der kleine Satyr lehnte sich gespannt über den Tisch: „Was sagt es?!

 „Ein Bisschen Liebe und Hingabe“, antwortete sie strahlend und verzog dann das Gesicht. „Plus ein wirklich blödes Ende.“ „Was?“ 

Keine Ahnung. Wir werden sehen. Nächste Frage, bitte...“ Der kleine Satyr war verwirrt und ergriff ein weiteres Glas.

 „Ich vermute, deine Klauen hängen da sowieso mit drin...“, sprach er und grinste. Ihm war allmählich schwindlig.

 „Das ist keine Frage!“Aber hab ich recht?“Ja. Was auch immer. Stell die nächste Frage, bitte!

 Er rieb sich die Nase, wie immer, wenn er nachdachte, und grinste noch ein wenig breiter, als ihm auf einmal aufging, wer ihn aus Larrys Kettensägenmassaker gerettet hatte.

 

  „Cool“, begann er wieder, „Und wer bist du?“

Ich bin die siebenarmige Göttin des Schnapses und der Trunkenheit, die Hüterin des Feuerrings von Sex und Drogen und Rock` n` Roll bis zur Dämmerung der Zeit oder wenigstens bis zur Sperrstundenzeit, die Besitzerin des heiligen Rausch- Hutes und das meisttätowierte Orakel in dieser schönen Kneipe. Ich arbeite auch an der Bar.

Man nennt mich das Pythonmädchen.“

 „Ich verstehe...“, der kleine Satyr musterte sie schon wieder von oben bis unten und sie errötete tief.

 „Hey!“, brüllte sie, „Ich bin eine so- gut- wie- weltberühmte Schriftstellerin und eine vollwertige Frau!

 Sie schüttelte eine Faust, und der kleine Satyr wurde ziemlich nass, da sie eine offene Flasche Absinth in eben dieser Hand hielt.

 „Zum Teufel, nein, ich hab kein Wort gesagt...“ meinte er schnell und trocknete sein Gesicht.

Diese Frau hatte wirklich Temperament.

 „Nächste Frage, bitte...“, schniefte sie und sah ihm tief in die Augen. Er kippte drei der verbliebenen Whiskeys, einen nach dem anderen. Sie war wirklich schön. Auf eine äußerst beunruhigende Weise.

Er fasste sich ein Herz, lehnte sich zu ihr hinüber und küsste sie.

 

 Das war der aufregendste und verrückteste Kuss, den er je erhalten hatte, denn sie hatte nicht nur sieben Arme, sondern schien auch eine Menge mehr Münder zu haben, als äußerlich sichtbar waren, und jeder schmeckte nach einer anderen Sorte Alkohol.

Und als sie ihren Schlangenschwanz um ihn schlang, war ihm, als müsste er jeden Moment explodieren.

Schließlich schubste sie ihn zurück auf seinen Sitz.

  „Willst du mich heiraten?“, platzte es aus ihm heraus, bevor er darüber nachdenken konnte, was er da sagte. „Bist du bescheuert? Ganz bestimmt nicht!“, antwortete sie und brach in Gelächter aus. „Ich stell hier die Fragen“, erwiderte er und lachte mit.

 „Und du hast nur noch zwei übrig...“, erinnerte sie ihn kichernd.

 „Sind diese zwei echt?“, fragte er mit einem erneuten Blick in ihren wogenden Ausschnitt. „Bitte sag` s mir...“

Der kleine Satyr war nun wirklich betrunken.

 „Ja, sind sie. Dies ist deine letzte Frage. Denk gut darüber nach. Sie könnte dein ganzes weiteres Leben beeinflussen, also verschwende sie nicht mit Scheißdreck wie die anderen...“, sagte sie sanft und nahm seine Hand.

 Und ja, es stimmte, es brannte nur noch eine einzige Kerze.

Der Tisch war nun leer, denn der kleine Satyr hatte alle 25 Whiskey geschafft.

Er hätte gern noch etwas bestellt.

Und er wollte diese Frau, verdammt, er wollte sie mehr, als er jemals irgendetwas gewollt hatte. In diesem Moment hätte er all seinen Reichtum gegeben, um sie zu besitzen, sein ganzes Talent, einfach alles.

Er berührte verstohlen die goldene Saite. Was sollte er fragen?

 

 Die wohlbekannten Worte summten in seinem Ohr, „Ja sicher, Vergnügen...“, murmelte er, „Und was zum Teufel meinst du, mach ich hier gerade?“ „Was?“, fragte die Dame.

Nichts. Ich denk nach...“, sagte er.

Kalter Schweiß lief seinen haarigen Rücken hinunter.

Die Zeit lief ab, und er wusste es. Und er musste mal pinkeln. Ganz dringend.

 „Wo ist das Klo, bitte?“, fragte der kleine Satyr, ohne zu bemerken, was er getan hatte.

Das Pythonmädchen schüttelte traurig den Kopf. Alles vergebens. Sie deutete quer durch den Raum, seufzte tief und verschwand in eben dem Moment, als die letzte Kerze mit einem zischelnden Geräusch erlosch.

 

 Der kleine Satyr fand sich urplötzlich an einem völlig anderen Ort wieder. Die schöne, rothaarige Dame war fort. Der Whiskey war fort. Der Club war fort und die Nacht gleichermaßen.

 Ein letzter Nachhall der magischen Melodie echote in seinem Kopf. Sie verhallte langsam, aber der seltsame Geschmack in seinem Mund war noch immer da.

 Er fühlte sich wie von einer Dampfwalze überfahren, aber er stand wieder auf den Stufen zur Studiotür, umgeben vom vertrauten Geruch nach Müll und Rattenscheiße.

 Die Sonne kam soeben hoch. Was für eine Höllennacht!

Er lächelte, schüttelte den Kopf und pfiff sich ein Liedchen, als er die Tür aufschloss. Er gab ausdrücklich darauf acht, dass es nur ein populärer, kleiner Song war.

Er wählte „Louie, Louie“.

 Die schalldichte Eisentür schloss sich mit einem Knall hinter ihm.

Es war ein weiterer wunderschöner Tag.

 

Copyright C. Mertens, 2004